Wieder einmal setzt Frank-Walter Steinmeier zu einer Aufholjagd an. Ausgerechnet auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche im Ruhrgebiet. Die Assoziationen liegen nahe: Der Kanzlerkandidat der in Umfragen abgeschlagenen SPD startet seine Sommerreise im Zeichen des niedergegangenen Kohlebergbaus – und just in einer Region, die einst die Herzkammer der Sozialdemokratie war. Zweimal Vergangenheit also, dazu Steinmeier und eine Bundestagswahl in gut acht Wochen?
Die Realität ist komplizierter. Hier, in Herten, wo sich einst die Förderbände der Zeche Ewald drehten, geht es heute um Technologien der Zukunft. Etwa um Wasserstoff als alternativen Kraftstoff, mit dem Fahrzeuge angetrieben werden sollen. Der Bürgermeister widerspricht manchem Ruhrgebietsklischee. Uli Paetzel ist 37 Jahre jung, er wurde als Sozialdemokrat mit absoluter Mehrheit gewählt. Er hat weder einen Bierbauch, noch trägt er Lederweste. Jammern ist ihm zuwider. Selbstgewiss sagt Paetzel: „Das neue Ruhrgebiet steht vor Ihnen.“
Ein guter Einstieg also für Steinmeier und den abermaligen Versuch, in die Offensive zu kommen. Doch wenig läuft rund für die SPD in diesem Wahlkampf, und die Zeit bis zum 27. September wird knapp. Nach der Niederlage bei der Europawahl richtete Steinmeier seine Partei mit einer fulminanten Parteitagsrede wieder auf. Aber sie verpuffte. Die Vorstellung seines Kompetenzteams wurde von der Debatte um Ulla Schmidts Dienstwagen überschattet. Jüngst präsentierte Steinmeier seinen „Deutschlandplan“ mit dem Ziel von vier Millionen neuen Jobs bis zum Jahre 2020.
Der Kanzlerkandidat reist vier Tage lang durchs Land, bis seine Tour am Freitag in Jena endet. Stets sind mit dem Kandidaten dabei der Vizekanzler, der Außenminister – und der angelernte Parteipolitiker. Das macht die Sache nicht leichter. Rasch muss Steinmeier für wenige Stunden nach Berlin, um das Kabinett zu leiten für die urlaubende Angela Merkel. Schnell ein Statement geben zur Freilassung des Frachters „Hansa Stavanger“. Dann wieder Kandidat und Herausforderer sein, der das Konzept für vier Millionen Jobs verteidigt („Das ist realistisch, das ist machbar“). Zudem die Partei motivieren. Und zwischendurch möglichst überzeugend ein „Glück auf!“ schmettern.
Zaghafter Steinmeier
Als Steinmeier in Herten, in einem Rohbau, zu Fuß in eine obere Etage aufbricht, hat er es im Treppenhaus mit einem wackligen Geländer aus Holz zu tun. Doch Steinmeier ist ein Mann, der im übertragenen Sinne Geländer sucht. Er hält sich am Geländer fest, anstatt die Treppe hoch zu eilen oder gar freihändig zu hetzen. Während sein Ziehvater Gerhard Schröder drei, vier Stufen in einem Schritt nahm und zuweilen stolperte, bewegt sich Steinmeier Stufe für Stufe nach oben.
Bislang ist er damit weit gekommen. Doch reicht dieses Tempo, das einige als behäbig empfinden, für die Kanzler-Etage? Zweifel daran wachsen in der SPD. Gewiss wäre Steinmeier ein guter Kanzler. Nicht einmal der politische Gegner zweifelt an seiner Kompetenz. Im Volk ist er ohnehin beliebt. Doch ist Steinmeier auch ein guter Kandidat? Und: Versteht er sich als echter Herausforderer?
Wenn Steinmeier redet, sucht er ebenso Halt am Geländer. Immer wieder konstruiert er Floskeln. „Eben auch“, „wie Sie wissen“, „meine ich“ – so lauten diese Wortgeländer. Am Montag hielt Steinmeier vor der Karl-Schiller-Stiftung eine Rede. Er sprach von „anspruchsvollen Zielen“ und ergänzte: „Worum es mir geht, und das sehr ernsthaft, und das kennen Sie von mir vielleicht aus den letzten Jahren.“ Manchmal würde man Steinmeier gern ein Geländer-Verbot auferlegen.
Im Sauerland, in Menden, besucht Steinmeier die Firma OBO Bettermann. Ein Familienunternehmen, das unter anderem Blitzableiter produziert. Steinmeier und der selbstgewisse Seniorchef kennen sich. „Herr Bundesaußenminister und Vizekanzler, lieber Frank“, setzt Ulrich Bettermann an und erinnert, wie sich beide zuletzt in Budapest trafen – „und wie liebevoll Du, lieber Frank, Dich um meinen behinderten und im Rollstuhl sitzenden Sohn Christoph gekümmert hast“. Man nimmt Bettermann jedes Wort ab. Steinmeier ist ein Mensch, der im persönlichen Gespräch schnell Sympathien gewinnt. Er fragt, fragt nach, hört zu, und lacht mit dem Gegenüber sein schnarrendes Steinmeier-Lachen. Steinmeier ist außerdem geduldig. Zu geduldig, zu zögerlich, wie einige in seiner Partei meinen angesichts der miesen Umfragewerte.
