Gorleben

Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist wieder da

So optimistisch waren die Protestler der Anti-Atomkraftbewegung schon lange nicht mehr. Doch nun haben sie Dank der Ereignisse in Asse und Gorleben wieder reichlich Zulauf. Neue Protestaktionen starten. Als erstes geht es mit Treckern von Gorleben zu einer Großdemo in Berlin.

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Deutsches Liedgut pflegte die Anti-Atom-Bewegung schon immer. „Wehrt euch, leistet Widerstand“ sangen die Demonstranten einst traurig. In Gorleben klang das ganz anders: „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin“, stimmten tausend Leute an, der harte Kern der Bewegung, fröhlich wie Fußballfans, deren Klub die nächste Pokalrunde erreicht hat. Und ein bisschen ist es ja auch so.

Schon auf dem Weg zum Salzstock Gorleben hörten Aktivisten Nachrichten, die für sie wie Siegesmeldungen klangen: SPD-Parteichef Franz Müntefering will die Erkundung von Endlagern in Süddeutschland. Das ist Wahlkampf. Die Atomwirtschaft fordert die Bundesregierung auf, Alternativen zu entwickeln, falls Gorleben nicht als Endlager geeignet sei. Das ist schon ernster.

Kein Zweifel, die Anti-AKW-Bewegung hat einen Lauf. Die Menschen, die hier 100 Trecker verabschiedeten, die eine Woche lang zur Hauptstadt fahren und dort am kommenden Samstag eine Großdemo anführen sollen, haben schon viele Demos und Blockaden mitgemacht.

Aber so optimistisch waren sie schon lange nicht mehr. „Wir haben nie nachgelassen.“, ruft Wolfgang Ehmke von der „BI Lüchow-Dannenberg“, wohl Deutschlands berühmtester Bürgerinitiative, von einer auf einem Lastwagen improvisierten Bühne. Eine Bewegung, die an ihre Schwächezeit erinnern kann, muss diese überwunden haben.

Und tatsächlich: Die Jungen und die ganz Jungen rennen den arrivierten Protestlern buchstäblich die Hütte ein. Anti-Atomkraft ist plötzlich wieder angesagt: Das hippe Magazin „Dummy“ aus Prenzlauer Berg plant sogar ein Heft zum Thema: „Wir machen richtig geile Modefotos mit den Jungbauern auf den Treckern“, sagt Chefredakteur Oliver Gehrs.

Das wird Sigmar Gabriel gern lesen. Einer der letzten Stimmungspolitiker der SPD, bedient die neuen-alten Gefühle seit Monaten. Schon im Juli reiste er nach Tschernobyl, um am Todessarkophag deutsche Urängste in Schwingung zu bringen.

Fast zeitgleich musste das nahe Hamburg gelegene Kernkraftwerk Krümmel wegen einer Panne abgeschaltet werden. Erst in dieser Woche fand Gabriels Ministerium Dokumente, die belegen sollen, dass die Wissenschaftler, die Gorleben in den frühen 80er-Jahren für geeignet hielten, auf politischen Druck handelten.

Hier bei den Treckern hat Gabriel nicht viele Freunde. Die Redner halten selbst den rot-grünen Atomausstieg für Verrat an der Bewegung. Dem damaligen Umweltminister Jürgen Trittin haben sie sogar verboten, am kommenden Samstag in Berlin zur Menge zu sprechen.

Marianne Fritzen hat schon mit Trittin gesprochen, mit Gabriel auch und selbst mit Bundeskanzlerin Merkel, die hier alle anderen als „Atom-Angela“ beschimpfen, würde sich Fritzen an einen Tisch setzen. Die 85-Jährige ist die aktuelle Heldin der Bewegung. Denn sie entdeckte vor wenigen Wochen in einem Archiv die Verträge, die das Bundesamt für Strahlenschutz einst mit den Landbesitzern von Gorleben abgeschlossen hat.

Darin stand der Satz „Das nach dem Vertrag eingeräumte Nutzungsrecht ist befristet bis zum 31.12.2015.“ Wenn die Erkundung Gorlebens, die bis 2011 durch ein Moratorium blockiert ist, dann nicht innerhalb von fünf Jahren abgeschlossen ist, was kaum zu schaffen ist, muss neu verhandelt werden.

Dem Eindruck des Laien, die Demonstrationen sähen heute noch genauso aus wie in den 70ern und 80ern, widerspricht Fritzen: „Früher waren die Trecker der Bauern klein und niedlich und die Polizisten trugen Schlagstöcke. Heute sind die Trecker riesig und die Polizisten unbewaffnet.“

Vor genau 30 Jahren fuhren die Trecker von Gorleben in die niedersächsische Landeshauptstadt. Während sie unterwegs waren, gab es den berüchtigten Störfall im amerikanischen Harrisburg. 100.000 Menschen kamen damals zur Abschlusskundgebung und der Ministerpräsident Ernst Albrecht, der Vater von Ursula von der Leyen, erklärte, eine Wiederaufbereitungsanlage im Wendland sei politisch nicht durchsetzbar.

Und wenn der Traum der Jungen und Alten hier tatsächlich wahr würde? Wenn 100.000 nach Berlin kämen und Angela Merkel würde einknicken und auch das Endlager in Gorleben abblasen. Wäre dann auch diese Bewegung Geschichte?

Vielleicht nicht einmal dann. Vor zwei Tagen hat sich ein paar Hundert Kilometer nördlich von hier, im Dorf Wallsbüll an der dänischen Grenze die „Bürgerinitiative gegen das CO2-Endlager“ getroffen. Aktivisten und Bauern berieten, wie sie die Pläne der Industrie, Kohlendioxid zu verbuddeln statt in die Luft zu blasen, stoppen könnten.

„Der Norden darf nicht CO2-Klo Deutschlands werden“, hieß es. Und schon die Erprobung müsste verhindert werden. Der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer, der Stargast des Abends, formulierte, die CO2-Speicherung komme „dem Problem des Atommülls gleich“.