Massenproteste

Millionen Ägypter feiern auf der Straße ihren Mut

Seite an Seite demonstrieren Millionen von Christen und Muslime in Ägypten für Mubaraks Rücktritt. Und spüren die große Euphorie des Wandels.

Eigentlich herrscht in Ägypten seit zwei Tagen eine Ausgangssperre ab 15 Uhr. Eigentlich. Am Dienstag strömen noch lange nach 15 Uhr Tausende von Menschen in das Zentrum von Kairo, um an der wohl größten Demonstration teilzunehmen, die das Land am Nil in den vergangenen 30 Jahren gesehen hat. Es sind wieder Familien, Gruppen von jungen Leuten, Alte, Arbeiter, Studenten und Kinder dabei, Geschäftsleute und Ärzte, Anwälte und Hausfrauen. Sie alle haben ein Ziel: Das Ende des Regimes Mubarak, ein neues Ägypten.

An allen Zugängen zum Tahrir-Platz stehen Panzer und Soldaten, die den Strom an Menschen dirigieren. Einlass zum Platz gibt es von einer Straße aus, hinaus geht es zu einer anderen Straße. Hunderte junge Freiwillige haben sich zusammengefunden, die Handtaschen kontrollieren und die Männer nach Waffen abtasten. Jeder muss seinen Ausweis zeigen, und immer wieder rufen Jugendliche „Silmiyya, Silmiyya“, was „friedlich“ bedeutet. Sie wollen zeigen, dass hier keine Unruhestifter willkommen sind. „Es geht hier um den Frieden in unserem Land“, ruft eine Frau. Ein Mann stimmt die Nationalhymne an, die sofort von allen Umstehenden mitgesungen wird.

Seit dem frühen Morgen strömen die Menschen auf den Tahrir-Platz, und Stunde um Stunde werden es immer mehr. Wie viele es genau sind, wird niemand genau sagen können. Doch dass es ein historisches Ereignis ist, das hier vor sich geht, ist jedem klar, der in die Gesichter der Menschen schaut. Alle strahlen, die Stimmung ist gelöst, fast wie bei einem Volksfest. Viele halten sich Plakate über den Kopf, einige tragen T-Shirts mit selbstgemalten Aufschriften, viele haben sich die ägyptische Fahne um die Schulter geworfen. Auf den Bannern wiederholt sich in Variationen immer das eine: „Mubarak – 30 Jahre sind genug – das ägyptische Volk will deine Resignation“. Auf einem Banner, das jemand hoch über den Köpfen der Demonstranten angebracht hat, steht nur ein Wort: „Geh“.

Islamische Republik "nicht vorstellbar"

Der Architekt Ali Labib kommt seit Tagen auf den Tahrir-Platz, um gegen Mubarak und das Regime zu demonstrieren. Seine drei Kinder, der Jüngste sechs Jahre alt, sind immer dabei. „Die Stimmung ist unglaublich hier“, sagt Labib. „Die Menschen dürfen sich zum ersten Mal richtig ausdrücken und jeder kann seine Meinung offen sagen.“ Christen und Muslime stehen Seite an Seite, Liberale und Konservative, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Plötzlich beginnt Labib eine Diskussion mit einem Mitglied der Muslimbruderschaft. Es ist ein offener Schlagabtausch.

„Viele Menschen in Ägypten haben Angst vor den Muslimbrüdern, weil sie nicht klar sagen, wofür sie stehen“, sagt der Architekt, der lange Zeit in Deutschland gelebt hat. Sie hätten kein politisches Konzept und würden auf Fragen nie direkt antworten. „Deshalb würden sie bei freien Wahlen auch nie die Mehrheit erzielen“, glaubt Labib. Die Ägypter seien ein freiheitsliebendes Volk, die es lieben zu singen und zu tanzen. Die Angst des Westens vor der Islamisierung Ägyptens hält er für unbegründet. Eine islamische Republik sei am Nil nicht vorstellbar, meint Labib. „Wir wollen unsere Freiheit, keinen religiösen Zwang.“ Die Ägypter würden heute für ihre Würde kämpfen. „Die Menschen im Westen müssen endlich verstehen, dass auch in Ägypten die Würde des Menschen unantastbar ist.“

Es ist ein historisches Ereignis, das sich dieser Tage in Ägypten abspielt und jeder will ein Teil dieses Moments sein. Manche kommen am Morgen, um pünktlich zum Beginn der Ausgangssperre wieder zu Hause zu sein, andere machen sich erst am Nachmittag auf den Weg zum Tahrir-Platz, um den ganzen Abend durch auszuharren. Sie haben beschlossen zu kommen, um zu bleiben, bis Mubarak ihnen endlich zuhört und geht. Endgültig. „Je länger er wartet, desto schlimmer wird es für ihn. Dann kommt er nicht mehr lebend aus dem Land“, prophezeit ein Mann.