Steinmeier ist Westfale, und die Menschen dieses Stammes gelten als ruhig und ausgeglichen, zuweilen stoisch. Als verlässlich und erdverbunden, als spröde und frei von Emotions-Exhibitionismus. Steinmeier wirkt manchmal arg westfälisch, nicht nur wenn er das Wort „Spaß“ als „Spasssss“ ausspricht. „Wir in Westfalen“, sagt Herr Bettermann in Menden, „wir machen nicht viele Worte, wir machen uns lieber an die Arbeit.“ Dieser Satz bringt auch Steinmeiers Selbstbild ziemlich genau auf den Punkt. „Wolkenschieber“ und „Windmacher“ sind ihm zuwider. Steinmeier liest genau, er phantasiert nicht. Er packt an, er fabuliert nicht. Er ist bodenständig und das ziemliche Gegenteil eines Luftikus. „Wir Westfalen werden oft unterschätzt“, ruft Bettermann aus. Und schließlich: „Es wird höchste Zeit, dass ein Westfale Kanzler wird.“
Steinmeier sieht das auch so. Doch muss er überhaupt Kanzler werden? Genügt es nicht vollkommen, Außenminister und Vizekanzler zu bleiben? Steinmeier ist 53 Jahre alt, fast zwei Jahrzehnte lang davon regiert er. Der Weg von der Universität führte ihn direkt in die Exekutive. Erst Hannover, dann Bonn und Berlin. Er wurde Medienreferent, Büroleiter, Kanzleramtschef, Außenminister, Kanzlerkandidat. Erstmals bewirbt er sich nun um ein parlamentarisches Mandat. Brennt also Steinmeier dafür, Kanzler zu werden? Mancher in der SPD kontert mit dem bösen Wort vom Schlafwagen, mit dem man nicht an die Macht komme. Doch geht es längst nicht nur darum, an der Macht zu bleiben?
Wenn Steinmeier redet, tut er dies mit Manuskript, oft die linke Hand in der Hose und mit der rechten gestikulierend. Er beklagt sich über das „folgenlose Krisengerede“ und wirbt für seinen Plan. Keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen, nicht den Kopf in den Sand stecken, nicht wie Kaninchen auf die Schlange gucken – Steinmeier benötigt negative Abgrenzungen, um seinen Weg zu erläutern. Ohne Frage: Er will etwas bewegen. Er hat ein Konzept, während von der Union nichts zu vernehmen ist.
Den besten, den überzeugendsten Teil seiner Rede in Menden hält Steinmeier ohne Blick auf das Manuskript: „Ich lasse mich nicht dafür kritisieren, dass ich ehrgeizige Ziele benannt habe“, ruft er ins Mikrofon. „Ich lasse mich nicht kritisieren, dass wir das zu einem zentralen Thema gemacht haben. Wir müssen verdammt noch mal reden über die Arbeitsplätze von morgen.“ Verdammt noch mal? Haben wir recht gehört? Redet da wirklich Steinmeier? Der Staatstragende, der Vernunftmensch, der Reflektierte? Doch Steinmeier bleibt bei alldem authentisch. Und plötzlich wirkt er als einer, der etwas will. Verlangen die abwartenden SPD-Anhänger nicht genau das? Eine Partei, die sich abstrampelt, einen Kandidaten, der schwitzt?
Logisch denkender Kopfmensch
Am Abend, in Köln, ist davon wieder wenig zu spüren. Im Stadtgarten verheddert sich Steinmeier in ein langes Gespräch mit Kulturleuten im kleinen Kreis. Ein abruptes Ende dieser Begegnung im Separée wagt Steinmeier nicht. Er denkt logisch. Er ist ein Kopfmensch. Schnellschüsse sind nicht sein Ding, brutale Zurückweisungen schon gar nicht. Die vielen Gäste des Empfangs also müssen warten, warten, warten. Auch Jürgen Roters, der Mann, der in drei Wochen für die SPD Kölns Oberbürgermeister werden will und dringend ein Foto mit Steinmeier benötigt.
Die Häppchen sind längst gegessen, als Steinmeier auftritt. Die eine Hand in der Hose, berichtet Steinmeier, er habe den „letzten Kulturwirtschaftsbericht Kölns“ gelesen. Er könnte ihn wohl auch referieren. Dann lobt er „wichtige Gespräche mit Repräsentanten aus Kunst und Kultur“. Der Wahlkämpfer ist weit weg. Er geht auf die Goethe-Institute ein, die sein Vorgänger Joschka Fischer verdorren ließ. Er lobt „kleine Verbesserungen in der Altersversorgung der Kulturschaffenden“. Er wirbt für einen „Kreativpakt“. Samt und sonders Dinge, die Steinmeiers echte Interessen offenbaren, aber auch seinen Politikstil symbolisieren.
Am Ende seiner Ansprache im Kölner Stadtgarten geht Steinmeier auf Jürgen Roters ein, der gute Chancen hat, OB zu werden. Am 30. August werde man feiern, prognostiziert der Kanzlerkandidat. Dann fügt er hinzu: „Ich hätte nichts dagegen, wenn wir dieselbe Feier am 27. September wiederholen.“ Steinmeiers letzter Satz beginnt im Konjunktiv. Es ist ein Konditionalsatz. Es ist ein vorsichtig formulierter, ein verklausulierter Satz. Es ist ein Steinmeier-Satz.




