Gorch Fock

Guttenberg legt die Gorch Fock "an die Kette"

Mehr als zwei Monate nach dem Tod einer Kadettin auf der "Gorch Fock" hat nach Meuterei-Vorwürfen die Aufarbeitung begonnen - und mit ihr der Streit. Die Opposition macht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) Vorwürfe - auch wegen des tödlichen Unfalls in Afghanistan.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Nach dem Tod einer Marinesoldatin und den darauffolgenden Meuterei-Vorwürfen gegen Kadetten des Segelschulschiffs "Gorch Fock" hat Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Kommandanten Norbert Schatz abberufen.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nach der Absetzung des Kapitäns der Gorch Fock scharf kritisiert. Am Freitag habe der Minister noch die Opposition wegen ihrer Forderung nach Konsequenzen beschimpft, „und einen Tag später ist alles anders“, sagte Steinmeier. Es sei zu vermuten, dass „noch viel aufzuräumen“ sei. Linken-Chef Klaus Ernst sagte: „Anstatt dem Parlament sofort alle Informationen zur Verfügung zu stellen, zieht Guttenberg selbstherrlich und völlig unvermittelt personelle Konsequenzen.“ Und der grüne Verteidigungsexperte Omid Nouripour erklärte: „Das ist kein Führungsstil, das ist beliebig.“

Mehr als zwei Monate nach dem Tod einer Kadettin auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ hatte Guttenberg zuvor erste Konsequenzen gezogen und den Kommandanten abgesetzt. „Der Kommandant ist von seiner Führungsaufgabe entbunden, ich habe das angewiesen“, sagte der CSU-Politiker bei einer verteidigungspolitischen Veranstaltung in Koblenz. Grund sei die Häufung von „erschütternden Berichten“. Der Minister beorderte auch die im südargentinischen Hafen Ushuaia ankernde Bark nach Deutschland zurück. Zudem wird bis auf Weiteres die Ausbildung auf dem Dreimaster eingestellt. „Bis zur Klärung wird die ,Gorch Fock‘ an die Kette gelegt“, sagte Guttenberg. Die Vorgänge müssten jetzt untersucht werden.

Ministerium sprach nur von "emotionalen Spannungen"

Oppositionspolitiker hatten dem Minister vorgeworfen, er habe sie nicht über den gravierenden Vorfall unterrichtet. Auch im Fall des in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten, bekräftigten SPD und Grüne den Vorwurf, habe Guttenberg den Bundestag nicht korrekt informiert. Zu den Gründen für die Absetzung des „Gorch Fock“-Kommandanten sagte der Ministeriumssprecher zunächst nichts. Nach Medienberichten wurden Offiziersanwärter schikaniert. Die „Bild“-Zeitung berichtete unter Berufung auf einen ungenannten angehenden Offizier, die 25 Jahre alte Kadettin sei am 7. November dazu genötigt worden, in die Takelage zu klettern. „S. hatte vorher einem Offizier gesagt, dass sie nicht mehr kann. Er antwortete, sie solle sich nicht so anstellen“, zitierte das Blatt den Mann. Die junge Frau sei kurz danach aus 27 Meter Höhe auf das Deck des Schiffs gestürzt.

Dem „Bild“-Bericht zufolge weigerten sich vier Offiziersanwärter nach dem Tod der Kameradin, wieder in die Takelage zu klettern. Ihnen sei daraufhin die Offizierseignung aberkannt worden. Nur vier Tage nach dem tödlichen Sturz sei zudem auf dem Schiff Karneval gefeiert worden, ohne Rücksicht auf die Trauer um die tote Soldatin. Der „Spiegel“ berichtete, ehemalige Offiziersanwärter schilderten, dass die Stammbesatzung der „Gorch Fock“ die Offiziersanwärter drangsaliere. Auf Beschwerden hin soll ein Offizier einem Unteroffizier gesagt haben, er solle lieber nachgeben, „sonst haben Sie kein gutes Leben an Bord“.

Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagte, er habe schon Anfang Dezember vom Verteidigungsministerium Informationen über den tödlichen Zwischenfall und den Widerstand der Offiziersanwärter verlangt. Vom Ministerium sei erklärt worden, es gebe keine Probleme, nur „emotionale Spannungen“, sagte Arnold der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Mutter der Toten vermutet Vertuschung

Annika Seele, die Mutter der Toten, erhebt Vorwürfe gegen die Ausbilder: „Wie konnten die Vorgesetzten Sarah so hoch in die Wanten schicken, obwohl sie noch gar nicht richtig angekommen war?“, fragt Annika Seele im „Spiegel“. Am 5. November sei ihre Tochter nach rund 20-stündiger Reise in Brasilien eingetroffen, erst früh am nächsten Morgen habe sie schlafen können. Schon am Morgen des 7. November habe der Drill begonnen. Nach dem Unfall habe es sieben Stunden gedauert, bis die Familie informiert worden sei. Auch der Bundeswehrführung macht Annika Seele Vorwürfe: „Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb“, sagte sie dem „Focus“. Sie vermute Vertuschung – und erstattete laut „Focus“ Strafanzeige gegen die Bundesrepublik wegen fahrlässiger Tötung.

Der „Spiegel“ berichtet, im Fall des in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten habe Guttenberg gegenüber Koalitionspolitikern erstmals Pannen eingeräumt. Demnach soll der CSU-Politiker Probleme bei der Information des Bundestags eingeräumt haben. Nach dem Bericht gab der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Kossenday, vergangenen Mittwoch im Verteidigungsausschuss an, der 21 Jahre alte Soldat sei bei einem Schussunfall ums Leben gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war aber nach bundeswehrinternen Untersuchungen klar, dass der Mann durch den Schuss aus der Waffe eines Kameraden getötet worden war.

Der „Spiegel“ zitierte aus einem Feldjägerbericht, nach dem ein Soldat ein Magazin in seine Pistole einführte. Dieses habe aber geklemmt. Der Mann habe dann auf das Magazin geschlagen, dabei habe sich ein Schuss gelöst, der den 21-Jährigen in den Kopf traf. Dies habe sich aus den Befragungen des Schützen und anderer Soldaten ergeben. Nach Aussagen eines Soldaten allerdings soll der Schütze spielerisch die Waffe vor den 21-Jährigen gehalten haben.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen