Vor dem Prozess

Becker-Anwalt erhebt Vorwurf gegen Buback-Sohn

| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: dpa

Im bevorstehenden Prozess wegen des Attentats auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 will Rechtsanwalt Walter Venedey Freispruch für Verena Becker fordern. Im Morgenpost-Online-Interview wirft er dem Sohn des Ermordeten vor, seine Mandantin ungerechtfertigt zu brandmarken.

Morgenpost Online : Herr Venedey, Frau Becker ist seit Weihnachten wieder auf freiem Fuß. Wird sie sich nun vor Gericht wegen des Mordes an Siegfried Buback und seiner beiden Begleiter verantworten müssen?

Walter Venedey : Ich rechne zwar fest mit der Anklageerhebung, spätestens im zweiten Quartal. Allerdings hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass meine Mandantin nur der Beihilfe, nicht der Mittäterschaft dringend verdächtig ist. Darauf wird wohl auch die Anklage hinauslaufen, über deren Zulassung das zuständige Gericht dann erst noch entscheiden muss.

Morgenpost Online : Welcher Strafe kommt infrage?

Venedey : Prinzipiell liegt die Mindeststrafe für Beihilfe bei drei Jahren. Allerdings ist gegen Frau Becker schon einmal eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt worden, und die Tat liegt lange zurück. Deshalb wäre auch eine Bewährungsstrafe nicht auszuschließen.

Morgenpost Online : Sie scheinen sich schon mit einer Verurteilung abgefunden zu haben.

Venedey : Im Gegenteil. Ich halte selbst den Vorwurf der Beihilfe zum Mord für ungerechtfertigt. Diese Auffassung habe ich auch in der erfolgreichen Haftbeschwerde vertreten. Kurzum, wir führen eine Freispruchsverteidigung.

Morgenpost Online : War aus Ihrer Sicht die Verhaftung im Sommer 2009 gerechtfertigt?

Venedey : Die Antwort ist ein klares Nein. Zu diesem Zeitpunkt waren die Beweismittel noch bescheidener als bei der Freilassung kurz vor Weihnachten.

Morgenpost Online : Sie kennen die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft im Detail. Welche Beweismittel hat sie?

Venedey : Es handelt sich zum einen um altbekannte Fakten, beispielsweise soll bei der Festnahme von Frau Becker im Mai 1977 im Rucksack ihres Begleiters die Tatwaffe im Fall Buback gefunden worden sein. Neu sind Zeugenaussagen und DNA-Spuren auf Briefumschlägen, in denen die Bekennerschreiben verschickt worden sein sollen. Ferner wurden bei der Hausdurchsuchung handschriftliche Notizen sichergestellt.

Morgenpost Online : Was hatte Ihre Mandantin darauf notiert?

Venedey : Zu einem Jahrestag des Anschlags hatte sie eine Art Selbstbefragung notiert. Ihre Worte waren sehr individuell, die Bundesanwaltschaft hat daraus ein Schuldbekenntnis machen wollen. In einem Abschnitt findet sich der Satz: „Heute würde ich das nicht mehr tun.“ Schon damals war offenkundig, dass man das so oder so interpretieren kann. Eben auch in dem Sinne: Ich war bei der RAF dabei und würde es heute nicht mehr tun. Letzteres ist strafrechtlich nicht mehr relevant.

Morgenpost Online : Verfolgte die Bundesanwaltschaft mit der Inhaftierung auch andere Zwecke? Sie selbst räumt ja ein, dass es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass Becker selbst am Tatort war.

Venedey : Ohne Details nennen zu wollen, war Frau Becker gesundheitlich angeschlagen. Ich kann nicht ausschließen, dass die Bundesanwaltschaft gehofft haben mag, sie werde dem Druck der Haft nicht standhalten.

Morgenpost Online : Angehörige der Opfer dieses Attentats belastet die Ungewissheit über die Tatumstände auch noch mehr als 30 Jahre danach. Warum schweigt Ihre Mandantin?

Venedey : Ihre Frage impliziert, dass sie etwas dazu sagen könnte. Woher wollen Sie das wissen? Frau Becker hat sich mit den Geschehnissen auseinandergesetzt und ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Paradox finde ich, dass man sie genau in dieser Phase inhaftiert hat. Das ist keine Ermutigung, den eingeschlagenen Weg der Aufarbeitung fortzusetzen. Etwas anderes kommt noch hinzu: das evidente Missverhältnis zwischen verschiedenen Fällen. Was das Attentat auf Buback betrifft, weiß man sehr viel. Bei den Anschlägen auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und Treuhand-Präsident Detlev Karsten Rohwedder tappen die Ermittlungsbehörden völlig im Dunklen. In diesen Fällen ist die öffentliche Aufmerksamkeit weit geringer.

Morgenpost Online : Welche Erklärungen haben Sie dafür?

Venedey : Herr Buback war der höchste Repräsentant der obersten Anklagebehörde Deutschlands, die auch noch für die Aufklärung des Falls zuständig ist. Eine andere Erklärung liegt darin, dass sich Michael Buback, der Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes, stark engagiert und die Öffentlichkeit sucht.

Morgenpost Online : Er hält Ihre Mandantin aufgrund eigener Recherchen für verdächtig, direkt am Attentat beteiligt gewesen zu sein.

Venedey : Es ist verständlich, dass der Angehörige eines Opfers Aufschluss darüber erhalten will, wer verantwortlich war. Aus meiner Sicht ist Michael Buback dabei aber über das Ziel hinausgeschossen, indem er die Verantwortung auf meine Mandantin gelenkt hat. Ohne ausreichende Tatsachengrundlage hat er sie öffentlich als unmittelbare Tatbeteiligte gebrandmarkt. Die Bundesanwaltschaft, die nun wirklich jeden Stein umgedreht hat, teilt seine Thesen im Übrigen ebenfalls nicht.

Morgenpost Online : Wird Frau Becker im bevorstehenden Prozess zur Sache aussagen?

Venedey : Uns liegt noch nicht einmal die Anklageschrift vor, es ist also viel zu früh, von einem bevorstehenden Prozess zu sprechen.

Morgenpost Online : Haben Sie Verständnis für die Bundesanwaltschaft, die den Fall aus dem Jahr 1977 mit so viel Akribie neu aufrollt?

Venedey : Ja, durchaus. Immerhin sind neue, objektive Beweismittel aufgetaucht. Eine ganz andere Frage ist, ob die jetzt vorliegenden Ergebnisse die Schlüsse zulassen, die die Bundesanwaltschaft zieht.

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