Deutsche Einheit

De Maizière beklagt Reserviertheit des Westens

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Hannelore Crolly

Foto: picture alliance / dpa / dpa

20 Jahre nach dem Einigungsvertrag zieht Thomas de Maizière Bilanz: Die gemeinsamen Veränderungen blieben oft unbemerkt.

Vor dem Eingang schnäbelt ein knöcherner Diplodocus, der Langhals unter den Dinosauriern, mit seinem Nachbarn Iguanodon, dem „Eidechszähner“. Im Saal selbst wachen globale Kolosse über das Geschehen, ein afrikanischer, ein amerikanischer und ein indischer Ur-Elefant, allesamt zwar eindrucksvoll, aber nun mal ausgestopft und auf ewig in der letzten Bewegung gefangen.

Eine Naturkundesammlung wie das Frankfurter Senckenbergmuseum ist also ein durchaus trefflicher Ort, um über Vergangenheit zu sinnieren. Und darüber, was selbst Giganten droht, wenn sie sich nicht an neue Umstände anpassen.

Doch Thomas de Maizière (CDU), Bundesinnenminister und an diesem Diskussionsabend Gastgeber im Museum, steht nicht der Sinn nach lamoryanter Rückschau. Um den mit Riesenschritten nahenden 20. Jahrestag der deutschen Einheit soll es gehen auf dem Podium, und de Maizière will dabei endlich mal nicht mehr nur über DDR und Solidaritätszuschlag reden müssen.

Als Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer entwickelte der 56-Jährige deshalb ein „neues Format“, wie er es nennt.

Mit diesem „Gemischten Doppel“ ist de Maizière im Vorfeld des 3. Oktober, das in Bremen staatstragend gefeiert werden wird, derzeit auf Deutschlandreise: Vier Städte-Paare, die sich nach der Wiedervereinigung gefunden haben, sollen über ihre Entwicklung in 20 gemeinsamen Jahren berichten, darüber, was entstanden und verschwunden ist und wie die gegenseitige Befruchtung aussah.

„Wir sollten versuchen, ab dem 3. Oktober endlich anders über uns zu reden“, mahnte de Maizière, das „Mammut Americanus“ vor ihm fest im Visier, zum Blick nach vorn, in Richtung gesamtdeutsche Zukunft.

Deutschland habe sich wahrlich tiefschürfend genug mit den 40 Jahren der Trennung und dem Prozess der Vereinigung beschäftigt. „Aber was uns gemeinsam verändert hat in den letzten 20 Jahren, das betrachten wir zu wenig.“ Wobei der Aufbau Ost auf keinen Fall als „Nachbau West“ ausfallen dürfe.

Halle-Karlsruhe, Rostock-Bremen und nun also auch Frankfurt und Leipzig haben den Minister-Auftrag des bürgernahen Ost-West-Dialogs bereits erledigt, haben Gemeinsamkeiten entdeckt bei Wissenschaftsförderung und Werftenkrise, bei Buchkultur und Messemarkt. Den Abschluss bildet im September die Paarung Hamburg-Dresden.

Und doch war der Innenminister in Frankfurt schließlich genau dann wieder am eifrigsten und emotionalsten, als es um die Vergangenheit ging, namentlich um den Einheitsvertrag, den er selbst mit ausgehandelt hat.

Er ärgere sich über die ewigen Vorhaltungen an die Adresse der beteiligten Politiker, was damals angeblich alles falsch gemacht worden sei, sagte er. „Die armen Würstchen wie ich, die damals am Verhandlungstisch saßen, konnten beim besten Willen nicht alles recht machen.“ Dabei hat de Maizière, der 1990 Mitglied der DDR-Verhandlungskommission für den Einigungsvertrag war, in diversen Interviews gerade selbst den Finger in die Wunde gelegt.

Es sei sicher besser gewesen, nicht auf einen Schlag das gesamte westdeutsche Rechtssystem auf Ostdeutschland zu übertragen, so seine Erkenntnis. Auch das „komplizierteste Sozial- und Finanzsystem der Welt“ habe die neuen Länder wohl überfordert. Manche Dinge, große Investitionen oder Firmenansiedlungen zum Beispiel, wären vielleicht etwas improvisierter über die Bühne gegangen, aber eben auch mit weniger Hemmnissen.

Auch hätte sich de Maizière gewünscht, dass ein bisschen mehr von der DDR übernommen worden wäre als nur das Straßenschild für „Naturschutzgebiet“, der Grüne Pfeil und das Ampelmännchen.

Doch leichter kritisiert als getan: „Die Veränderungsbereitschaft West damals war null“, erinnert de Maizière an die Befindlichkeiten im Wendejahr 1989/90. Allerorten habe eine Stimmung geherrscht, als gehe gleich die Welt unter, wenn nicht überall der Weststandard eingeführt werde.

Bis heute schmerze ihn vor allem bitter, sagte de Maizière der „Leipziger Volkszeitung“, dass die DDR-Bildungsabschlüsse nicht anstandslos anerkannt wurden. „Dass dadurch ein Problem der Augenhöhe entstand, darf niemanden wundern.“

Der Cousin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière spricht in diesem Zusammenhang offen von „westdeutscher, föderalistischer Engstirnigkeit“. Das habe auf die Psyche der ostdeutschen Bürger und damit auf den gesamten Einigungsprozess eine „ganz schlechte Auswirkung“ gehabt.

Studien zufolge fühlen sich zwei Drittel der Ostdeutschen auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung als Bürger zweiter Klasse. De Maizière macht dafür auch die Rollenverteilung zwischen Ost und West im Einigungsprozess verantwortlich: „Das Selbstbewusstsein der Bürgerrechtsbewegung war nach dem 3. Oktober 1990 futsch – und wurde abgelöst von einer Ihr-müsst-uns-helfen-Mentalität. Man bekam in den ersten Jahren einfach am meisten Unterstützung, wenn man gesagt hat: Wir sind schwach. Daraus entsteht natürlich kein großes Selbstbewusstsein.“

Jetzt werde sich wohl noch eine Generation an den Fragen der Teilung abarbeiten. Aber für junge Leute, wie seine Teenager-Tochter etwa, sei das alles bereits Geschichte und unendlich weit weg, sagte de Maizière.

Ohnehin sei unsinnig, die „Vollendung der deutschen Einheit“ anzumahnen: „Da ist nichts mehr zu vollenden. Die deutsche Einheit wurde am 3. Oktober 1990 vollendet und abgeschlossen.“

Allerdings müsse weiter am Zusammenwachsen gearbeitet werden – aber das, so der Innenminster, muss man schließlich auch zwischen Süd- und Nordhessen. Und im übrigen halte er es mit Georg Milbradt, dem langjährigen sächsischen Finanzminister und bis 2008 Ministerpräsident des Freistaates Sachsen: „Bei der nächsten Wiedervereinigung machen wir alles besser!“

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