Man stelle sich Don Rose vor wie einen Mann, den es nicht geben dürfte. Eine Zelig-gleiche Figur, die immer dabei war, wenn Chicago Geschichte schrieb. Der 1966 für Martin Luther King die Pressearbeit machte, für ihn Reden schrieb und ihm Poolbillard verordnete, um den Helden zu vermenschlichen.
Der mit seinem Kumpel Charlie „Bird“ Parker (1920-1955), dem Altsaxophonisten, Genie, Götterliebling des Bebop, und mit seiner „Parker Army“ die Nächte durchmachte. Der mit der deutschen Grünen-Heldin Petra Kelly befreundet war und mit der Gründung von US-Greens scheiterte.
Wer Glück hat, trifft Don Rose, der 1968 die Aufstände während des Parteitags der Demokraten in Chicago mit anführte, die Bürgermeister Richard „Boss“ Daley, Vater des heutigen Stadtbosses, blutig niederschlagen ließ. Der ein Mentor von David Axelrod wurde, dem Strategen Barack Obamas, und erklären kann, warum Obamas Vorwahlsieg in Illinois im März nicht nur ein neues Kapitel in dem Staat schrieb, sondern ein neues Buch. Es gibt nur einen, der mit dieser Leichtigkeit überall dabei war. Und den kaum einer außerhalb Chicagos kennt.
Rose führt den bescheidenen Titel eines „political consultant“. Er sei im Ruhestand, pendele ausgeruht zwischen Chicago und Paris, erklärt er auf dem Sofa in seinem Haus im Norden der Stadt. Und widerlegt sich bald mit der Schilderung seiner Aktivitäten.
Rose ist einer, den die Großen der Politik fragen – diskret. Seine Freundschaft mit Obama ist lose, seine Bewunderung für den, „der als erster in einer Wahl die Rassengrenzen in der am schärften segregierten Stadt der USA niederriss“, ist aufrichtig, frei von Überschwang, neidlos.
Barack Obama habe nicht nur in „der größten Ansiedlung von Schwarzen außerhalb Afrikas“ gewonnen. Er habe auch mehr Stimmen im „Bungalow Gürtel“ der weißen unteren Mittelschicht, wo polnische und irische Stammesfehden sonst an schwarzen Kandidaten endeten, zehn mal so viel Stimmen geholt wie Harold Washington, 1983 der erste schwarze Bürgermeister. Der siegte mit 36 Prozent, Obama mit 52 Prozent, in den weißen Stadtteilen steht der Vergleich gar drei zu dreißig.
Was macht Obamas Erfolg bei den Weißen aus? „Martin (Luther King) hatte wie Barack die Gabe, Menschen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein, indem er ihnen zuhört“, erinnert sich Rose. Im Übrigen hätten die beiden Männer kaum unterschiedlicher sein können. King habe etwas Distanziertes an sich gehabt, er war ein Gentleman und flößte Respekt ein. Auch Barack wird respektiert, „aber mit ihm möchte man Zeit verbringen.“
Obama sei weiter vom rassistischen Zerrbild des zornigen schwarzen Manns entfernt als je ein schwarzer Politiker zuvor. Deshalb misstrauten ihm die alten Bürgerrechtsführer. Dabei wisse niemand besser als Obama, dass er auf den Schultern der Giganten steht, die vor ihm kamen: „Er wäre ohne Jesse Jackson nicht denkbar, Jackson nicht ohne Martin Luther King, King nicht ohne W.E.B. DuBois.“ Rose weiß, wovon er spricht.
Die Chicagoer Politik gab früher Zugereisten keine Chance. In das Machtgebräu, das starke Gewerkschaften, korrupte Stadträte, schmierbereite Geschäftsleute zusammenrührten, früher noch gewürzt mit Gangstern und Speakeasy-Profiten (Gewinne aus illegalem Alkoholausschank während der Prohibition), musste man geboren werden, um zu überleben.
Noch unter Boss Daley, der mit seinen demokratischen Parteigängern, genannt „the machine“ von 1955 bis 1976 die Stadt wie ein Fürstentum beherrschte, hätte ein Mann mit Obamas Hintergrund keine Portier-Stelle im Rathaus erobert. Woher kommt der Typ? Aus Honolulu, Jakarta, Los Angeles, New York, Boston? Wer, lautete die typische Frage, hat ihn geschickt?
