Nein, der Mann mit dem weißen Filzhut will nicht mit der Presse sprechen. Er hat die Nase voll, ihm reicht es jetzt. Er habe einmal mit einem Zeitungsfritzen geredet, ein paar Jahre sei das her, der Typ habe ihm das Wort im Mund herumgedreht. Der Mann mit dem weißen Filzhut hat ein schmales, schwarzes Gesicht und einen dünnen Schnurrbart. Er geht am Stock. Er trägt einen goldenen Reif im rechten Ohr. Müde wirkt er und missmutig. Seine Stimme ist hoch, dünn, manchmal ein bisschen schartig.

Nein, er will dem Reporter, der ihn in dieser kriminellen Frühe bedrängt, nicht einmal seinen Namen verraten. Lance Orton, so heißt der 56-Jährige. Und er gilt als der wahre „Held vom Times Square“, weil er als erster die Polizei auf das verdächtige Auto am Platz hinwies – offenbar noch früher als sein Straßenhändlerkollege Duane Jackson, über den gestern auch diese Zeitung berichtet hat.

In der „Today Show“ hat Orton erzählt, was am Samstagabend passierte, als New York haarscharf an der Katastrophe vorbeischrammte. „Zuerst habe ich den Geländewagen nicht weiter beachtet“, sagte er, „aber dann kam Rauch aus ihm. Jemand sagte, wir sollten 911 anrufen“ – die amerikanische Rufnummer für Notfälle. „Aber ich hab gesagt: gar nicht nötig. Ich bin der erste Händler in dem Straßenabschnitt, und ich habe einen meiner Jungs losgeschickt, um einen Polizisten auf seinem Pferd herbeizurufen. Die ganze Situation, der Rauch, es wurde immer schlimmer.“

Der Polizist hörte dann auch Knallen im Inneren des Fahrzeugs. Welche Gefühle Lance Orton heimsuchten, als er hinterher hörte, dass sich Gas und Benzinkanister im Inneren des Autos befanden? „Ich bin froh, dass ich hier bin“, meinte er im Fernsehen und grinste schief.

Orton verkauft nun schon seit mehr als 20 Jahren Luftballons am Times Square. „Was soll ich machen, ich kriege keinen anderen Job.“ Das Hinkebein, das daran schuld ist, dass er einen Stock zum Gehen benötigt, ist eine Kriegsverletzung aus Vietnam. Mehr will er dazu nicht sagen. Er selber sieht sich freilich nicht als Helden. „Ich bin nur ein durchschnittlicher Typ. Ein Bluthund, der auf Ruhm aus ist, sucht Aufmerksamkeit – das bin ich nicht.“

Deshalb redet er eigentlich auch nicht mit Zeitungsfritzen oder Kameraleuten. Die Polizei hat ihn eine ganze Nacht lang dabehalten, der hat er alles erzählt, das muss doch reichen, oder? Trotzdem gefiel ihm, als Angestellte von „Junior’s Restaurant“ sich draußen auf den Bürgersteig stellten und ihm laut Beifall spendeten, als er am Morgen nach dem vereitelten Anschlag zum Arbeitsplatz zurückkehrte. Er ging kurz rein, kam wieder raus, hinkte weiter zur 44. Straße. Ob er stolz sei? „Klar, Mann“, sagte er in die Kameras. „Ich bin ein Veteran. Was dachtest du denn?“

Lance Orton hat eine kleine Schwester. Sie heißt Gina und arbeitet als Psychiaterin für das Justizministerium; ihr Job ist es, Polizisten zu betreuen, die im Job traumatisiert wurden. „Die Sache hätte meinen Bruder das Leben kosten können“, sagte Gina Orton: „Und viele Tausend andere Menschen hätten mit ihm getötet werden können. Grässlicher Gedanke.“

Sie wundert sich gar nicht darüber, dass er so aufmerksam war, wie sie den „Daily News“ verriet. Schließlich hat er schon als kleiner Junge auf sie aufgepasst. Die beiden wuchsen in Wakefield auf, in der Bronx. Und Lance ging immer mit seiner Schwester von der Schule nach Hause, damit die größeren Kinder sie nicht tyrannisieren konnten. „Er gibt acht auf andere Menschen“, sagte Gina.

In den Abendnachrichten war zu sehen, wie Lance Orton sich auf den Rücksitz eines gelben Taxis fallen ließ und sich mit seinem Hut Luft zufächelte. Ein Reporter wollte wissen, welche Botschaft der Held des Tages für die New Yorker bereithalte. Der antwortete: „If you see something, say something.“ Auf Deutsch ungefähr: Wenn euch irgendwas Komisches auffällt, sagt Bescheid. Dann klappte die Autotür zu, das Taxi fuhr los. Bürgermeister Michael Bloomberg hat ihn zum Essen eingeladen. Lance Orton hat höflich abgesagt.