Türkische Sicherheitskräfte haben insgesamt 160 mutmaßliche Angehörige des islamistischen Terrornetzwerks al-Qaida festgenommen, darunter angeblich auch den Türkei-Chef der Terroristen: Serdar Elbasa.

Er wurde in der südosttürkischen Stadt Adana verhaftet, eine Region nahe der syrischen Grenze. Mit ihm wurden 40 Verdächtige festgenommen, von denen 25 angeklagt werden, Mitglieder einer Terrororganisation zu sein. Offenbar als Folge der Verhöre Elbasas und seiner Gruppe kam es am Freitag im Morgengrauen zu Razzien in 16 Provinzen, bei denen weitere 120 Verdächtige festgenommen wurden.

Seit mehr als zwei Jahren zeigen islamische Terrorgruppen, die sich zu al-Qaida bekennen, eine wachsende Präsenz in der Türkei. Die Polizei hat seit 2007 Dutzende mutmaßliche muslimische Terroristen ins Gefängnis gebracht, teilweise kam es dabei zu Feuergefechten mit mehreren Toten. Spektakuläre Aktionen waren im Juli 2008 ein Angriff auf das Istanbuler US-Konsulat sowie zeitgleich in Istanbul geführte Anschläge im Jahr 2003 auf das britische Konsulat, eine britische Bank und zwei Synagogen. Damals starben 60 Menschen.

Serdar Elbasa soll auch den „Kriegsnamen“ Abu Zer benutzen. Es heißt, er habe vier Frauen und 15 Kinder. Die Medien veröffentlichten ein bei der Operation beschlagnahmtes Foto, auf dem er mit Al-Qaida-Kämpfern in Afghanistan zu sehen ist. Es wurde berichtet, dass Elbasa in Adana Geld sammeln und Freiwillige rekrutierten wollte für den Kampf islamistischer Gruppen gegen die Moskau-treue Herrscherclique in Tschetschenien. Einige der Festgenommenen sollen ausgesagt haben, sie seien in Afghanistan ausgebildet worden. Die Polizei stellte offenbar Zubehör für die Herstellung von Bomben sicher sowie gefälschte Pässe und Computer.

Radikalisierung der Muslime in der Türkei

Experten vermuten, dass es sich nicht um eine organisierte Gruppe handelt, auch nicht um einen zentral geführten Zweig von al-Qaida, sondern um örtliche Gruppen, die sich zu den Zielen der Terrororganisation bekennen und über das Internet in Kontakt mit einander stehen. Die vielen Festnahmen deuten auf eine bedenkliche Radikalisierung vieler Muslime in der Türkei hin.

Türkische Muslime sind meistens moderat und wenig empfänglich für extremistisches Gedankengut, aber am Rand der Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren unter der islamisch geprägten Regierung von Recep Tayyip Erdogan „ein Nährboden entwickelt, auf dem diese Gruppen gedeihen“, sagt Gareth Jenkins, einer der besten Kenner des politischen Islam in der Türkei.

Erdogans Türkei wurde "Nährboden" für Islamisten

Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass einer der Festgenommenen ein Universitätsdozent in der osttürkischen Stadt Van sein soll. In der Vergangenheit war es für deutlich islamisch orientierte Akademiker sehr schwer, an Universitäten zu lehren – das extrem säkulare Bildungssystem filterte sie heraus. Unter der gegenwärtigen Regierung haben sich die Regeln jedoch geändert, Muslime haben es leichter, Lehrer oder Dozenten zu werden. „Es ist nicht so, dass Fundamentalisten nun salonfähig sind, aber die neuen Funktionäre, die die Personalpolitik überwachen, gehen meistens nicht davon aus, dass ein klar als Muslim auftretender Lehrer zu Gewalt fähig wäre“, sagt Jenkins.

Ein anderes Element, das muslimische Radikalisierung fördert, seien die teilweise sehr radikalen Äußerungen der Regierung selbst, allen voran Erdogan: „Dass er sich von Fundamentalisten geführten Ländern wie dem Sudan und dem Iran zuwendet sowie im Libanon die Extremisten unterstützt, verbunden mit seinen sehr heftigen Ausbrüchen gegen Israel – all das gibt Fundamentalisten das Gefühl, die Regierung stehe grundsätzlich im selben ideologischen Lager steht wie sie.“

Regierung kontrolliert islamische Organisationen kaum

Kaum kontrolliert sind die Aktivitäten zahlreicher islamischer NGO’s, wie jene der moderateren Gülen-Bewegung oder der extremistischen „türkischen Hisbollah“, die teilweise rivalisieren, aber beide die Herzen der türkischen Jugend gewinnen wollen.

Besonders die Hisbollah, eine vor zehn Jahren zerschlagene Terrorgruppe, die sich seither vorwiegend von Deutschland aus neu konstituiert hat, erfreut sich wachsenden Einflusses. Sie könnte zu einem großen Problem werden, falls sie eines Tages entscheiden sollte, die Zeit sei reif für offene Gewalt. Zum „Dschihad“ jedenfalls bekennt sie sich grundsätzlich.