Homosexualität

Amerika rüstet zum Kulturkampf um die Homo-Ehe

| Lesedauer: 9 Minuten
Philipp Neumann

Foto: dpa

Am 4. November wird in den USA nicht nur ein neuer Präsident gewählt. Die Bürger Kaliforniens, Arizonas und Floridas entscheiden auch über die Heirat von Homosexuellen. Die Entscheidung sorgt für viel Wirbel. Vor allem weil im prüden Amerika die gleichgeschlechtliche Ehe die politischen Lager spaltet.

Der Imperial Highway in Los Angeles ist keine Straße, auf der man sich länger als nötig aufhält. Zu keiner Tageszeit, und schon gar nicht mittags um zwölf, wenn die Sonne senkrecht auf den sechsspurigen Asphalt brennt. Trotzdem steht Rick Delano am Straßenrand vor der St-Frances-Kirche und hält den vorbeifahrenden Autos ein Schild entgegen: „Schützt die traditionelle Ehe“ steht darauf. Zehn andere Leute halten ähnliche Schilder hoch. "Das hier ist Krieg!", ruft Delano. "Bürgerkrieg! Ein Kulturkampf!"


Die Autofahrer können ihn nicht hören. Aber die andere Gruppe, die ein paar Meter entfernt steht. "Schützt die Ehe für alle" steht auf ihren Schildern. Es sind die Gegner von Rick Delano. Nein, nicht Gegner. Feinde.


Der Kampf, der in Los Angeles und in ganz Kalifornien tobt, hat nichts zu tun mit Barack Obama oder John McCain. Die Präsidentenwahl ist hier unten an der Westküste der USA längst für Obama entschieden. Der eigentliche Kampf dreht sich um eine der vielen Volksabstimmungen, die am Wahltag, dem 4. November, ebenfalls entschieden werden. Es geht um "Proposition 8", um Antrag Nummer acht. Die evangelikalen Christen, die ihn eingebracht haben, wollen Hochzeiten von schwulen und lesbischen Paaren in Kalifornien wieder verbieten lassen – nachdem sie seit fast einem halben Jahr erlaubt sind.

Die Schlacht um die Homo-Ehe ist voll entbrannt

Wie die Schlacht um die Homo-Ehe ausgehen wird, ist offen. In den Umfragen liegen die Ehe-Befürworter inzwischen vorn, aber das kann sich schnell ändern. Sicher ist nur, dass diese Volksabstimmung eine der teuersten in der Geschichte der USA wird. Beide Seiten haben bislang mehr als 60 Millionen Dollar für Plakate und für Radio- und Fernsehspots ausgegeben. Je länger der Kampf dauert, desto tiefer wird der Riss, der die liberalen Metropolen San Francisco und Los Angeles vom konservativen Rest Kaliforniens trennt. Ausgerechnet jetzt – der Zufall will es so – kommt hier ein Film in die Kinos, der diesen Riss dokumentiert. Er erzählt die Geschichte von Harvey Milk, des ersten Abgeordneten in Amerika, der offen schwul war und für mehr Rechte für Homosexuelle kämpfte. Und der vor 30 Jahren erschossen wurde.


Rick Delano, der Aktivist auf der Straße, interessiert sich nicht für den Film. Ihm geht es um den Erhalt von Staat und Gesellschaft, wie er sagt. Darum, was die Justiz darf und was das Volk will. „Wir müssen uns vor Richtern mit Allmachtsfantasien schützen“, sagt er. „Und vor Homosexuellen.“


Kalifornien, Massachusetts und Connecticut sind die einzigen US-Staaten, in denen Schwule und Lesben richtig heiraten dürfen. Nicht nur symbolisch, sondern so wie andere Paare auch. Ein Urteil des Obersten Gerichts von Kalifornien hat dies möglich gemacht, seit Juni ist es rechtskräftig. Seitdem ist ein wahrer Heiratsboom ausgebrochen. Die Richter hatten mit ihrer Entscheidung das Ergebnis einer Volksabstimmung aus dem Jahr 2000 ungültig gemacht. Damals ?hatten sich mehr als 60 Prozent der Kalifornier gegen die Homo-Ehe ausgesprochen.


Für Delano und seine Mitstreiter ist das der eigentliche Skandal. „Richter sollen die Gesetze auslegen und nicht neu schreiben“, sagt der zweifache Vater und gläubige Katholik. Deshalb sollen die Kalifornier am 4. November für einen neuen Satz in der Verfassung stimmen: „Nur die Ehe zwischen Mann und Frau ist in Kalifornien gültig und anerkannt.“ So oder so ähnlich steht es schon in den Statuten von etwa der Hälfte der US-Bundesstaaten. Auch die Bürger von Arizona und Florida müssen zu diesem Thema am 4. November an die Urnen gehen.


"Wenn die Institution Ehe geschwächt wird, schwächt das unsere ganze Nation", ruft Ron Prentice vom Rednerpult der St-Frances-Kirche. Er ist einer der Anführer der Kampagne gegen die Homo-Ehe. 200 Leute sind zu seiner Kundgebung in Los Angeles gekommen, sie haben alle große Schilder dabei: „Vote Yes on Proposition 8“. „Für die Rechte der Eltern“. „Für religiöse Freiheit“. Kinder und Religion – das sind die größten Waffen im Kampf gegen die Homo-Ehe.