Barack Obama war geschickt und informiert genug, als er sich im Stadtteile Hyde Park in der South Side niederließ. Hyde Park, besonders das vornehme Viertel Kenwood, ist eine Enklave der Progressiven und Unabhängigen. Wohlhabende Juden und Schwarze bilden einen Wohnkordon um die Universität. In Hyde Park endet die Macht des alten wie des jungen Daley. Hier, in dem einzigen Bezirk Chicagos, in dem über Jahrzehnte gemischtrassige Paare unbehelligt leben konnten, kann ein Politiker gegen die „Maschine“ der Demokraten antreten – und gewinnen.
Obamas Rückkehr nach Chicago 1991 wurde getragen von der Welle bewundernder Presseberichte über den ersten schwarzen Präsidenten des „Harvard Law Review“ und einer Empfehlung des konservativen Juristen Michael McConnell, der beeindruckt von seinen Redigaten gewesen war. Beides genügte, ihm ein Fellowship samt Büro und Computer an der University of Chicago einzubringen.
Dort verfasste der 30-Jährige seine selbstbewusste, kühne Autobiografie „Dreams From My Father“, plante offenbar früh seine politische Karriere. Er lehrte Verfassungsrecht und sponn mit Hilfe des angesehenen Bürgerrechtsanwalts Judson Miner das erste Netzwerk.
Als das Erscheinen des Buchs 1995 für eine lokale Sensation sorgte, war Barack Obama schon drei Jahre verheiratet und begann seine erste politische Bewerbung um einen Senatssitz des Staates Illinois. Es ist ein Mythos, dass er seine ehrliche Haut in dem Buch nur riskierte, weil er noch nichts von seinen Ambitionen ahnte. Es war ein kalkuliertes Risiko.
Michelle Obama, geborene Robinson und Juristin wie er, war ihrerseits in der South Side bestens vernetzt. Jesse Jacksons Tochter Santita war eine ihrer besten Freundinnen und wurde 1998 Patin der ersten Tochter Malia. Michelle hat einmal für Richard Daley, den Jüngeren gearbeitet. Sie brachte ihren Mann mit Daleys ehemaliger Büroleiterin Valerie Jarrett zusammen, heute Obamas engste Beraterin, und mit Marty Nesbitt, einem erfolgreichen jungen Geschäftsmann.
Nesbitts Verbindungen unter den arrivierten schwarzen Geschäftsleuten waren für das Spendenkonto des jungen Politikers wichtig; Nesbitts Freundschaft und sein elegantes, Barack mindestens ebenbürtiges Basketballspiel nicht weniger. Er gilt als Obamas engster Vertrauter.
„Es gab damals niemanden, der anders als tief beeindruckt aus einem Treffen mit Obama gekommen wäre“, erinnert sich Don Rose, „alle überboten einander, ihm politisch zu helfen.“ Zu den politischen Insidern, die Obama großzügig halfen, mit Spenden und Grundstückstipps, zählt allerdings auch Antoin „Tony“ Retzko, engster Berater von Gouverneur Rod Blagojevich.
Retzko wurde am 4. Juni nach einem zehn Wochen währenden Prozess wegen Geldwäsche, Betrug und Beihilfe zu Bestechung schuldig gesprochen. Niemand wirft Obama Mitwisserschaft oder auch nur eine Ahnung von Retzkos Deals vor. Seine Freundschaft mit dem Mann wird ihn noch im Wahlkampf verfolgen. Ebenso wie seine Bekanntschaft mit Bill Ayers (63), dem Gründer der „Weathermen“
in den sechziger Jahren. Die radikale Truppe, die einst Bombenanschläge auf das Kapitol und das Pentagon inszenierte. Ayers ist heute Professor, er saß mit Obama im Vorstand einer karitativen Vereinigung. John McCain und Sarah Palin haben geschworen (und schon damit begonnen), Obama als Kumpel von amerikanischen Terroristen zu entlarven, die Amerika hassen, und als Lügner, der seinen Selbsthass verleugnet.
Diverse US-Zeitungen haben die Beziehung von Obama und Ayers, der auch in der South Side lebt, seit einem Jahr immer wieder untersucht. Niemand stieß auf (geheime) Sympathien Obamas für die revolutionäre Sache der „Weathermen“. McCain-Palin werden alles daransetzen, ihren Gegner als getarnten Terroristen und potenziellen Landesverräter zu enttarnen.
