Der beliebteste Politiker Deutschlands kam etwas zu spät zur Buchvorstellung seiner Gattin. Die Geschäfte hatten ihn mal wieder aufgehalten. Afghanistan ist eben kein Kindergeburtstag, sondern die heikelste Mission, die die deutsche Politik zu vergeben hat. Hier geht es um Leben und Tod, um den globalen Kampf von Gut gegen Böse, um elementare Werte – exakt seine Flughöhe. Jeder andere Politiker hätte die Chance genutzt, sein Zuspätkommen als Einmarsch zu inszenieren. Aber ein Stil-Profi wie Karl-Theodor zu Guttenberg weiß um den Wert demonstrativer Zurückhaltung. Also bleibt er ganz hinten stehen und überlässt nur ihr die Bühne, die ihr Buch gegen Kindesmissbrauch präsentiert.
Natürlich weiß er, dass seine kalkulierte Bescheidenheit wahrgenommen wird. Was ein Mann: so edelmütig, uneitel, mitfühlend. Sie wiederum widmet „Schaut nicht weg!“, das Werk mit dem engagierten Titel, „meinem geliebten Mann und meinen Töchtern. Sie sind der Fels in der Brandung, ohne sie wäre alles nicht möglich.“ Ja, das muss Liebe sein, Verantwortung, eine emotionale, gleichwohl tiefschürfende Interpretation von konservativ ohne den beißenden Geruch schlechtlauniger alter Männer.
Romantisches Urgefühl und ein wenig AC/DC
In Rekordzeit sind Stephanie und Karl-Theodor zu Guttenberg zum Traumpaar der Berliner Republik aufgestiegen. Endlich kann Deutschland wieder mithalten im internationalen Herzenswettbewerb. Wie selbstverständlich haben die Guttenbergs die Rolle der Ersatzmonarchen übernommen. Ein Geschenk für ein Land, das zwischen Tradition und unsicherer Zukunft nach Orientierung sucht. „KaTe“ (38), wie Freunde ihn nennen, und seine Stephanie (33) füllen endlich ein emotionales Vakuum der deutschen Seele.
Sie stehen für die schönen, langen Linien eines romantischen Urgefühls: Ländereien, ein Schloss und das Gespür für angemessenen Ton, die Bereitschaft zum öffentlichen Auftritt, den Kampf für die Seelen missbrauchter Kinder, noch versehen mit einer homöopathischen Dosis freakigen Schmuddels in Form eines AC/DC-T-Shirts. Ein Kanon, im Gestern verwurzelt und dem Morgen zugewandt.
Wie konnte dieser Aufstieg ausgerechnet in der allgemein verachteten Branche der Volksvertreter gelingen? Ebendarum. Der Politiker Guttenberg bringt das Kunststück fertig, als Schwan im Schwarm struppiger Brückentauben wahrgenommen zu werden. Ja, er ist Politiker, und doch wird er ganz anders wahrgenommen. Ob Merkel oder Gabriel, Westerwelle, Trittin oder Seehofer, sie alle sind angestrengte Emporkömmlinge. Ohne Amt und Würden drohte jäher gesellschaftlicher Absturz.
Guttenberg hat Politik gar nicht nötig
Guttenberg hingegen hat Politik überhaupt nicht nötig. Er könnte die Familienfirmen führen, sich in der Großfinanz tummeln oder mit offenem Sportwagen einfach nur durch Franken brausen. Nicht er braucht die Politik, sondern sie braucht Leute wie ihn, der mit edler Herablassung vor allem eines signalisiert: Unabhängigkeit. So viel, dass er sich beim Opel-Streit kühn gegen die Kanzlerin stellt oder sich wie Dean Martin im Glanz Manhattans knipsen lässt.
Wenn sich so einer ohne Not in die Niederungen der Gremien begibt, dann scheint es ihm wohl ums große Ganze zu gehen, um Prinzipien, Pflichtbewusstsein. Um all das, was die Politik längst verloren zu haben scheint. Dass die Gattin sich beim ewig richtigen Thema Kindesmissbrauch engagiert, definiert die Wichtigkeit der Mission: Unter gesamtgesellschaftlicher und nationaler Bedeutung machen sie es nicht.
Die Guttenbergs fallen auch auf, weil der Rest der politischen Klasse mit ihrem Mittelmaß eine ideale Bühne bietet, auf der die fränkischen Kennedys einfach auffallen müssen. Ernste Konkurrenz droht allenfalls noch von Ursula von der Leyen, gleichfalls aus edlem wie betuchtem Hause und gleichfalls im Rang einer patriotischen Pflichtmaschine. Nur hat Herr von der Leyen so gar keine Chance gegen Stephanie, die Ururenkelin von Otto Fürst von Bismarck. Nein, die Guttenbergs bedienen als Monopolisten jene Sehnsucht nach einem Traumpaar mit Niveau.
Die perfekte mediale Zugewinngemeinschaft
Sie wollen nicht nur an die Spitze, sie können es auch. Sie bilden eine perfekte mediale Zugewinngemeinschaft. Virtuos trifft Stephanie die Mutterseele, wenn sie gegen die pornografisierte Gesellschaft wettert, eine Pop-Nudel wie Lady Gaga zur Ursache alles Bösen erklärt und wie am vergangenen Donnerstag bei RTL2 auf die Jagd nach Sex-Verbrechern geht. Wer wollte kritisieren, dass sie als Präsidentin von „Innocence in Danger“ zur Primetime Volksaufklärung gegen Kindesmissbrauch betreibt? Dieser Kampf ist von unangreifbarem Edelmut, illustriert aber eben auch ein traumwandlerisches Gespür fürs Volksempfinden. Er sorgt fürs Schneidige. Der Mann handelt. Kaum jemand hätte doch vor einem Jahr geglaubt, dass man die Wehrpflicht mal eben so abschaffen kann. Und dann dieses Gespür fürs Bild.
Es hieße, den Guttenbergs Dummheit zu unterstellen, würde man hinter ihrem Vorgehen keinen Plan vermuten. Bleiben sie halbwegs fehlerfrei, werden sie spätestens am übernächsten Bundestagswahlkampf als Spitzenkandidaten teilnehmen, auch weil in der Union nur wenig junge Alphatiere bereitstehen. So lauert als Feind ihrer Planung nur die kalte Realität des Beziehungsalltags. Mal sehen, wie weit das Pflichtbewusstsein dann reicht.





