Er hat einen weiteren Weg hinter sich: Recep Tayyip Erdogan wetterte als fundamentalistischer Islamist gegen den damaligen türkischen Staat und gegen Europa. Er kam ins Gefängnis, weil er ein militant klingendes Gedicht öffentlich rezitierte („Minarette sind unsere Bajonette …“) und wandelte sich danach zum „moderaten Muslim“ und Pro-Europäer.

Seither fragt sich die Türkei und die Welt, wer er eigentlich ist, jetzt etwa anlässlich eines Verfassungsreferendums, das die Türkei „demokratisieren“ soll. Als aber der Industriellenverband Tüsiad, ganz demokratisch, seinen Mitgliedern die Wahl frei ließ und selbst neutral blieb, da drohte Erdogan: „Wer neutral bleibt, der wird neutralisiert.“ Worte, die schwer wiegen, angesichts der vernichtenden Steuerstrafen, die Erdogans Regierung zuvor gegen das kritische Medienunternehmen Dogan verhängte. Demokratisch klingt es nicht.

Um Herrschaft, sagen seine Kritiker, geht es denn auch bei diesem Referendum: Unter dem Deckmantel vieler begrüßenswerter Reformen wird einer Politisierung der Justiz die Tür geöffnet. Nun könnte Erdogans AKP an die Stelle des Militärs treten und ihre Herrschaft festigen. Hinter der Maske des Reformers sehen manche Türken die Gestalt eines autoritären Herrschers.

oky