"Stimmung erinnert an Leipzig 1989"

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Hala al-Hawari war seit Beginn der Protestbewegung am Tahrir-Platz. Sie ist begeistert, wie organisiert und friedlich die Menschen miteinander demonstrieren, wie Menschen miteinander reden, die sich in ihrem Alltag kaum begegnen, weil sie aus so völlig unterschiedlichen Welten kommen. „Die Stimmung erinnert mich an Leipzig im Jahr 1989“, sagt al-Hawari. Sie war damals mit dabei, als das Volk auf die Straße ging, um für seine Freiheit zu kämpfen. Sie erlebt nun zum zweiten Mal Geschichte, empfindet noch stärker als damals, wie aus vielen Menschen, die dachten, dass sie allein seien mit ihren Wünschen und Hoffnungen, ein Volk wird. „Wir sind das Volk“, sagt sie in fließendem Deutsch und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Angst empfindet sie keine, ganz im Gegenteil. Es ist eine Welle der Euphorie, die sich durch die Menge Bahn bricht. Sie alle scheinen zu spüren, dass ihr Traum von Freiheit und Demokratie zum Greifen nah ist. „Wir alle haben ein Ziel, wir alle glauben an die Demokratie.“

Doch seit Tagen liegt nun auch das gesamte öffentliche Leben in Ägypten lahm. Alle Geschäfte und Banken sind geschlossen, auch die Börse. Analysten befürchten hohe finanzielle Einbußen für die ägyptische Wirtschaft durch die andauernden Demonstrationen und die verhängte Ausgangssperre. Der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle für die ägyptische Wirtschaft neben dem Suez-Kanal, leidet ganz besonders. Die Wirtschaftswissenschaftlerin al-Hawari glaubt trotzdem nicht, dass Ägypten wirtschaftlich zusammenbrechen wird. „Alleine die Einnahmen des Suez-Kanals belaufen sich jährlich auf fünf Milliarden US-Dollar, die Mubarak bisher allein für seine Sicherheitskräfte in Anspruch genommen hat“, erklärt al-Hawari. Stünde dem ägyptischen Haushalt dieses Geld zur Verfügung, wären die Befürchtungen um einen wirtschaftlichen Kollaps völlig unbegründet.

Die Jungen haben das Land verändert

Der 26-jährige Shehab Wagih kämpft schon lange für seinen Traum von Freiheit und Demokratie. Der Ingenieur ist Präsident der Jugendorganisation der Demokratischen Frontpartei. Er war von Anfang an bei den Protesten dabei und glaubt fest daran, dass in der Zukunft in Ägypten eine liberale Demokratie sein wird. „Es wird eine Zeit dauern, aber es wird passieren. Wir müssen den Menschen nur die Wahl geben.“ Für ihn steht fest, dass Ägypten nicht mehr das gleiche Land ist, das es noch vor einer Woche war. „Ägypten hat sich verändert und vor allem das ägyptische Volk hat sich verändert.“

Es sind junge Menschen wie Wagih, die das Land verändert haben. Die sich das Internet zu Nutze gemacht haben, um ihren Traum von einem freien Ägypten Wirklichkeit werden zu lassen, die trotz Verhaftungen und Einschüchterungen daran festgehalten haben. Ihre Waffen waren Twitter und Facebook. „Diese Menschen sind die Zukunft Ägyptens“, sagt al-Hawari. Das Regime habe die Jugend immer unterschätzt und ihnen Bildung verwehrt, um sie manipulieren zu können. „Doch diese Jugend ist besser und intellektueller als jemals zuvor. Denn sie haben sich durch das Internet weitergebildet.“ Diese Freiheit lasse sich nicht mehr rückgängig machen.

Seit Freitag vergangener Woche ist das Internet in Ägypten blockiert. Auch Textnachrichten über das Handy lassen sich nicht mehr verschicken und am Dienstag war auch wieder das Telefonnetz am Tahrir-Platz gestört. Es ist der verzweifelte Versuch des Regimes, die Kommunikationsstränge der Protestbewegung zu kappen. Doch es ist mittlerweile klar, dass sich die Bewegung nicht mehr aufhalten lässt, auch nicht mit solchen Mitteln. Die Kommunikation funktioniert, sei es durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder auf anderen Wegen. Wie genau sie sich organisieren und während der Massenproteste kommunizieren und koordinieren will Wagih nicht verraten. „Vielleicht am Freitag, wenn Mubarak bis dahin endlich zurückgetreten ist“, sagt er voller Zuversicht.