Missbrauchsskandal

Kardinal Marx – Krisenmanager oder Intrigant?

Marx hat einen möglichen Missbrauchsfall zurückgehalten – und informierte das Kloster Ettal erst drei Monate später darüber.

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Am Ende durfte sich Reinhard Marx als Sieger fühlen. Seine Strategie, mit harter Hand den Chefaufklärer im Missbrauchssumpf zu geben, ging auf. Wie der Münchner Erzbischof dabei vermeintliche Schuldige aus dem Weg räumte, stieß zwar viele Kirchenmänner vor den Kopf. Marx verärgerte sogar den Heiligen Vater. In Rom munkelte man schon, das könne ihn den ersehnten Kardinalshut kosten. Aber alles klappte wunderbar: Heute ist Marx mit seinen 57 Jahren der jüngste Kardinal der Welt. Und sein Image als einer der wenigen ehrlichen Aufklärer von Kirchenmissständen strahlt heller denn je. Der „Focus“ kürte den beliebten Gottesmann zu einem der besten Krisenmanager des Jahres 2010. Heute steht Reinhard Marx auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens.

Doch jetzt kommt ein Vorgang ans Licht, der das Bild vom hehren Wahrheitskämpfer schwer beschädigt. In einem Fall aus dem Jahr 2010 hat der Erzbischof Hinweise auf sexuellen Missbrauch monatelang vertuscht. Das belegt ein Papier des Münchner Ordinariats, das der „Welt“ vorliegt. Durch Marx’ Verhalten konnte ein möglicherweise pädophiler Mann unbehelligt als Erzieher weiterarbeiten, und Jugendliche gerieten womöglich in Gefahr.

Verdacht auf mehrfachen Missbrauch

Die Geschichte beginnt mit einem Hilferuf. Am 5. April 2010 geht beim damaligen Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese München-Freising eine E-Mail ein. Der Verfasser behauptet, zu Kindeszeiten mehrfach von einem Erzieher missbraucht worden zu sein, der in Bayern an einem kirchlichen Gymnasium arbeitete. Zwar treffen in dieser Hochphase des Kirchenskandals ständig solche Mails im Münchner Ordinariat ein, aber der Missbrauchsbeauftragte, Monsignore Siegfried Kneißl, wird sofort hellhörig. Denn der beschuldigte Erzieher, so steht es in der E-Mail, hat mittlerweile die Schule gewechselt. Er arbeitet jetzt im Internat der Benediktinerabtei Ettal.

Ausgerechnet Ettal. Das Kloster, in dem es jahrzehntelang immer wieder zu sexuellen Übergriffen und Misshandlungen kam, steht zu dieser Zeit im Zentrum der Kritik. Gibt es nun schon wieder einen neuen Fall, diesmal kein perverser Pater, sondern ein perverser Erzieher? Monsignore Kneißl beantwortet die brisante Mail, und es beginnt ein kleiner Briefwechsel. Man vereinbart, sich persönlich zu treffen, und Kneißl sichert dem mutmaßlichen Opfer Vertraulichkeit zu. Laut Missbrauchsleitlinien von 2002 muss auch der Diözesanbischof Reinhard Marx „unverzüglich“ ins Bild gesetzt werden. Wann genau das geschieht, teilte das Ordinariat auf Anfrage nicht mit. Klar ist jedoch: Das Kloster Ettal wird nicht informiert, obwohl der Beschuldigte dort noch im Dienst ist und möglicherweise eine Gefahr für seine Schüler darstellt.

