Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat die Wahl vom 20.August möglicherweise schon in der ersten Runde klar gewonnen – wenn die Wahl selbst glaubwürdig ist. Und daran wuchsen die Zweifel genau an jenem Tag, als die Wahlkommission in Kabul erstmals meldete, Präsident Karsai habe die absolute Mehrheit erreicht, die einen zweiten Wahlgang unnötig machen würde.
Nach Auszählung von mehr als 90 Prozent der Stimmen liege der Präsident mit 54,1 Prozent der Stimmen klar vor seinem Herausforderer Abdullah Abdullah, der 28,3 Prozent erreicht habe, erklärten die Beamten. Damit wäre Karsai die Mehrheit kaum mehr zu nehmen, selbst wenn die meisten der noch auszuzählenden Stimmen an Rivalen fielen. Doch ob dem Inhalt der Urnen zu trauen ist, bleibt fraglich.
Nur wenige Stunden zuvor hatte die unabhängige Beschwerdekommission, die mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitet, die Wahlkommission angewiesen, die Ergebnisse aus 600 der insgesamt 26.000 Wahllokale vorläufig nicht zu werten und zu überprüfen, denn es habe „klare und überzeugende Beweise für Betrug“ gegeben. Hunderttausende Stimmen sind betroffen. Deshalb ist das scheinbar eindeutige Lagebild, das die Wahlkommission am Abend veröffentlichte, auch kein amtliches Ergebnis.
Dass Karsai wirklich so weit vorn liegt, bezweifeln auch immer mehr unabhängige Fachleute: „Diese Resultate sind unglaubwürdig“, sagte etwa Philippe Morillon, Leiter der EU-Wahlbeobachtermission, der Morgenpost Online. „Es gibt sehr fundierte Hinweise auf eine Vielzahl gefälschter Stimmen. Bevor nicht alle Anzeigen bei der Beschwerdekommission geprüft sind, sollte man sich davor hüten, Gewinner und Verlierer der Wahl ausmachen zu wollen.“ Nach Überprüfung der Beschwerden könne sich das Gesamtbild auch ganz anders darstellen als derzeit. „Vor allem ist aber fraglich, ob Herr Karsai wirklich die absolute Mehrheit erreicht hat oder ob er mit weniger als 50 Prozent vorn liegt.“
Die Betrugsvorwürfe richten sich in erster Linie gegen das Karsai-Lager. Auch Abdullah hat dem Präsidenten schwere Manipulationen vorgeworfen. Die Wahlkommission kündigte von sich aus an, die Stimmen der bemängelten Wahllokale bei dem vorläufigen Ergebnis nicht zu berücksichtigen. Diese Stimmen seien „verdächtig“ und zur Überprüfung an die Beschwerdekommission gegeben worden. Da eine Maximalzahl von 600 Wählern für jedes Wahllokal errechnet worden war, liegt die mögliche Zahl dieser umstrittenen Stimmen bei höchstens 360.000. Allerdings liegt Karsai derzeit etwa 1,4 Millionen Stimmen vor Abdullah.
Zudem hatte die „New York Times“ berichtet, Anhänger Karsais hätten bis zu 800 fiktive Wahllokale eingerichtet. Diese seien zwar nie geöffnet worden, hätten aber Hunderttausende Stimmen für die Wiederwahl des Präsidenten gemeldet. Doch auch wenige Tausend Stimmen können eine schicksalhafte Bedeutung für die Zukunft Afghanistans haben: Nur wenn Karsais Ergebnis unter 50 Prozent läge, gäbe es am 1.Oktober eine Stichwahl, bei der Abdullah wiederum eine Chance hätte, wenn er die Anhänger der ausgeschiedenen Bewerber von sich überzeugen könnte.
Karsai, der nach der Nato-Invasion gegen die Taliban 2001 ins Amt gekommen war, ist in letzter Zeit immer öfter in die Kritik geraten, weil es in seiner Umgebung Fälle von Korruption und Verwicklungen in den Drogenhandel gibt. Seine Entscheidung, den gefürchteten Kriegsherrn Abdul Raschid Dostum im Austausch für Unterstützung bei der Wahl in sein Kabinett aufzunehmen, hatte Entsetzen ausgelöst. Solchen Handel von Einfluss gegen Stimmen gibt es aber auch bei Karsais Gegnern. Selbst Abdullah hat offen eingestanden, bei Stammesführern pauschal um die Stimmen ihrer Clanmitglieder geworben zu haben.
Kenner der afghanischen Politik schließen nach wie vor nicht aus, dass Karsai seinen Rivalen Abdullah sogar ins Kabinett aufnimmt, wenn dieser seine Gegenkandidatur aufgibt. Abdullah, dessen Mutter der zweitgrößten afghanischen Volksgruppe der Tadschiken angehört, war von 2001 bis 2006 Karsais Außenminister. Der studierte Augenarzt gilt als moderat, hat aber einst eher frommen Strömungen angehört. Er hatte den Kampf gegen Korruption zum Hauptthema seines Wahlkampfes gemacht.





