Berliner Umweltzone

Autohalter empfinden rote Plakette als Enteignung

Der Mercedes funktioniert einwandfrei und hat trotzdem einen großen Makel. Seit Neujahr darf Claudia Ehrenstein mit ihrem Auto nicht mehr in die Berliner Umweltzone fahren. Die Politik zwingt die Morgenpost Online-Redakteurin, ihr altes Auto, Baujahr 1989, abzuschaffen. Das empfindet sie als Enteignung.

Foto: Claudia Ehrenstein

Zum Glück hat es kräftig geschneit. Auf meinem Auto liegt eine dicke Schneehaube und verdeckt die rote Plakette auf der Windschutzscheibe. Den verräterischen Schriftzug am Heck habe ich mit einem gezielten Schneeballwurf abgedeckt.

So ist das Auto vorerst gut getarnt. Wird es von der Polizei entdeckt, drohen mir 40 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg. Denn ich wohne in der Berliner Umweltzone. Und dort sind mit Beginn des neuen Jahres nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette erlaubt.

Als mein Auto vom Band lief, stand die Mauer noch; ein Mercedes 190, silbergrau, von 1989. Erst trug der Wagen ein Böblinger Kennzeichen, dann wechselte er nach Ostholstein. Ich habe ihn 2006 gekauft und noch im selben Jahr einen Dieselkatalysator einbauen lassen. Im Fahrzeugbrief steht sogar etwas von „schadstoffarm“. Trotzdem hat es nur für eine rote Plakette gereicht.

Über Nacht ist mein Auto nun zu einem Illegalen geworden. In anderen Städten dürfen Anwohner mit ihrem Rote-Plakette-Auto wenigstens auf dem kürzesten Weg in die Umweltzone hineinfahren und vor der Haustür parken. In Berlin gibt es diese Regelung nicht. So will mich die Politik zwingen, mein altes Auto abzuschaffen. Das empfinde ich als Enteignung. Ich bin mit meinem Auto zufrieden. Es hat einen passablen Kofferraum, ist robust und zuverlässig; ideal für Reisen und Großeinkäufe. Zur Arbeit fahre ich ohnehin mit der U-Bahn.

Mein Kfz-Meister freut sich immer, wenn ich den Wagen zur Wartung bringe. Dann können seine Lehrlinge einmal sehen, was solide Mechanik ist. In den Augen der Politik aber ist mein Auto plötzlich nichts weiter als ein elender Stinker. Eine Rußpartikel produzierende und die Gesundheit des Menschen gefährdende Dreckschleuder, die zumindest in der Berliner Innenstadt nichts mehr zu suchen hat.

Meine Versuche, das Auto auf den neuesten Stand zu bringen, sind gescheitert. Für dieses Modell gibt es keine weitere Nachrüstung. Offizielle Oldtimer mit noch schlechteren Abgaswerten dagegen dürfen auch ohne Feinstaub-Filter in die Umweltzone einfahren. Dafür aber ist mein Auto noch nicht alt genug. So bleibt mir nichts anderes übrig, als es außerhalb des Sperrbereichs abzustellen und bis zur nächsten Reise regelmäßig nach dem Rechten zu sehen – so absurd kann das Leben heute sein.