Unruhe

Fluggesellschaften holen Ausländer aus Ägypten

Das Chaos in Kairo wächst. Die Polizei hat sich zurückgezogen, Anwohner schützen ihre Viertel. Immer mehr Staaten lassen angesichts der Lage ihre Bürger ausfliegen – nicht so Deutschland.

Die SMS lässt keinen Zweifel – und sie bringt die gefährliche Lage in Ägypten auf den Punkt: „Habe gerade mein Hotel den Militärs übergeben“, berichtet der deutsche Besitzer eines Hotels in Marsa Matruh mittels seines Handys: „Zehn Panzer sind aufgefahren mit circa 30 Soldaten. Die ägyptische Elite verlässt das Land.“ Marsa Matruh liegt auf halbem Wege zwischen Alexandria und der libyschen Grenze am Mittelmeer. Vom Schauplatz der heftigen Proteste in Kairo trennen es rund vierhundert Kilometer. Aber selbst hier sind nun die Zeichen des Ausnahmezustands unübersehbar geworden.

Mehr als 1,3 Millionen Deutsche reisen Jahr für Jahr nach Ägypten. Viele halten sich dort beruflich auf, mancher hat einen Urlaub gebucht, der in diesen Tagen beginnen soll – in mehreren Bundesländern beginnen die Winterferien. Sie alle verfolgen die Nachrichten aus Kairo. Mancher von ihnen fragt sich, was er jetzt tun soll. Doch Tourismus ist ein wichtiger Außenwirtschaftsfaktor, so wie deutsche Warenexporte nach Ägypten es sind, und das Auswärtige Amt versteht sich nicht zuletzt auch als Dienstleister seiner Bürger. Umso mehr wünscht sich wohl mancher eine klare Position Deutschlands in der Reisefrage.

Eine generelle Reisewarnung aber hat das Auswärtige Amt (AA) bislang für Ägypten noch nicht erlassen. Es verschärfte am Sonntagmittag zwar die Reise- und Sicherheitshinweise für Ägypten. So heißt es nunmehr: „Von Reisen nach Kairo und ins Landesinnere wird abgeraten.“ Jeder möge „sorgfältig abwägen“, ob die geplante Tour nach Ägypten wirklich angetreten werden müsse. Noch am Sonntagmorgen hatte das AA sich zurückhaltender gezeigt. Da war bei den „Reise- und Sicherheitshinweisen“ auf der Internetseite des Ministeriums zu lesen: „Das Auswärtige Amt rät von Reisen in entlegene, nicht hinreichend durch wirksame Polizei- oder Militärpräsenz gesicherte Gebiete der Sahara und ihrer Randgebiete deutlich ab.“

„Keine Touristen bedroht“

Österreich hingegen warnt seine eigenen Bürger ausdrücklich vor Reisen nach „ganz Ägypten“. Die USA taten dasselbe. „Das State Department empfiehlt US-Bürgern, Reisen nach Ägypten zu vermeiden“, so beginnt seit Sonntag ein Reisehinweis auf dessen Internetseite – unter Verweis auf fortdauernde „soziale und politische Unruhen“. Die USA genehmigten sogar die Evakuierung des nicht funktionsnotwendigen Botschaftspersonals und der diplomatischen Angehörigen. Die Sprache der Reisewarnung ist zwar nicht so drastisch wie in derjenigen zu Haiti. Aber sie unterscheidet sich erheblich von der deutschen Warnung. Das Auswärtige Amt zögert, eine generelle Reisewarnung auszusprechen. Die gibt es nur für Länder wie Haiti, Irak, Somalia oder Afghanistan. „Bisher haben wir keine Hinweise, dass Touristen in den klassischen touristischen Gebieten ums Rote Meer bedroht oder gefährdet gewesen sind“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Sonntagabend im Fernsehen. „Aber man muss ausdrücklich hinzufügen, das ist eine unübersichtliche Lage“, sagte er.

Das ist wohl wahr, und deshalb ist das Zögern, eine allgemeine Reisewarnung zu erlassen, auch nicht ganz erklärlich. Auch Deutsche machten sich in den vergangenen Tagen aus den Außenbezirken Kairos auf den Weg in Richtung des Stadtteils Zamalek, der als Insel im Nil liegt und deswegen von der ägyptischen Armee besser geschützt werden kann. Die deutsche Botschaft in Kairo stellt sich längst auf eine steigende Zahl ausreisewilliger Deutscher ein. Schnellstmöglich will der Krisenstab des AA weitere Konsularbeamte in die ägyptische Hauptstadt schicken. Sie sollen die rund 40 Botschaftsmitarbeiter unterstützen, die derzeit in Kairo im Einsatz sind. Die genaue Zahl der zusätzlichen Kräfte war zunächst unklar.

Deutsche Touristen ausfliegen zu lassen plane das AA bislang nicht, heißt es in Regierungskreisen. Die Diplomaten stünden aber im engen Kontakt mit den Fluglinien. Die Lufthansa hat angekündigt, an diesem Montag einen zusätzlichen Flug von Kairo aus zu bieten. Die Fluglinien der Golf-Emirate sowie Jordaniens tun das bereits seit Sonnabend, und sie setzen Großraumflugzeuge ein, damit mehr Menschen pro Flug das Land verlassen können.

Nicht jeder versteht die Informationspolitik des Auswärtigen Amtes. Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour zeigt sich mit Blick auf die fehlende generelle Reisewarnung mehr als nur irritiert. „Ich kann mir das nicht erklären, ich kann das kaum fassen“, sagte Nouripour Morgenpost Online. In den vergangenen 72 Stunden seien mehr als hundert Menschen in Ägypten getötet worden, sagt der Bundestagsabgeordnete, der dem Auswärtigen Ausschuss angehört. „Man darf nicht Touristen in dem Glauben lassen, es sei sicher, wenn es nicht sicher ist.“

Und die deutsche Reisebranche? Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbands, mag ebenfalls keiner generellen Reisewarnung das Wort reden. Er verweist darauf, die Badeorte seien „acht Autostunden Fahrt von Kairo entfernt“. Das AA sei „die einzige Stelle, die die Sicherheitslage im Ausland zuverlässig beurteilen kann“, sagt Schäfer. Und selbst die Berichte, nach denen das Militär in Scharm el Scheich eingerückt ist, bringen ihn nicht aus der Fassung: „Soldaten und Militär sieht man in Ägypten überall.“ Das Auswärtige Amt sehe die Militärpräsenz in dem Badeort schließlich „eher positiv“. Soldaten bedeuteten mehr Sicherheit. Schäfer warnt davor, die Situation in Ägypten über einen Kamm zu scheren: „Wenn Sie auf Sylt Urlaub machen und in München eine große Demonstration stattfindet, fühlen Sie sich doch auch nicht in Ihrem Urlaub beeinträchtigt.“