Kommentar

Ägypten ruft nach Freiheit und Zukunft

Unser Autor Clemens Wergin sieht in arabischen Diktaturen eine Stagnation. Er wünscht den Ägyptern deswegen Glück beim Aufstand gegen das Regime des Präsidenten Mubarak.

Die Welt hält den Atem an. Was in Ägypten passiert, war vor wenigen Wochen noch undenkbar. Aber nach dem Umsturz in Tunesien ist jetzt alles möglich – daran glauben zumindest all jene Ägypter, die am Freitag zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind. Sie wollen ein Ende der Herrschaft von Husni Mubarak. Sie wollen ein Ende von Unterdrückung und Würdelosigkeit. Sie fordern ihren Anteil an der Zukunft ein – die Zeit der Apathie soll endlich vorüber sein.

Das Regime in Kairo hat sich unterdessen offenbar für die „iranische Option“ entschieden. Fast alle Kommunikationskanäle zur Außenwelt wurden unterbunden, Mobiltelefone genauso wie das Internet. Und die Sicherheitskräfte gehen mit großer Brutalität gegen die Massen vor. Aber es wird immer unwahrscheinlicher, dass sie die Situation unter Kontrolle halten können. Am Ende wird entscheidend sein, wer die besseren Nerven hat. Ob die Demonstranten lange genug durchhalten und weiter bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. So lange jedenfalls, bis Polizisten und Soldaten entscheiden, dass es keinen Sinn mehr hat, sich gegen das Volk zu stellen. Oder ob die Angst zurückkehrt und das Regime die Oberhand behält.

Die Außenwelt schaut mit einer Mischung aus Hoffnung und Schaudern auf Ägypten. Man fühlt mit den Menschen, die sich von ihren Unterdrückern befreien wollen. Darunter mischt sich aber auch eine nagende Sorge: Was ist, wenn nach Mubarak die Islamisten übernehmen? Macht das alles nicht noch schlimmer?

Es liegt in der Natur vieler arabischer Diktaturen, dass sie scheinbar nur die Wahl zwischen den zwei Übeln Autokratie und Theokratie lassen. Jahrzehntelang wurde in Ägypten jede moderate Opposition ausgemerzt, mundtot gemacht oder außer Landes getrieben. Nur die Islamisten blieben am Ende übrig, weil man ihre Rückzugsorte – die Moscheen – nicht auch noch schließen konnte. Zudem hatten die Autokraten so immer ein schlagendes Argument zur Hand. Wenn Amerikaner oder Europäer anklopften und demokratische Reformen forderten, sagten die Mubaraks: Wenn ihr Stabilität haben wollt, dann müsst ihr auf mich setzen, denn nach mir kommen nur die Radikalen. Eine Strategie, die meistens aufging.

Tatsächlich ist das aber ein Teufelskreis. Denn je länger diese Diktaturen andauern, desto unwahrscheinlicher ist ihre Überwindung in einem evolutionären Prozess. Und desto chaotischer und unangenehmer wird es, wenn die enorme Frustration explodiert. Seit Jahrzehnten sind die arabischen Gesellschaften quasi künstlich schockgefroren, einzementiert in ihren Sicherheitsregimen. Daraus resultiert eine in der Welt einzigartige kulturelle, politische und wirtschaftliche Stagnation. Je länger diese Regime überleben, desto größer wird der Abstand zur Welt werden. Und desto schwerer wird es, einen stetigen und geregelten Weg der Erneuerung zu beschreiten.

Bisher sind die Muslimbrüder, die in Ägypten weit bedeutender sind als in Tunesien, noch nicht als führende Kraft des Aufstands in Erscheinung getreten. Der Westen kann nur hoffen, dass sich eine moderate Figur wie Mohammed al-Baradei an die Spitze der Bewegung setzt. Damit die Ägypter in eine Zukunft aufbrechen, die besser ist als das, was sie hinter sich lassen wollen. Man kann ihnen dabei nur viel Glück wünschen.