Der frühere Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) und langjährige Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Willi Daume, war nach Recherchen eines Nürnberger Historikers während des Zweiten Weltkriegs Spitzel des Nazi-Sicherheitsdienstes (SD) der SS. Der Wissenschaftler Jan C. Rode fand anhand der Entnazifizierungsakten der Alliierten im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und bisher unveröffentlichter Interviews Daumes mit Mitarbeitern der Universität Hannover heraus, dass Daume von 1943 an für den SD aus den Niederlanden berichtete.
„Vermutlich sollte Daume über Widerständler in Holland Auskunft geben“, sagte Rode zu Morgenpost Online. Die Tätigkeit für den SD erstreckte sich seinen Angaben zufolge über einige Wochen bis Monate. Daume selbst habe später angegeben, dass der SS-Sicherheitsdienst die Zusammenarbeit „mangels Gehalts“ der Spitzel-Berichte nicht mehr nachgefragt habe.
Daume (1913-1996) hatte die elterliche Eisengießerei in Dortmund geerbt. Der Betrieb galt den Nazis als kriegswichtig und stellte unter anderem Panzerketten her. Die Firma unterhielt ein Zweigwerk in Amsterdam. Das Unternehmen habe in Dortmund Zwangsarbeiter beschäftigt und insofern, so Rode, von der NS-Diktatur profitiert.
„Ich würde ihn als klassischen Mitläufer beschreiben“, sagte der Geschichtswissenschaftler. Ob Daume Menschen mit seiner Spitzeltätigkeit schadete, sei nicht mehr nachzuvollziehen.
Der Entnazifizierungskommission in Dortmund legte Daume die Zeugenaussage eines Geschäftsmannes aus Den Haag vor. Dieser habe schriftlich bestätigt, dass Daume geholfen habe, „Niederländer auf illegalem Wege wieder zurück in die Heimat zu bringen“, zitierte der Historiker Rode aus den Akten. Danach sei Daume offiziell vom Mitläufer zum Unbelasteten eingestuft worden.
Deshalb könne Daume aber nicht als heimlicher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gelten, betonte Rode. Viele in die NS-Herrschaft verwickelte Persönlichkeiten hätten sich ähnlich lautende Persilscheine – also Zeugnisse zum Reinwaschen der Vergangenheit – ausstellen lassen.
In den ausgewerteten Interviews aus dem Anfang der 1990er-Jahre habe Daume seine Zusammenarbeit mit dem SS-Sicherheitsdienst zwar eingeräumt, jedoch als unbedeutend und Selbstschutz verteidigt. Der später in der Bundesrepublik hoch geehrte Sportfunktionär, nach dem heute die Deutsche Olympische Akademie benannt ist, wäre sonst nach eigenen Angaben zwangsweise als Soldat an die Ostfront bei Stalingrad versetzt worden.
Daume engagierte sich bereits in der Zeit vor 1945 als Sportfunktionär zunächst für seinen Heimatverein Eintracht Dortmund. Er brachte es im Zweiten Weltkrieg bis zum Handball-Verantwortlichen im Gau Westfalen. Seine Äußerungen aus jener Zeit, die in Vereins- und Verbandszeitschriften überliefert sind, klingen laut dem Forscher „wenig nazibelastet“.
Durch seine übernommenen offiziellen Funktionen und wegen seiner kriegswichtigen Firma könne Willi Daume dennoch als beispielhaft für viele angepasste Funktionäre und Unternehmer gelten. „Doch anders als Carl Diem hat Daume sich nicht exponiert geäußert“, urteilt Jan Rode.
Diem, Gründungsdirektor der Kölner Sporthochschule nach dem Kriegsende, hatte sich zwar nach dem Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 geweigert, in die NSDAP einzutreten. Doch später wirkte er an propagandistischen Aufrufen mit, die Sport als Bestandteil der Nazi-Ideologie hervorhoben.
Trotz der vergleichsweise geringen Belastung Daumes wird dessen Nazi-Vergangenheit bislang offiziell weitgehend verschwiegen. Bekannt war lediglich seine NSDAP-Mitgliedschaft seit 1937. Noch Ende 2009 war in einer Ausgabe der „DOSB-Presse“ des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) behauptet worden, Daume sei niemals in der NSDAP gewesen.
Diese Darstellung will der DOSB in der nächsten Presseinformation am 19. Januar 2010 richtig stellen. Verbandssprecher Christian Klaue sprach von einem bedauerlichen Fehler des Autoren. Nach dem Bekanntwerden der neuen Fakten befasst sich der Verband erneut mit der NS-Vergangenheit. „Sollte es jetzt neue Erkenntnisse zur Vergangenheit Willi Daumes geben, wird sich der DOSB damit selbstverständlich auseinandersetzen“, sagte Klaue.
Die Studie über Daume hatte der DOSB nach Informationen von Morgenpost Online anfangs selbst befürwortet. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis das Werk erscheinen konnte – am 4. Januar 2010 im kleinen Göttinger Verlag Die Werkstatt. In dem Buch über „Willi Daume und die Entwicklung des Sports in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1945 und 1970“ beschäftigt sich Rode zudem mit dem Wirken des Funktionärs bis zur Vorbereitung der Olympischen Spiele 1972.
Daume holte die Spiele nach München. Die begannen 36 Jahre nach den Propaganda-Spielen der Nazis in Berlin, bei denen der spätere erfolgreiche Funktionär selbst für die deutsche Mannschaft Basketball gespielt hatte.
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