Kurt Beck nimmt Anlauf und drischt den Ball ins Fußballtor. Es ist Sommer 2005, in zwölf Monaten ist WM, und der Rasen im Fritz-Walter-Stadion leuchtet so grün. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und heutige SPD-Chef zeigte sich da noch gerne im Stadion seines Lieblingsclubs 1. FC Kaiserslautern. Hier fühlte sich der FCK-Fan Beck wohl, hier zeigte er voller Stolz den Tribünenneubau, verwies auf die positiven Effekte für die Region. Der FCK ist nicht irgendein Club, er ist ein Herzensprojekt. Das gilt vor allem in Becks Heimat, der Pfalz, wo Kinder die Begeisterung für die "Roten Teufel" schon mit der Muttermilch aufsaugen.

Wohl nirgends ist die Symbiose zwischen einer Region und einem Fußballverein so ausgeprägt wie hier. Wie ein großes Ungeheuer thront das Fritz-Walter-Stadion über der Stadt Kaiserslautern. Der FCK ist einer der größten Arbeitgeber hier, auf dem Betzenberg schlägt "das Herz der Pfalz".


Wie sehr die Fans ihrem Club die Treue halten, zeigte sich kürzlich wieder einmal, als dem FCK der Absturz sogar aus der zweiten Liga drohte: "You’ll never walk alone", schworen die Fans ihrem Club lauthals die Treue vor dem entscheidenden Spiel: Euch lassen wir nie im Stich, könnte man das übersetzen, und diese Losung gilt nicht nur für die Fans. Auch die Politik in Rheinland-Pfalz scheint einen Schwur getan zu haben, den Verein niemals untergehen zu lassen. Wie weit sie dabei bereit ist zu gehen, zeigte sich vergangene Woche: Da mussten Kurt Beck und sein Kabinett einräumen, sogar gegen geltendes Recht verstoßen zu haben, um den Verein zu retten.

Gegen das Haushaltsrecht


Es war im Juni 2003, der FCK war faktisch pleite, einzige Rettung schien der Verkauf des Fritz-Walter-Stadions zu bieten. Weil sich kein privater Investor fand, wurde eine Stadiongesellschaft gegründet, das Stadion für 56 Millionen Euro an diese verkauft. Einziger Gesellschafter: Die Stadt Kaiserslautern. Der Verein sollte im Gegenzug seine Schulden durch eine jährliche Stadionmiete von 3,2 Millionen Euro abtragen. Bedenken gab es schon damals: CDU und Grüne warnten vor einer "Scheinprivatisierung" auf Kosten der Steuerzahler. Inzwischen fordert der Steuerzahlerbund einen Untersuchungsausschuss, weil sich die Regierung 2003 über rechtliche Bedenken schlicht hinwegsetzte.

Die kommunale Dienstaufsicht ADD – Hüterin der kommunalen Finanzen – hatte 2003 gewarnt, die Stadiongesellschaft und mit ihr die Stadt könnten in Schwierigkeiten kommen, wenn der Fußballclub abstürze. In einem Schreiben vom Juni 2003 wies der damalige Innenstaatssekretär und heutige Innenminister Karl Peter Bruch (SPD) die ADD jedoch an, ihre rechtlichen Bedenken "nicht weiter zu erheben" und die Gesellschaft zu genehmigen.


"Das war gegen das Haushaltsrecht", gibt der Innenminister heute zu. Richtig sei es dennoch gewesen, "weil das Stadion gebaut werden musste": Ohne die Rettung des Vereins hätte es eine Bauruine auf dem Betzenberg, ein Stadion ohne Verein und letztlich keine WM in Kaiserslautern gegeben. "Es war eine politische Entscheidung", betont Bruch: "Es war klar, dass das Land das Stadion will", deshalb habe man auch "alles dafür getan". Am Ende habe die Entscheidung das rheinland-pfälzische Kabinett getroffen. Klar ist damit auch: Beck und seine Minister wussten von den rechtlichen Bedenken - die übrigens nicht nur die ADD sondern auch zwei Wirtschaftgutachten im Auftrag einer Bank erhoben – und sie genehmigten den Rechtsverstoß.

Verflechtung des FCK in die Staatskanzlei


Er lasse sich "keinen Vorwurf daraus konstruieren", dass er Fan des FCK sei und auch bleiben werde, sagte Beck in jenem Januar 2003. Nie habe er sich "in die inneren Angelegenheiten des Vereins eingemischt und werde es auch nie tun", schwor der Ministerpräsident. Doch die Verflechtungen von Kaiserslautern in die Staatskanzlei reichen tief.

Im November 2002 leitete Beck die Krisen-Mitgliederversammlung des FCK, auf Bitten des Vereins, wie er stets betonte. Doch der langjährige FCK-Geschäftsführer Gerhard Herzog, der inzwischen wegen Steuerhinterziehung beim FCK zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, ist ein alter Vertrauter Becks. Herzog wurde nach seiner Entlassung beim FCK Beamter bei der ADD, 2007 dann ins rheinland-pfälzische Partnerland Ruanda geschickt. Nach harschem Protest der ruandisch-rheinland-pfälzischen Partnerschaftsvereine musste Herzog kleinlaut zurückbeordert werden.


Die CDU forderte denn auch gerade wieder Beck auf, endlich aufzuhören, "Einfluss auf diesen Verein zu nehmen". Und doch mag selbst die Opposition beim neuesten Rechtsbruch nicht laut "Skandal" zu schreien, nicht zuletzt weil der damalige Kaiserslauterer Oberbürgermeister Bernhard Deubig ein CDU-Mann ist. Kein Politiker in Rheinland-Pfalz kann sich erlauben, die Stimme gegen den FCK zu erheben, selbstverständlich ist auch die CDU für die Rettung des Vereins. Man habe aber "darauf vertraut, dass die Landesregierung nach Recht und Gesetz" handele, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Hans Josef Bracht, etwas hilflos, und bilanziert: "Wir wurden getäuscht".

Das Hauptproblem: Niemand weiß, wie man den Verein sonst vor der Pleite hätte retten können. "Nennen Sie mir einen anderen Weg, den wir hätten gehen können", sagt Innenminister Bruch. Beck selbst wird noch deutlicher: Es wäre «schlicht und einfach nicht denkbar gewesen», dem Verein nicht zu helfen. Schließlich habe der FCK in den letzten 15 Jahren weit über 150 Millionen Steuern bezahlt. "Eine solche Kuh lässt man nicht verhungern, wenn mal vorübergehend das Futter knapp wird", sagt Beck. Helfen müsse man, "selbst wenn die linksbeiniges Sackhüpfen dort veranstalten würden".


Manchmal scheint es, als täten sie genau das. Gerade hat die Stadt Kaiserslautern die Stadionmiete für den Verein auf 1,8 Millionen Euro gesenkt, mehr kann der FCK derzeit nicht zahlen. Die Krise ist noch nicht vorbei, und ebenso wenig das Engagement des Landes. Es scheint, als würde der vermeintliche Elfmeter noch zum Eigentor.