Sie war eine junge Lehrerin in einem Dorf in Dagestan. Sie hieß Marjam Scharipowa, und sie starb im März als Selbstmordattentäterin bei der Explosion in der Moskauer U-Bahn. Ihre Eltern können es bis jetzt kaum glauben. Rasul Magomedow und seine Frau Patimat haben ihr Leben lang als Lehrer im dagestanischen Dorf Balachani gearbeitet und auf Ruhe im Alter gehofft. Jetzt ist ihre Tochter als „schwarze Witwe“ ums Leben gekommen, ihre beiden Söhne werden vom Sicherheitsdienst gesucht.
Marjam ist bei der Berufswahl ihren Eltern gefolgt. Sie studierte Mathematik und Psychologie. Nach dem Studium arbeitete sie in derselben Schule wie ihr Vater. Was die ruhige Lehrerin dazu brachte, Selbstmordattentäterin zu werden, ist auch Wochen nach den verheerenden Anschlägen von Moskau unklar.
Die Sicherheitsdienste behaupten, sie sei die Frau eines Terroristen namens Magomedali Wagabow gewesen. Der Vater sagt, er wisse darüber nichts. „Das sind alles Gerüchte, wir haben nie daran geglaubt, weil wir unsere Tochter sehr gut kennen. Sie hat zusammen mit uns gewohnt und wir haben immer auf sie aufgepasst“, sagt Rasul Magomedow im Interview mit der russischen Zeitung „Gaseta“. Er könne sich nicht vorstellen, dass seine Tochter lange ein Doppelleben geführt habe.
Am Tag der Explosion dachten die Eltern von Marjam Scharipowa, ihre Tochter sei in Machtschkala zu Besuch bei einer Freundin. Sie fingen erst an, sich Sorgen zu machen, als sie vier Tage lang nichts von ihr gehört hatten. Sie fuhren nach Machatschkala, um Mariam zu suchen. Doch ihre Suche blieb erfolglos.
Am selben Tag klingelte ihr Telefon. Eine Frau sagte, sie müsse mit einem Mann aus der Familie sprechen. Miriams Mutter Patimat reichte den Hörer an ihren Mann weiter. Die Frau am Telefon berichtete Magomedow, sie habe seine Tochter im Internet auf einem Foto erkannt. Das Bild zeigte den verstümmelten Kopf einer Selbstmordattentäterin, die sich in der Moskauer U-Bahn in die Luft gesprengt hatte.
Magomedow konnte es zuerst nicht glauben. Aber in der Nacht bekam er dieses Foto als MMS auf sein Handy geschickt. „Und dann wurde uns klar: das ist in der Tat unsere Tochter“, sagt er.
Die DNA-Analyse hat bestätigt, dass es tatsächlich Mariam Scharipowa war. Für die beiden Eltern sei es ein Schock gewesen. Nie würden sie glauben, dass ihre Tochter eine Mörderin werden kann. „Es gab keine Konflikte mit ihr, nichts Verdächtiges. Sie war immer eine sanftmütige und anständige Tochter. Ich sah keinen Grund, mir Sorgen zu machen“, sagt Scharipowas Vater.
Doch eine Erklärung könnte es gegeben haben. Die beiden Brüder Schripowas hatten schon lange Probleme mit den Sicherheitsbehörden. Iljas Scharipow musste schon ins Gefängnis, weil bei ihm eine Handgranate gefunden wurde. Sein Vater behauptet, die Granate sei ihm von Polizisten untergeschoben worden. Außerdem sei sein Sohn nach der Festnahme gefoltert worden. Das Haus der Familie wurde mehrmals durchsucht.
„Es ist klar, wenn man so viel erlebt, wenn ihre beiden Brüder verfolgt werden, kommt sie auf bestimmte Ideen. Aber mit mir hat sie nie darüber gesprochen. Sie war ein ernsthafter Mensch, ich bin mir sicher“, sagt Rasul Magomedow.
Er glaubt nicht, dass der Islam einen negativen Einfluss auf sie ausgeübt habe. „Was heißt schon, unter religiösen Einfluss geraten? Unser Dorf war immer sehr religiös, sogar zu den Sowjetzeiten hatten wir eine Moschee. Es ist ganz natürlich, dass unsere Tochter sehr gläubig war. Aber radikale Ideen hatte sie bestimmt nicht.“ Aber warum sprengte sie sich dann in die Luft? Ihr Tod wird ihm wohl immer ein Rätsel bleiben.


