Afghanistan

Zahl der traumatisierten Soldaten auf Höchststand

Noch nie sind so viele deutsche Soldaten mit seelischen Verletzungen aus einem Auslandseinsatz zurückgekehrt wie aus Afghanistan.

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Seit 1990, seit die Bundeswehr in Auslandseinsätze geht, sind noch nie so viele Soldaten mit seelischen Wunden zurückgekehrt wie in diesem Jahr. Bis Ende November sind 655 Soldaten wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) behandelt worden – das sind 200 mehr als im Vorjahr und mehr als zehnmal so viele wie 2006 (55 Fälle). "Die Zahlen steigen, und sie werden in den nächsten Jahren auch weiter steigen“, sagt Oberfeldarzt Peter Zimmermann, Chef der Psychiatrie im Bundeswehrkrankenhaus Berlin und Leiter des im Juni dort eröffneten Trauma-Forschungszentrums.

Die Betroffenen meldeten sich aber nicht nur wegen PTBS. Weitere 333 Soldaten hätten in diesem Jahr nach Auslandseinsätzen unter anderen psychischen Beschwerden wie Depressionen oder Suchtverhalten gelitten. Die meisten seien Afghanistan-Rückkehrer. Als Grund für die steigenden Zahlen an seelischen Verletzungen sieht Zimmermann zwei Dinge. "Die Schwere der Einsätze und die Menge der Menschen, die dort unten sind, führt automatisch zu mehr Fällen“, sagt er. Gleichzeitig mache sich eine gestiegene Behandlungsakzeptanz bemerkbar. Immer mehr Soldaten trauten sich, wegen seelischer Schwierigkeiten in ein Krankenhaus zu gehen. "Da hat sich wirklich etwas geändert in den vergangenen Jahren“, so der Psychiater.

Tatsächlich ist in puncto PTBS bei der Bundeswehr in den vergangenen Monaten einiges passiert. Zum Beispiel hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gerade einen General in seinem Haus zum PTBS-Beauftragten ernannt.

Christoph Munzlinger, bisher Beauftragter für Erziehung und Ausbildung beim Generalinspekteur, ist Ansprechpartner für alle seelisch verwundeten Soldaten. Fast noch wichtiger als die Aktivitäten in der Ministeriumsspitze sei aber das Klima in den mittleren und unteren Führungsebenen, meint Zimmermann. "Dass Kompaniechefs oder Bataillonskommandeure ihren Soldaten sagen: Junge, du brauchst keine Angst zu haben, wenn du zurückkommst, kannst du hier immer noch Karriere machen.“

Auch die öffentliche Diskussion spielt eine Rolle bei der steigenden Akzeptanz posttraumatischer Belastungsstörungen. Und so ging es auch in Johannes B. Kerners Talkshow um dieses Thema; die Aufzeichnung der umstrittenen Sendung aus dem Bundeswehr-Camp "Marmal“ im afghanischen Masar-i-Scharif läuft Donnerstagabend im Fernsehen. Sebastian Züche, ein ehemaliger Zeitsoldat, berichtet in der Show über seinen Afghanistan-Einsatz und dessen persönliche Folgen.

Züche war 2007 im Distrikt Badakhshan im Nordosten Afghanistans eingesetzt, er leitete dort die Militärpolizeikräfte und bereitete die Ausbildung der afghanischen Polizei mit vor. Er hörte Granaten im Lager einschlagen, sah verstümmelte Leichen, pulte Knochensplitter aus Autositzen, um Anschläge zu rekonstruieren. Als er nach fünf Monaten wieder nach Deutschland kam, stellte er fest: "Irgendetwas passiert hier mit mir.“ Nach einem weiteren Einsatz im Sudan 2008 erkannte Züche dann, dass er ärztliche Hilfe benötigt.

Im Februar erschien auf Morgenpost Online ein Artikel über sein Schicksal . Später erzählte der 32-Jährige seine Geschichte auch der Kerner-Redaktion. Vor einigen Wochen schon wurde das Gespräch aufgezeichnet. Man blieb in Kontakt. Vor einigen Tagen erfuhr Züche dann, dass sein Beitrag in der umstrittenen Afghanistan-Aufzeichnung platziert werden sollte. Richtig gut gefällt ihm diese Kombination nicht. "Ich dachte, das wird eine Talkshow mit Experten zur kritischen Auseinandersetzung mit dem ganzen Einsatz“, sagt er. "Und nun wird das in einem Hangar in Masar-i-Scharif aufgezeichnet, wo die Soldaten doch eher selten das Feldlager verlassen.“ Der 32-Jährige fühlt sich jetzt eher als "Lückenfüller“. "Da hatten sie noch mal einen Fünf-Minuten-Beitrag mit negativen Aspekten“, sagt er. Der eigentliche Grund des Einsatzes sei seiner Meinung nach in der Sendung zu kurz gekommen.

Was die Bundeswehr in Afghanistan leistet und wie lange sie noch dort bleibt, darum ging es am Morgen der Talkshow-Ausstrahlung im Bundestag. Außenminister Westerwelle kündigte in einer Regierungserklärung an, dass die Bundeswehr Ende 2011 allmählich mit dem Abzug ihrer Soldaten beginnen könne. Ganz so konkret äußerte sich sein Kabinettskollege Guttenberg in Masar nicht. Von Abzug könne man nur sprechen, wenn man diesen an das Erreichen von Zielen knüpfe, nicht an den Kalender, sagte er. Alles andere wäre unverantwortlich, vor allem den Soldaten gegenüber.

Auch im Fortschrittsbericht der Bundesregierung zu Afghanistan, der Anfang der Woche vorgestellt wurde, taucht immerhin noch die Zahl 2012 auf. Westerwelle aber betonte jetzt die feste Absicht, dass der Abzug in einem Jahr beginnt und dass nach 2014 keine deutschen Kampftruppen mehr am Hindukusch im Einsatz sein sollten. "Der Fahrplan steht“, sagte er. Wie aber die Bundeswehr mit all den gesundheitlichen Folgen für ihre Soldaten umgeht, dafür gibt es noch keinen Fahrplan. Ein Ende ist auch schwer absehbar.

"Viele Soldaten, die jetzt traumatisiert werden, melden sich erst nach Jahren“, sagt Zimmermann. Studien hätten ergeben, dass ein Zeitraum von drei und mehr Jahren vergehen kann zwischen dem ersten Schreiben einer anonymen E-Mail bis zum Aufsuchen eines Arztes vergeht. "Es wird zunächst noch mehr werden“, erwartet der Psychiater – "auch wenn wir im nächsten Jahr aus Afghanistan rausgehen.“