Drogenbericht

Zahl der koksenden Europäer steigt deutlich

Kokain ist laut Experten längst keine Partydroge mehr. Sorgen machen ihnen auch immer neue psychoaktive Substanzen.

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Drogenschmuggler lassen sich immer raffiniertere Techniken einfallen, um Kokain nach Europa einzuschleusen. So werden Jeansstoffe mit einem flüssigen Kokain-Gemisch imprägniert. Auch Bienenwachs, Plastikabfällen oder Düngemittel dienen als Trägersubstanzen für die unsichtbare Substanz. In geheimen Labors vor Ort wird es dann wieder ausgewaschen und zu reinem Kokain verarbeitet. 25 solcher Kokain-Küchen haben die Drogenfahnder im Jahr 2008 allein in Spanien ausgehoben.

Vier Millionen Europäer koksen regelmäßig, wie es im Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) heißt, der heute in Lissabon vorgestellt wurde. „Der Konsum ist enorm gestiegen“, sagte EBDD-Präsident Wolfgang Götz Morgenpost Online. Längst ist Kokain keine Schickimicki-Droge mehr. Es wird mehr und mehr zur „Straßendroge“. Konsumenten sind vor allem junge Männer in Spanien, Großbritannien und Italien. Teilweise erreicht der Konsum schon das Niveau der USA.

Cannabis bleibt die Nummer eins

Vor zehn Jahren war Kokain noch ein „Party-Gag in wohlsituierten Millieus“, sagte Götz. Damals hatte der US-Drogenbeauftragte der Clinton-Regierung die Europäer noch vor einer Kokain-Welle gewarnt. Inzwischen sterben jedes Jahr 1000 Europäer an den Folgen ihres Kokain-Konsums. Auch wenn Kokain nur in kleinen Mengen und unregelmäßig konsumiert wird, kann es tödlich sein. Gewonnen wird Kokain aus den Blättern des Kokstrauchs, der vor allem in Kolumbien, Bolivien und Peru angebaut wird. Über Westafrika gelangt die Droge nach Südeuropa. In letzter Zeit wird aber vermehrt Kokain beschlagnahmt, das über Ostafrika nach Osteuropa transportiert wird.

Kokain ist die zweithäufigste illegale Droge in der Europäischen Union. Spitzenreiter ist und bleibt Cannabis. 75 Millionen Europäer haben Cannabis schon einmal probiert. 23 Millionen rauchen den Stoff regelmäßig – vier Millionen drehen sich sogar täglich ihre Joints.

Rohstoff für Cannabis sind Blüten und Blätter der Hanfpflanze, die vor allem in Nordafrika angebaut wird. Aber auch in Europa spüren die Drogenfahnder immer wieder Hanf-Plantagen auf. Da die Hanfpflanze viel Wärme braucht und daher in Gewächshäusern angebaut wird, setzen sie bei der Suche nach entsprechenden Hallen Wärmebildkameras oder schauen gezielt, wo der Stromverbrauch verdächtig schnell in die Höhe geschossen ist. Vor allem in den Niederlanden entdecken die Drogenfahnder immer wieder illegal angebaute Hanfpflanzen.

Europaweit stellten sie zudem fast 14 Millionen Ecstasy-Pillen sicher; das ist im vergleich zu den Vorjahren ein Rückgang um 14 Prozent. Die sichergestellten Mengen von Amphetaminen nahmen dagegen zu und liegen bei 8,3 Tonnen. Methamphetamin wird derzeit noch vor allem in der Tschechischen Republik konsumiert. Dort wurde in nur einem Jahr die Rekordzahl von 458 Labors ausgehoben. Methamphetamin ist eigentlich ein Medikament, das Piloten im zweiten Weltkrieg verabreicht wurde, um lange wach und konzentriert zu bleiben. Regelmäßiger Konsum aber zerstört die Menschen psychisch und physisch.

Mehr als 70 Tote durch Mephedron

Insgesamt schätzt Götz den Konsum illegaler Drogen in Europa als „stabil, aber sehr komplex und vielschichtig“ ein. Die öffentlichen Ausgaben „für alle Aspekte des Drogenphänomens“ summieren sich nach Angaben des Berichts in Europa auf mindestens 34 Milliarden Euro. Große Sorge bereiten den Drogenbeobachtern neue psychoaktive Drogen, die den europäischen Markt regelrecht überschwemmen. Im vergangenen Jahr wurden 24 neue Substanzen registriert, in diesem Jahr sind bereits 31 neue Substanzen identifiziert worden. Teilweise handelt es sich dabei um Wirkstoffe mit medizinischen Eigenschaften. Gefährlich ist vor allem Mephedron, ein synthetisches Cathinon. In der EU wurden bereits 73 Todesfälle im Zusammenhang mit dieser Droge gemeldet.

Der EBDD-Jahresbericht kann aber auch positive Entwicklungen vermelden. So liegt die Zahl der Heroin-Anhängigen europaweit zwar immer noch bei 1,35 Millionen. Die Hälfte der Junkies aber nimmt inzwischen an Substitutions-Programmen mit Methadon teil. „Es gibt enorme Fortschritte bei der Behandlung“, sagte Götz. Die Einrichtung von Injektionsräumen und die Möglichkeit, saubere Nadeln und Spritzen verwenden hat dazu geführt, dass es den Betroffenen gesundheitlich besser geht. Die Zahl der Aids-Infektionen ist deutlich zurückgegangen. Insgesamt wird Heroin heute seltener injiziert sondern häufiger geraucht und geschnupft. „Noch aber gibt es keine Entwarnung“, sagte Götz. Die Zahl der Drogentoten in Europa liegt nach wie vor bei rund 7000 bis 8000 im Jahr. Heroin ist und bleibt dabei hinsichtlich der Belastungen und Kosten für die Gesellschaft das größte Drogenproblem.

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