Da ist sie wieder, die Aufregung. Einen bizarren Streit nennen es die einen. Geschrei die anderen, manchmal sogar mit dem Zusatz: hysterisches. Als ob das so nahe liegt, weil es eben um Frauen geht.

Kristina Schröder, die Familienministerin, hat ein Interview gegeben. Das Interview erschien am Montag im „Spiegel“. Es geht darin um Familie, um Männer, um Frauen, um Kinder und die Beziehungen dazwischen. Es kommen darin Wörter vor wie Feminismus, Gleichberechtigung und Geschlechtsverkehr.

Die Familienministerin – und auch Frauenministerin – sagt zum Beispiel, dass sie niemals Feministin werden wollte. Und dass es für Männer schwierig geworden ist heutzutage, für Frauen allerdings auch. Schröder sagt, dass Jungen besser gefördert werden sollten, dass geprüft werden müsse, ob Schulen und Kitas ihre Bedürfnisse angemessen berücksichtigten. Letzteres hat Kristina Schröder, 33, durchaus früher schon gesagt. Und schon damals gab es oft sehr geteilte Meinungen über die Propagierung der Jungenförderung. So weit nichts Neues also.

Doch der eigentliche Sprengstoff fand sich an anderer Stelle, als es um den sogennanten früheren Feminismus ging. Schröder sagt dort: „Etliche Thesen gingen mir dann aber doch zu weit: zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.“ Auf Nachfrage fällt ihr dann ein: „Es ist absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird.“ Überhaupt ist die Ministerin nicht überzeugt von den Meriten der Frauenbewegung: „Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden.“

Und dann taucht schließlich noch ein Name auf: Alice Schwarzer. Auf die bezog sich Kristina Schröder mit „frühen Feminismus“.

Alice Schwarzer, 67, manche nennen sie die Ikone der deutschen Frauenbewegung, ließ sich, wie üblich, nicht lange bitten, überscharf zu kontern. Noch am Montag veröffentlichte die „Emma“-Gründerin auf ihrer Internetseite einen offenen Brief, in dem sie sehr explizit und nicht streng sachlich darlegte, was sie nicht nur von Kristina Schröders Äußerungen, sondern auch von Kristina Schröder selbst hält. Es stehen dort Worte wie: „hoffnungsloser Fall“, „ungeeignet“.

Schwarzer ätzt, dass Schröder billige Klischees über eine Bewegung verbreite, der die Frauenministerin unter anderem ihre ganz persönliche Karriere zu verdanken habe. Es steht dort auch, dass Kristina Schröder offenbar Schwarzers vor immerhin 35 Jahren geäußerten Analysen zur „Funktion von Sexualität und Liebe bei der (Selbst-)Unterdrückung von Frauen“ nicht ganz richtig verstanden habe. Und sie wirft der Ministerin vor, sich „übereifrig“ für Männer zu engagieren. Mit ihrer Darstellung des unangemessenen Umgangs mit den „armen Jungen“ suche sie die Schuld auf der falschen Seite.

So war es geschehen. Es dauerte nur wenige Stunden, und die Aufregung war da.

„Bizarrer Sex-Streit“, titelte die „Bild-Zeitung“. Auf den jeweiligen Internetseiten schlugen sich Leser vehement auf die eine oder andere Seite. Sex klang schon mal gut, und das Schwarzer-Zitat (Geschlechtsverkehr als Unterwerfung!) im Jahr 2010 absurd genug. Tatsächlich, das konnten selbst die Internet-Kommentatoren schnell recherchieren, wenn sie denn wollten, war es ein kleines bisschen komplizierter, was Alice Schwarzer damals gemeint hatte.

