Thilo Sarrazin steht vor der wohl schwierigsten Entscheidung seiner Karriere. Seine umstrittenen Thesen zur Integrationsunwilligkeit muslimischer Zuwanderer, deren mangelnder Intelligenz und zu besonderen jüdischen Genen haben den Bundesbank-Vorstand derart unter Druck gebracht, dass es selbst bei dem als eisenhart geltenden Ex-Finanzsenator von Berlin nicht sicher ist, ob er diesem weiter trotzen kann und will. Sarrazin selbst verteidigte am Abend seine umstrittenen Thesen in der ARD-Sendung „Hart aber fair“. Dort schloss er ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Amt nicht ausgeschlossen. „Ich bin Bundesbanker. Jedes Amt ist zeitlich begrenzt. Wann die Begrenzung ist, wird die Zukunft zeigen“, sagte Sarrazin. Seine Amtszeit endet regulär 2014. Mit Blick auf den Medienwirbel um sein Buch „Deutschland schafft sich ab“, sagte der 65-Jährige: „Was an psychischem Druck auf mir lastet ist beachtlich. Das halten viele Menschen nicht aus.“

Der Bundesbank-Vorstand kam bei seiner Sitzung am Mittwoch noch zu keiner Entscheidung über die Zukunft seines schillerndsten Mitgliedes. Wie es hieß, hätten die Notenbanker unter Vorsitz des Bundesbank-Chefs Axel Weber den Kollegen aufgefordert, doch selbst die Konsequenzen aus der Affäre zu ziehen und zurückzutreten. Die Bundesbank räumt Sarrazin eine Bedenkzeit ein, um erst noch das Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) abzuwarten. Die Herren der europäischen Geldpolitik sind wichtig für Weber, der Ambitionen auf den EZB-Chefsessel hegt. Die Zeitspanne zwischen der Rücktrittsforderung fast aller Parteien und vieler gesellschaftlicher Gruppen bis hin zum Zentralrat der Juden und einer Reaktion der Bundesbank soll auch die Unabhängigkeit der Währungshüter von politischer Einflussnahme verdeutlichen. Die „Berliner Zeitung“ meldete am Mittwochabend, die „Entscheidung“ für Sarrazins Rauswurf sei bereits gefallen, „aber noch nicht offiziell“.

Bundespräsident Christian Wulff hat der Bundesbank indirekt den Rauswurf ihres umstrittenen Vorstandsmitglieds nahegelegt. „Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet – vor allem auch international“, sagte Wulff dem Nachrichtensender „N24“ am Mittwoch. Zuvor hatte Wulff jede Stellungnahme zu dem Thema vermieden. Der Stimme Wulffs kommt in der Debatte großes Gewicht zu, weil nur der Bundespräsident auf Antrag des Bundesbank-Gesamtvorstandes eines seiner Mitglieder wegen „schwerer Verfehlungen“ entlassen kann.

Rücktritt könnte als Schuldeingeständnis gewertet werden

Sollte Sarrazin sich beugen und von sich aus zurücktreten, wäre das im Sinne der um ihren Ruf bangenden Bundesbank die sauberste Lösung. Die Notenbanker sind die öffentlichen Profilierungsversuche des Vorstandskollegen schon länger leid.

Allerdings könnte ein solcher Schritt aber als Schuldeingeständnis Sarrazins gewertet werden. Deshalb hatte der Autor des neuen Buches „Deutschland schafft sich ab“ noch bei der Vorstellung seines inzwischen zum Bestseller gewordenen Werkes am Montag einen freiwilligen Rückzug abgelehnt.

Andererseits könnte ein Rechtsstreit über seinen Spitzenjob auch die Kräfte eines Thilo Sarrazin überfordern. Er müsste letztlich den Bundespräsidenten verklagen, weil Christian Wulff es wäre, der ihn abberufen müsste. Für einen wie Sarrazin, der sich auf seine Jahrzehnte treuen Dienste für diesen Staat etwas zugutehält, wäre das ein schwieriger Schritt.

Die SPD versucht ebenfalls, die Trennung von dem unbequemen Mitglied zu beschleunigen. Der Vorsitzende von Sarrazins Berliner Kreisverband, Christian Gaebler, sprach am Mittwoch von Überlegungen, gegen den Provokateur ein „Parteiordnungsverfahren mit Sofortmaßnahmen“ anzustrengen. In diesem Fall ruhen sofort für drei Monate die Rechte und Pflichten des SPD-Mitglieds. Die Verhandlung über den Ausschluss oder andere Sanktionen würden dann nicht beim Kreisschiedsgericht, sondern bei der Schiedskommission des Landesverbandes beginnen. In zweiter Instanz könnte dann auf Bundesebene abschließend entschieden werden. Das Verfahren dürfte sich höchstens drei Monate hinziehen. Ein reguläres Parteiordnungsverfahren, das Sarrazin nach seinem ebenso umstrittenen Interview mit der Zeitschrift „Lettre“ 2009 durch zwei Freisprüche überstand, hatte seinerzeit vier Monate gedauert.

Am kommenden Montag muss der Landesvorstand der Berliner SPD nun entscheiden, ob er gegen Sarrazin nur ein reguläres Verfahren betreiben will oder ein Eilverfahren. Für die SPD ist das Vorgehen gegen das Mitglied Sarrazin voller Risiken, denn in den Büros der Spitzengenossen laufen viele Zuschriften ein, die sich gegen einen Rauswurf des unbequemen Ex-Senators wenden. mit Reuters