Bundeswehr

Afghanistan-Soldaten werden Horror oft nicht los

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Foto: ddp / DDP

Der Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan ist hart, die Angst vor Anschlägen begleitet jeden Schritt. Zuhause zerrt die ständige Furcht an den Nerven der Angehörigen. Nach der Rückkehr stehen viele Soldaten vor psychischen Problemen. Der Gesellschaft ist das bisher kaum bewusst.

Da stand der Bus im Lager. Zerfetzt, immer noch blutverschmiert, abgeschirmt gegen Blicke. Aber jeder Soldat wusste, dass es der Bus war, in dem eine Woche zuvor vier Kameraden bei einem Sprengstoffanschlag gestorben waren und der wegen der Spurenaufnahme noch nicht gereinigt worden war. Das, sagt Hauptfeldwebel Heinz Fischer, war der prägnanteste Eindruck bei seinem ersten Afghanistan-Einsatz im Juni 2003. Die Toten, die ersten Bundeswehr-Opfer in Afghanistan, stammten aus jenem Bataillon in Frankenberg, zu dem auch Fischer gehört. 29 weitere Kameraden wurden verletzt.

Traumata, die Soldaten im Afghanistan-Einsatz erleiden, zeigte gestern Abend der ARD-Spielfilm „Willkommen zu Hause“. Millionen Zuschauer sahen Ken Duken als den Heimkehrer Ben Winter, der nicht vergessen kann: nicht den Geruch von verbranntem Menschenfleisch, nicht die ständige Angst vor Anschlägen bei Patrouillenfahrten, nicht den Krieg und die Armseligkeit des Lebens in einem Land, in dem die Taliban vor über sieben Jahren die Macht verloren und das doch bis heute keine neuen Autoritäten akzeptiert. Ben Winters Freund wurde von einer Bombe zerrissen, aber ebenso gut hätte es den Protagonisten selbst treffen können. Jetzt ist seine Seele verwundet, er hadert mit der Frage: „Warum er, warum nicht ich?“

Fischer kann diese Reaktion verstehen. Dreimal war er bereits in Afghanistan. Einmal für sechs, einmal für fünf, einmal für vier Monate. Nächstes Jahr geht es wieder in das Land am Hindukusch. „Der Einsatz verändert den Soldaten“, sagt der 42-Jährige. „Selbst wer nicht in einen Anschlag gerät, wird mit den Bildern konfrontiert. Da sind die toten Kameraden. Und dann immer wieder tote Zivilisten, tote Kinder, die wegen uns starben. Weil man es auf uns abgesehen hat. Wir sitzen immerhin in geschützten Fahrzeugen. Die Kinder nicht.“

Rund 3600 Bundeswehr-Angehörige leisten derzeit ihren Dienst in Afghanistan. Bis zu 4500 können es entsprechend dem aktuellen Mandat des Bundestages im Laufe des Jahres und im Umfeld der Präsidentenwahlen werden. 30 deutsche Soldaten starben, rund hundert wurden durch Feindeinwirkungen verletzt.

„Viele Ehen gehen kaputt“, sagt ein Bundeswehr-Soldat über die Kameraden im Ausland-Einsatz. „Es ist ja nicht nur die monatelange und oft wiederholte Trennung. Es ist die Angst, die den Ehepartner zu Hause jedes Mal packt, wenn im Radio oder im Fernsehen das Stichwort Afghanistan fällt. Gab es einen Anschlag? Wer fiel ihm zum Opfer? Das hält man nur bedingt aus.“

Der ARD-Film hat Afghanistan zum ersten Mal aus den Nachrichtensendungen und Dokumentationen zu später Stunde in die Primetime geholt und ein unpopuläres politisches Thema auf die beste Sendezeit, die gemeinhin der Unterhaltung vorbehalten ist, gesetzt.

Die weltanschauliche Botschaft des ARD-Dramas kommt allerdings recht einfach daher. Aber es war überfällig, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen auf einen Einsatz, zu dem bislang knapp 60.000 deutsche Soldaten abkommandiert wurden und über den doch kaum diskutiert wird. Von einem „Friedenseinsatz“ spricht das Verteidigungsministerium gern.

Doch die Soldaten, die dort waren, haben immer weniger den Eindruck, lediglich als eine Art bewaffnetes Technisches Hilfswerk zu dienen. Sie tragen zum Wiederaufbau des Landes bei, aber sie werden immer wieder auch mit Gewalt konfrontiert. „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, sagte einst Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD). Doch um Aufmerksamkeit für diese Verteidigungsfront bemüht sich Berlin selten.

„Es ist unsere Aufgabe, unser Beruf“, sagt Fischer, der sich dem Verein „Lachen helfen e.V.“, einer Privatinitiative deutscher Soldaten für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten angeschlossen hat. „Aber die Gesellschaft und die Politik könnten uns besser unterstützen, mehr Anteil nehmen an unserer Arbeit.“ Und die Medien auch, fügt Fischer an. Etwa durch Berichte über den Alltag der Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan auch dann, wenn gerade nichts passiert ist, keine Rakete ins Lager flog und kein Sprengsatz ein Fahrzeug zerstört hat. „Damit unsere Angehörigen zu Hause sehen, dass es auch Fortschritte und Erfolge gibt und nicht nur Gefahr und Elend.“

Die Familien daheim, sagt Fischer, der seit 1985 bei der Bundeswehr ist, „müssen oft den eigentlichen Einsatz leisten: Wenn die Männer weg sind, bleiben die Frauen nicht nur mit der Angst zurück, sondern auch mit dem Zwang, sich alleine um Kinder, Haus, die Anschaffung des neuen Autos, die Steuererklärung zu kümmern.“

Als im September 2008 in der Nähe von Kundus Hauptfeldwebel Mischa M., Fallschirmjäger des 263. Bataillons der Saarland-Brigade, in eine Sprengstofffalle fuhr und starb, lehnte Verteidigungsminister Jung den Begriff, der 29-jährige Soldat sei „gefallen“, noch ab. Erst als wenige Wochen später der Stabsunteroffizier Patrick B. und der Stabsgefreiter Roman S. einem Selbstmordattentäter zum Opfer fielen, bezeichnete der Minister sie als Gefallene. Auch fünf Kinder und ein Zivilist starben damals.

Die Anschläge gehören inzwischen selbst im Norden Afghanistans, der als vergleichsweise stabil gilt und für den die Bundeswehr die militärische Verantwortung trägt, zum Alltag. Soldaten reden miteinander über das, was sie erleben, andere nicht. Das Gespräch aber hilft nicht immer. Da gab es etwa den Kameraden, der nach Rückkehr aus Afghanistan die Truppe verließ, erzählt Fischer. Er konnte, sagt Fischer, keine Uniform mehr sehen.

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