Fummeleien, anale Vergewaltigung, Oralsex

Da der Hinweisgeber in Spanien lebt, dauert es einige Zeit, bis ein persönliches Treffen mit dem Missbrauchsbeauftragten zustande kommt, bis zum 28. April. Die Geschichte, die das mutmaßliche Opfer erzählt, ist abscheulich: Als Scheidungskind sei er im Jahr 1984 in das Benediktinerinternat Scheyern (Oberbayern) gekommen. Nach etwas mehr als einem Jahr habe ihn ein Präfekt dort über Monate hinweg immer wieder missbraucht: Fummeleien, anale Vergewaltigung, Oralsex. Einmal soll sein Peiniger ihm gedroht haben: „Bete zu Gott, dass ich heute noch zu meiner Schwester fahre, sonst komme ich heute Nacht.“

Monsignore Kneißl hält die Schilderungen für plausibel, er wird den Beschuldigten später bei der Staatsanwaltschaft München II anzeigen. Und auch Erzbischof Marx tritt auf den Plan. Jedenfalls wird das mutmaßliche Opfer später aussagen, es habe kurz nach dem Treffen mit dem Missbrauchsbeauftragten auch eine persönliche Begegnung mit Marx gegeben. Marx, der Kümmerer. Ohnehin ist der Würdenträger laut Missbrauchsleitlinien von 2002 über den Inhalt des Gesprächs zu informieren. Wer immer noch nicht in Kenntnis gesetzt wird, ist Ettal.

In München lässt man sich Zeit. Es sind stressige Tage, und Marx gefällt sich immer mehr als Reformer, der das Kartell des Schweigens zerschlagen will. Im April gewährt er der „Süddeutschen Zeitung“ ein großes Interview. Dort verkündet er: „Wir wollen alles tun, um aufzuklären, wir werden nicht wegschauen, verharmlosen oder auf andere zeigen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist die erste E-Mail über den neuen Ettaler Verdacht bereits zwei Wochen alt.

Warum hält Marx den Fall so lange unter der Decke?

Als das Erzbistum München den Vorgang schließlich an die Staatsanwaltschaft weiterleitet, ist es Sommer geworden. Am 5. Juli faxt Monsignore Kneißl die Angaben des mutmaßlichen Opfers an den Leitenden Oberstaatsanwalt. Auf den Tag genau drei Monate nach dem ersten Hilferuf des Opfers. In dem Fax wird auch die Mail-Adresse genannt, unter der der Hinweisgeber erreichbar ist. Er möchte aussagen. Mittlerweile hat das Erzbistum München sogar im Kloster Scheyern Bescheid gegeben, wo es zu den skandalösen Vorfällen gekommen sein soll – und wo der Beschuldigte seit mehr als 20 Jahren nicht mehr arbeitet. Nur Ettal weiß noch nichts.

Warum hält Marx den Fall so lange unter der Decke? Weil es ausgerechnet um Ettal geht? Der Erzbischof liegt im Streit mit dem Benediktinerkloster. Anfang 2010 wurde bekannt, dass zwischen 1960 und 1990 mehr als 100 Schüler in Ettal misshandelt oder sogar sexuell missbraucht wurden. Der Abt und der Schulleiter von Ettal traten zurück – auf Druck von Marx. Er war der Ansicht, die beiden hätten einen Verdachtsfall vertuscht. Seitdem streiten Ettal und München, ob das Krisenmanagement von Marx richtig und entschlossen war – oder aber eigenmächtig und überzogen.

Deutlicher Wille zur Aufklärung

Der von Marx eingesetzte Sonderermittler bescheinigte den zurückgetretenen Patres einen deutlichen Willen zur Aufklärung. Außerdem schaltete sich der Heilige Stuhl ein. Benedikt XVI. schickte im März zwei Emissäre nach Ettal, die die Vorwürfe gegen Abt und Schulleiter klären sollten. In München musste man damit rechnen, dass die Gesandten – selbst Benediktiner – die zurückgetretenen Patres entlasten würden. Marx drohte eine Backpfeife vom Papst.

