Zusammen unterrichten? Lieber getrennt! Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die untersucht, wie gut Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an deutschen Regelschulen integriert sind. So gehen zwar rund 60 Prozent dieser Kinder in eine reguläre Kindertagestätte, ab der Grundschule nimmt der Anteil aber rapide ab: 34 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gehen auf eine Regelschule.
In der Sekundarstufe 1 sind es nur noch 15 Prozent. 76 Prozent dieser Kinder – im Schuljahr 2008/2009 gab es über eine halbe Million mit Förderbedarf – verlässt die Schule ohne einen Hauptschulabschluss. „Es kann nicht sein, dass Kinder mit Förderbedarf bis zum Ende der Grundschule gemeinsam mit anderen lernen, dann aber auf getrennte Förderschulen gehen müssen“, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Er fordert: „Deutlich mehr Schulen müssen inklusiv unterrichten.“ Dazu ist Deutschland seit 2009 durch die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet.
Deren Umsetzung klappt dabei in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gut. Der Großteil der Länder – darunter NRW, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg – bekommt von Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen ein schlechtes Zeugnis bei der Integration von Kindern mit Förderbedarf ausgestellt. In Hamburg gehen beispielsweise nur 13 Prozent der Kinder mit Förderbedarf auf eine reguläre Grundschule.
Im 125 Kilometer entfernten Bremen sind es dagegen mehr als 90 Prozent. „Bremen ist bis zum Ende der Grundschulzeit einer der Vorreiter inklusiver Bildung in Deutschland“, sagt Wissenschaftler Klaus Klemm. Allerdings nimmt dieser Anteil nach der Grundschule auch in Bremen stark ab: In der Sekundarstufe 1 sind es nur noch 13 Prozent der Schüler mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen. „Es mangelt an inklusiven Regelschulen“, sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung.
Bundesländer, in denen die Integration dieser Schüler besser gelingt, sind Schleswig-Holstein, Berlin und das Saarland. So lernen in Schleswig-Holstein rund 40 Prozent der Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen. Die meisten Kinder mit Förderbedarf hat der Studie zufolge Mecklenburg-Vorpommern: 2009 gab es in dem ostdeutschen Bundesland rund 13.300 Förderschüler, fast zwölf Prozent aller Schüler.
Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt beträgt ihr Anteil etwa sechs Prozent. 81 Prozent der Förderschüler in Mecklenburg-Vorpommern schaffen keinen Hauptschulabschluss. „Wir müssen das Förderschulsystem reformieren“, sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung, „Das kostet Geld, wird sich aber für unsere Gesellschaft schnell auszahlen.“
Was der Ausbau der Regelschulen kosten würde, um der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht zu werden, bleibt in der Studie unbeantwortet. „Dafür fehlt es an Standards“, sagt Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung. So legt jedes Bundesland eigene Richtlinien für die Förderschulen fest. Einer früheren Studie der Stiftung zufolge investieren die Länder jedes Jahr rund 2,6 Milliarden Euro für zusätzliche Lehrer an Förderschulen.
80 bis 90 Prozent der Kinder mit Förderbedarf müssten eine Regelschule besuchen, damit Deutschland die Vorgaben der UN-Konvention erfüllt, so die Stiftung. Deutschland beschreite mit seinem Förderschulsystem einen Sonderweg, sagt Bildungsforscher Klaus Klemm. „In Ländern wie Italien, Spanien oder Skandinavien gehen fast alle Kinder mit Förderbedarf in eine Regelschule.“