"Wird Homosexuellen die Ehe erlaubt, riskiert jeder, der sie aus religiöser Überzeugung ablehnt, eine Klage wegen Diskriminierung", sagt Jesse Clark, ein Zuhörer, der sich als sehr religiös bezeichnet. Tatsächlich gibt es Fälle, in denen Geschäftsleute und Organisationen verklagt wurden, weil sie Schwulen und Lesben keinen Raum vermieten, sie nicht fotografieren oder sie kein Kind adoptieren lassen wollten. „Unsere Verfassung sieht gleiches Recht für alle vor“, kontert Jason Perez-Howe, der die Veranstaltung in Los Angeles für die Gegenseite beobachtet. „Man kann nicht einer Gruppe von Leuten das Recht auf Hochzeit gewähren und es anderen verbieten.“ Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb sich nicht nur demokratische, sondern auch republikanische Politiker wie Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger gegen ein Verbot der Homo-Ehe aussprechen.


"Kinder haben es verdient, Vater und Mutter zu haben“, sagt Redner Prentice vorn auf der Bühne. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sei nur „echt“, wenn sie „biologisch“ sei. „Außerdem“, sagt er, und die Zuhörer jubeln hier besonders stark, „außerdem sollen Kinder nur von ihren Eltern lernen, was die Ehe ist.“ Wenn Schwule und Lesben heiraten dürften, werde dies Pflichtstoff in der Schule. „Das darf nicht sein. Wir müssen unsere Kinder schützen.“ Wovor genau, sagt Prentice nicht. Überhaupt gibt es niemanden, der behauptet, kalifornische Kinder bekämen künftig Ehe-Unterricht. „Schulen dürfen das Thema nicht behandeln“, sagt der oberste Schulaufseher des Staates in einem Werbespot der Ehe-Befürworter. „Eine solche Lüge zu verbreiten ist eine Schande.“

Schwule und Lesben fühlen sich diskriminiert

"Es ist abenteuerlich", sagt Nick Romero. Er ist Inhaber eines Geschenkartikelladens in der Castro Street in San Francisco. Vor zehn Jahren haben er und sein Partner symbolisch geheiratet. Am vergangenen Montag konnten sie es offiziell. „Wir hoffen, dass wir mit unserer Ehe jetzt auf der rechtlich sicheren Seite sind, auch wenn die Verfassung geändert wird.“ Einen Jungen und ein Mädchen hat das Paar adoptiert, acht und sieben Jahre alt. „Denen geht es nicht schlechter als anderen Kindern“, ist Romero überzeugt. „Und warum sollten Kinder in der Schule nichts über die Ehe lernen? Schwule und Lesben gehören doch genauso zum Leben dazu wie alle anderen Menschen.“


In seinem Schaufenster hat Nick Romero ein Schild der Kampagne für die Homo-Ehe aufgestellt. Es steht auch in den Läden nebenan, eigentlich überall in der Straße.


Das Castro-Viertel ist das schwule Zentrum von San Francisco. Hier kam es vor 30 Jahren zu Krawallen mit der Polizei, nachdem ein konservativer Politiker zuerst den Bürgermeister und dann seinen schwulen Abgeordnetenkollegen Harvey Milk erschossen hatte. Dort, wo Milk sein Geschäft für Fotozubehör hatte, verkauft Romero heute seine Geschenkartikel. Eine Illustration an der Wand erinnert an den bekannten Vormieter.


Der größte politische Erfolg von Harvey Milk (im Film gespielt von Sean Penn) war ausgerechnet eine Kampagne gegen ein Referendum. Damals, im Sommer 1978, wollten die Unterstützer von „Proposition 6“ durchsetzen, dass Schulen in Kalifornien schwule Lehrer entlassen, weil sie die Schüler sexuell missbrauchen könnten. Milk gelang es, die öffentliche Meinung zu drehen und die Abstimmung zu gewinnen. Kurze Zeit später, am 27. November 1978, wurde er umgebracht. Nicht nur, aber auch, weil er schwul war.


"Die Homosexuellen haben Milk viel zu verdanken“, sagt Geschäftsinhaber Romero. „Aber viele Schwule und Lesben haben das vergessen.“ Ausgerechnet sie, um die es gehe, hätten erst jetzt damit angefangen, sich für die Kampagne zu interessieren und mehr Geld zu spenden, um „Proposition 8“ zu verhindern. „Ich weiß trotzdem nicht, ob es reicht“, sagt er. Vieles werde davon abhängen, wie die schwarzen Christen abstimmen. Dass ihre Wahlbeteiligung in diesem Jahr besonders hoch sein wird, sei Segen und Fluch zugleich. „Segen, weil sie damit Obama zum Sieg verhelfen. Und Fluch, weil sie moralisch eher konservativ und vermutlich gegen die Homo-Ehe sind.“

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