Vielleicht werden sie auch den Wahlkampf Obamas 1995/96 bemühen. Manche sagen, Obama habe seine Mitbewerber in den Vorwahlen mit juristischen Tricks ausgehebelt und die Wahl praktisch ohne Gegner gewonnen. Einige seiner alten Feindschaften rühren von dieser Wahl. Andere schwören, seine Konkurrenten hätten sich gegenseitig niedergemacht; er habe davon profitiert.
Einig sind sich die meisten, dass Illinois State Senator Barack Obama, der im Januar 1997 sein Amt antrat, wenig beeindruckt war von den Gepflogenheiten in den ehrenwerten Kammern von Springfield, wo einst Abraham Lincolns Aufstieg begann. Er hielt sich abseits, war bei den schwarzen Senatoren nicht wohlgelitten. Sie nannten ihn elitär, hochmütig, nicht schwarz genug.
Die üblere Nachrede lautete, er laufe an den Fäden reicher jüdischer Gönner in Hyde Park. Im Senat zeigte Obama dann seine aggressive Seite, es kam zu öffentlichen Wortgefechten mit Kollegen: „Ich werde Dir in den Arsch treten“, versprach er Senator Rickey Hendon. Und er hielt Wort.
Das verkitschte Zerrbild von „Obambi“, dem naiven, harmoniesüchtigen Kuschelpolitiker, war nie etwas anderes als Propaganda seiner Gegner. Auch Journalisten berichten, Obama habe schon in seinen frühen Zeiten als State Senator nicht gezögert, sie nach einer Story, die ihm nicht gefiel, früh morgens anzurufen und genüsslich niederzubrüllen. Wundern kann das nur jene, die meinen, das politische Chicago sei ein Sanatorium für feine, verwundbare Seelchen. Das Gegenteil ist bekannt und berüchtigt: Wer es im Exotarium Chicago schafft, schafft es überall.
Was nichts daran ändert, dass John McCain gefürchtet ist wegen seines Jähzorns, während Barack Obamas Geduld, Empathie und Beherrschtheit gerühmt werden. Dass es ehemalige Kollegen im Senat von Illinois gibt, die schon 2004 bei seiner Bewerbung um den US-Senatssitz und erst recht heute Misserfolg und alles Schlechte wünschen, sagt weniger über seinen Charakter aus als über Eifersucht und Missgunst im politischen Geschäft.
Zudem schützt es Obama vor der Zumutung und Verführung messianischer Verehrung und vor der Verachtung aus demselben Grund. Er verkauft kein Schlangenöl, keinen jüngsten Tag, kein Abendmahl, er verspricht keine Wunder. Der Predigerton, den er wie Bill Clinton von schwarzen Baptistenpastoren lernte und mit etwas James Brown sinnlich anraute, ist oft nicht mehr als die aufregend kandenzierte Verkleidung pragmatischer Politik.
Eben dies macht ihn wählbar für eine Mehrheit der Amerikaner. Ebendies brachte ihm 2000 die schwere Niederlage gegen Bobby Rush im Kampf um dessen Kongresssitz in der South Side ein.
Rush, der frühere Black-Panther-Aktivist (Don Rose: „Ich kannte ihn schon als kleinen Jungen“) hatte sich um das Bürgermeisteramt beworben und war vernichtend von Daley geschlagen worden. Obama glaubte, Rush habe auch seine Basis in seinem von Schwarzen dominierten Wahlkreis verloren. Er irrte gründlich. Versprechen von „Wandel“ kommen nicht gut an, wo Jobs fehlen, Krankenversicherung, wo es ums Fressen geht, nicht um Moral.
Der Black Panther machte den Professor nieder; Barack Obama verlor mit 30 Prozentpunkten. „Er war von seinem Ehrgeiz geblendet“, sagt Rush spöttisch, „Obama glaubte schon immer, dass Obama alles kann, was er sich vornimmt.“ Der aktive Baptistenpastor, in seiner achten Amtszeit, ist nicht frei von Neid, wenn er klagt: „Für das, was er heute ist, musste er nicht gegen Polizeibrutalität marschieren. Er musste nicht gegen Gammelfleisch in miesen Supermärkten demonstrieren.“
Bobby Rush ist zugleich überzeugt, dass Obamas Wahl zum Senator 2004 göttliche Fügung war. „Es ist Gottes Plan. Obama hat bestimmte Qualitäten. Ich glaube daran, dass er für einen bestimmten Zweck benutzt wird.“