Und sonst? Richtig taugt das, was Kristina Schröder sagte, eigentlich nicht als Anlass für eine Debatte. Häufig erklärt die Politikerin, von einer Ansicht nicht ganz überzeugt zu sein. Und auch auf die explizite Aufforderung der „Bild-Zeitung“ hin auf den Schwarzer-Angriff zu reagieren, erklärt Kristina Schröder versöhnlich, die Publizistin Schwarzer habe wohl das Gespräch nicht richtig gelesen. Es scheint nicht so, als würde sich die Ministerin auf den Zank einlassen wollen. Wirklich bizarr scheint also, dass statt einer inhaltlichen Debatte wieder einmal eine eher personalisierte Fehde ausgetragen wird.

Politikerinnen der Opposition gingen auch gleich zum Angriff auf die Familienministerin über: Katja Kipping, Vizechefin der Linken, sprach Schröder auf „Spiegel Online“ jegliche Kenntnis der radikalen Frauenbewegung ab, die SPD-Vizechefin Manuela Schwesig wird noch mit dem Satz zitiert: „Frau Schröder hat keinerlei Verständnis für die historische Bedeutung des Feminismus.“

Und die Feministinnen außerhalb der Parteien? Publizistinnen, Frauenrechtlerinnen eben jener Generation von Kristina Schröder, Autorinnen, die sich in den vergangenen Jahren mit einem sogenannten Neofeminismus auseinandergesetzt, und dabei durchaus schon die Auseinandersetzung mit Alice Schwarzer gesucht hatten? Sie stehen offenbar ein wenig ratlos da. Schrecken davor zurück, sich öffentlich in die Auseinandersetzung einzubringen. Nicht, weil ihnen ihre Ratlosigkeit unangenehm ist. Sondern weil sie weder mit der einen noch der anderen Seiten sympathisieren. Vielleicht auch, weil es einfach zu wenig inhaltliche Angriffspunkte gibt. Oder man hat sich schon zu oft an Schwarzer abgearbeitet.

Ein wenig scheint die Stimmung gegen Kristina Schröder zu gehen, das ja. Zu blass sei die, zu wenig mutig, zu angepasst. Überhaupt habe sie bisher wenig für die Frauen bewegt. Im Gegenteil, ihr politisches Profil definiere sich durch ihr Engagement für Jungen und durch Kritik am Islam. Schröder als Jungsministerin. Das heißt aber nicht, dass man Schwarzers reflexartige Kritik, zumal in dem schon bekannt krawalligen Stil, teilen würde.

Eine drückt das Dilemma so aus: „Man möchte ja Schröder gerne angreifen, aber tut man das, so stellt man sich auf die Seite von Schwarzer“. Und genau das wollen gerade diese Frauen nicht. Schwarzer hat der dritten deutschen Feminismuswelle vorgeworfen, die Sache zu verraten.

"Girlie-Welle“ und "Wellness-Feminismus“

Zum Beispiel damals, vor zweieinhalb Jahren, als gerade mehrere Bücher erschienen waren, in dem sich „Alphamädchen“ in ihrem Selbstverständnis feministisch zu positionieren versuchten. Die statt Kampf eher Coolness und Spaß im Feminismus sahen. Schwarzer lehnte diese Alphamädchen als medial lancierte „Girlie-Welle“ ab und warf ihnen „Wellness-Feminismus“ vor. Die jungen Frauen setzten sich vor allem für persönliche Belange, nicht aber für Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit. Mit anderen Worten: Ernst nahm Schwarzer diese nur in ihrer Wut, mit der sie die „neuen deutschen Mädchen“ angriff. Kein Wunder also, dass diese Schwarzers Position nicht stärken wollen.

Es bleibt Ratlosigkeit. Und eine gewisse Genervtheit. Die Fernsehjournalistin Lisa Ortgies, die zwischen April und Juni 2008 Chefredakteurin von „Emma“ war, sagt, was viele denken: „Es ist einfach jammerschade, dass mal wieder ein ‚Zickenkrieg' inszeniert wird und damit die üblichen Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen und nicht die Sache an sich: zum Beispiel eine längst überfällige breite Diskussion über eine Frauenquote, die ja sogar schon von Hans-Olaf Henkel oder Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Telekom, befürwortet wird.“