Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hat seiner Partei Rückständigkeit vorgeworfen. Die Sozialdemokratie habe möglicherweise noch nicht in ihrer Breite verstanden, „wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat“, sagte Schmidt dem „Hamburger Abendblatt".

Heute stünden „andere Fragen im Zentrum als die der Arbeiterbewegung“. Als Beispiel nannte er die Integration der sieben Millionen Zuwanderer in Deutschland. „Es gibt keine politische Partei in Deutschland, die die Integration als zentrales Thema begriffen hat – auch nicht die SPD.“

Die zurückliegenden elf Regierungsjahre hätten die Sozialdemokraten „nicht sonderlich verändert“, sagte Schmidt. „Aber die Gesellschaft hat sich in dieser Zeit sehr schnell verändert.“

Auf die Frage, wie sehr er sich gegenwärtig über die SPD ärgere, antwortete Schmidt: „Ich bin zu alt, um mich sonderlich zu ärgern.“ Er werde aber auch den „Rest“ seines Lebens für die SPD sein.

Schmidt regte auch die Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland an. “Ich bin dafür, über die Schaffung einer Freiwilligenarmee nachzudenken„, sagte er.


Die Wehrpflicht sei “an der Grenze der Verfassungswidrigkeit„ gewesen, weil sie zu einer “unglaublichen Ungleichheit der Einberufung„ geführt habe, bemängelte Schmidt. “Das wird durch die beabsichtigte Verringerung der Einberufungsdauer etwas gemildert, aber nicht wesentlich.„

Die Bundeswehr sei als Wehrpflichtarmee gegründet worden sei, weil Deutschland sich durch sowjetische Truppen und Raketen bedroht gefühlt habe, sagte der Altkanzler, der von 1969 bis 1972 Verteidigungsminister war.

“Diese massive gegenseitige Bedrohung zwischen Ost und West ist weggefallen – und damit auch die Grundlage der Entscheidung für eine Wehrpflichtarmee.“

Kritik übte der Altbundeskanzler auch an der Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf die Finanzmarktkrise. „Ich sehe nicht, dass die Finanzmärkte gebändigt werden“, sagte Schmidt. „Die Gipfeltreffen der G20 haben zahlreiche Absichtserklärung hervorgebracht, aber niemand verwirklicht etwas davon. Das sieht nicht gut aus.“ Finanzmanager in New York seien schon wieder dabei, Bonuszahlungen in Milliardenhöhe herauszuhandeln.

Schmidt bemängelte vor allem das Verhalten in den USA und Großbritannien, die bei der Finanzmarktregulierung entscheidend seien. „In beiden Ländern ist die politische Klasse nicht geneigt, Banken oder Hedgefonds unter Kontrolle zu bringen“, sagte er.

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AFP/ddp/Reuters/ab