Die überwiegend aus Tunesien stammenden Immigranten stürmten am Samstagmorgen die Gitter am Eingang des heillos überfüllten Auffangzentrums und zogen zum Rathaus der Stadt. Unter dem Beifall von Inselbewohnern forderten sie dort, in Lager in Apulien auf dem Festland gebracht zu werden. Sie befürchten, von Lampedusa aus direkt abgeschoben zu werden. Gegen Mittag kehrten die Demonstranten, nachdem sie sich zunächst geweigert hatten, in das Zentrum zurück. Die Polizei beobachtete den Protestzug und hielt sich zurück.

Das Innenministerium korrigierte erste Medienberichte, wonach praktisch alle 1300 Einwanderer aus dem Zentrum bei den Protesten mitgemacht hätten. 650 hätten das Lager verlassen, wurde mitgeteilt. Es sei keine „Flucht“ gewesen, denn es gebe keine Anwesenheitspflicht in der Anlage. „Das ist kein Konzentrationslager“, sagte Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi. Es stehe den illegalen Einwanderern in dem Lager frei, jederzeit „ein Bier trinken zu gehen“.

Eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks widersprach der Darstellung und betonte, die Asylsuchenden dürften das Lager nicht einfach verlassen. Falls diese Regelung seit Freitag geändert worden sei, sei das UNHCR darüber zumindest nicht informiert worden. Ein Sprecher von Ärzte ohne Grenzen betonte, das Auffanglager sei bewacht und niemand könne es auf eigene Faust verlassen. Dies könnten alle Organisationen bestätigen, die dort arbeiteten.

Die kleine Insel Lampedusa, die rund 200 Kilometer südlich von Sizilien liegt, ist ein Hauptanlaufpunkt für Bootsflüchtlinge aus Afrika. Im vergangenen Jahr trafen dort nach Angaben des italienischen Innenministeriums knapp 31.700 Flüchtlinge ein und damit 75 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die zum Großteil aus Afrika stammenden Flüchtlinge fahren meist in nicht hochseetauglichen Booten über das Mittelmeer, um in die Europäische Union zu gelangen. Dabei kamen 2008 nach Schätzungen der Hilfsorganistion Fortress mindestens 1500 Menschen ums Leben.

dpa/epd/AFP/str