Das ist die Situation, als im April 2010 der neue Ettaler Verdachtsfall im Münchner Ordinariat bekannt wird. Kommt Marx die Sache gelegen, weil der Verdacht wieder schlechte Presse für Ettal bringen wird? Auffällig ist jedenfalls, dass der Erzbischof und sein Missbrauchsbeauftragter die Füße still halten, bis die päpstlichen Emissäre ihren Bericht fertig haben. Ihr Urteil: Entlastung für Ettal. Der Abt und der Schulleiter hätten alles richtig gemacht und könnten erneut in ihre Ämter gewählt werden. Dieses Ergebnis wird am Freitag, dem 9. Juli, vom Kloster veröffentlicht und steht am Samstag, dem 10.?Juli, in den Zeitungen. Mit Überschriften wie „Vatikan entlastet Abt des Skandal-Klosters Ettal“ oder „Klatsche für Marx“.

Erzieher beschuldigt

Doch die Freude bei den Benediktinern währt nur kurz. Nur zwei Tage später, am Montag, steht das Kloster wieder in den Zeitungen, aber diesmal mit Überschriften wie: „Wieder Missbrauchsfall in Ettal“, „Wieder Verdacht auf Missbrauch“. Zwei Tage nach dem PR-Coup nun der PR-GAU. Zufall?

Belegt ist jedenfalls, dass sich das Erzbistum München nach langer Untätigkeit ausgerechnet Anfang Juli wieder auf den Fall des beschuldigten Ettaler Erziehers besinnt. Am 6. Juli, einen Tag nach der Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und drei Tage vor der Veröffentlichung des Berichts der päpstlichen Emissäre, schickt der Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums eine Mail an die Opferhilfe-Stelle des Klosters Ettal. Er berichtet den Benediktinern, dass einer ihrer Erzieher des wiederholten sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird.

Dass sich das mutmaßliche Opfer bereits am 5. April an das Erzbistum gewandt hat, erwähnt er nicht. Die Klosterleitung liest die Mail nach eigenen Angaben erst am Donnerstag, dem 8. Juli – und reagiert dann unverzüglich: Der Beschuldigte wird am nächsten Tag einbestellt, mit den Vorwürfen konfrontiert und mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Anschließend, am Samstag, informiert das Kloster die Öffentlichkeit. Der Tenor in der Presse am nächsten Montag lautet: Das Skandalkloster Ettal kommt einfach nicht zur Ruhe. Punktsieg Marx.

Prüfung wegen Verjährung beendet

Ob die Missbrauchsvorwürfe zutreffen, wird wohl nie endgültig zu entscheiden sein. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Prüfung bereits wegen Verjährung beendet. Der beschuldigte Erzieher hat dem Kloster gegenüber angegeben, er könne sich an keine derartigen Vorfälle erinnern. Er ist immer noch beurlaubt, kämpft aber vor dem Arbeitsgericht um seine Rückkehr nach Ettal. Doch egal, wie der Streit ausgeht – schon jetzt ist klar, dass das Verhalten des Erzbistums den Oberhirten Marx nun in Erklärungsnot bringt.

Das Ordinariat verwies gestern gegenüber dieser Zeitung in einer Stellungnahme auf einen Brief des Missbrauchsbeauftragten Monsignore Kneißl an Ettal vom Januar 2011, in dem er angibt, korrekt gehandelt zu haben. In einer Pressemitteilung wies das Ordinariat zusätzlich die aktuelle Berichterstattung der „Welt“ als „unwahr“ zurück. Die Rechtsanwältin Marion Westphal, die im Auftrag des Erzbistums München die Arbeit Kneißls prüft, sagte: „Das Opfer hat dringend um Vertraulichkeit gebeten.“

Deshalb sei der Verdacht so spät weitergeleitet worden. Allerdings heißt es in der Erklärung der Freisinger Bischofskonferenz vom März 2010: „Deshalb empfehlen die bayerischen Bischöfe einstimmig, bei der Überarbeitung der Leitlinien die Meldepflicht bei Verdacht von sexuellem Missbrauch und körperlichen Misshandlungen an die Staatsanwaltschaft festzuschreiben und sie unabhängig davon sofort zu praktizieren.“ Kardinal Marx muss nun dem Eindruck entgegenwirken, er habe ein Hilfegesuch für eigene Machtspiele instrumentalisiert.