Tschetschenien

Präsidentengarde verbreitet Angst und Schrecken

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Manfred Quiring

Der junge Präsident Ramsan Kadyrow herrscht über Tschetschenien. Seine gefürchtete Leibgarde hält durch Entführungen und Ermordungen das Volk im Griff. Doch in Wahrheit ist der tschetschenische Präsident nur eine Marionette Putins.

Zwei Tage später hätten die ausländischen Journalisten diese Straßen nicht mehr entlangfahren dürfen. Dann wären sie möglicherweise auf der sauber asphaltierten Straße zwischen Grosny und Argun mit automatischen Waffen beschossen worden. So traf es einen russischen Ingenieur für Kommunikationstechnik, der mit einer Gruppe Bewaffneter des russischen Innenministeriums unterwegs war. Der Ingenieur hatte Glück, er wurde nur verletzt.

Tschetschenien, das bestätigt diese Begebenheit ebenso wie die Meldungen über Schießereien und Anschläge in den vergangenen Monaten, ist nicht so friedlich, wie Moskau und Ramsan Kadyrow, der tschetschenische Präsident von Putins Gnaden, es gern behaupten. Allein 56 tschetschenische Milizionäre haben in diesem Jahr bereits ihr Leben lassen müssen. Alles Unglücke und Autounfälle, behauptet der Innenminister.

Verändert hat sich das Land im Nordkaukasus seit dem letzten Besuch des Korrespondenten vor vier Jahren dennoch. Reisen sind zwar noch immer nur in offiziell organisierten Gruppen mit einer zusätzlichen Akkreditierung des Innenministeriums für die "Zone der Durchführung der KTO“ (Konterterroristische Operation) erlaubt. Die Sicherheitsvorkehrungen indes sind abgeschwächt worden, auch wenn Übernachtungen ausschließlich im festungsartig gesicherten Standort der 46. Brigade des Innenministeriums möglich sind.

Die Anreise immerhin ist inzwischen deutlich ziviler geworden. Bei meinem letzten Besuch vor vier Jahren ging die Tour über Prochladny in Kabardino-Balkarien nach Mosdok in Nordossetien, wo ein bis an die Zähne bewaffnetes Dutzend russischer Soldaten die Bewachung auf der Busfahrt nach Grosny übernahm. Ihre Anweisungen waren Gesetz, eine Entfernung von der Gruppe ausgeschlossen.

Jetzt gibt es wieder eine reguläre Flugverbindung zwischen Moskau und Grosny. Zweimal täglich befliegt eine Tu-134 die Strecke. Das Flughafengebäude in Grosny, ehedem eine Ruine, ist neu aufgebaut. Auch die Stadt selbst zeigt sich verändert. Im Zentrum und auch darüber hinaus ist der in den Jahren zuvor ständig beschworene, aber nie realisierte Wiederaufbau nun sichtbar. Neue oder rekonstruierte Häuser, neue Straßen, Geschäfte und selbst Straßencafés sind zu besichtigen. Der Straßenverkehr, wenn auch vergleichsweise spärlich, kommt dem einer normalen Stadt nahe.

Das wölfische Grinsen des Präsidenten

Selbst der Minutka-Platz, wo im ersten (1994–1996) und im zweiten Tschetschenienkrieg (1999–2001) blutige Kämpfe tobten, hat ein zivileres Aussehen erhalten. Die Ruinen der völlig zerschossenen Wohnhäuser, die ihn säumten, wurden abgetragen, die entstandenen Freiflächen hinter hohen Holzwänden versteckt. Die Gelder dafür stammen teils aus Moskau.

Präsident Ramsan Kadyrow, ein 31-jähriger bulliger und bauernschlauer Tschetschene, lobt sich und die Seinen überschwänglich. „In ein paar Jahren haben wir solche positiven Veränderungen erreicht, dass unsere Republik als Beispiel für andere Regionen gilt.“ Er selbst könne heute ohne Bewachung gefahrlos in die abgelegensten Siedlungen fahren. Und treffe er sich nicht auch hier, auf dem Platz der Journalisten in Grosny, mit den Korrespondenten unter freiem Himmel, ohne Leibgarde? Fragt er mit wölfischem Grinsen, derweil sich seine MP-Schützen in den nahen Seitenstraßen herumdrücken.

Putin spricht dem Mann im Trainingsanzug die Macht zu

Kadyrow, dessen Leibgarde Menschenrechtsorganisationen für zahlreiche Morde und Entführungen in Tschetschenien verantwortlich machen, hat die Macht von seinem Vater Achmed geerbt, der am 9.Mai 2004 bei einem Attentat getötet wurde. Achmed Kadyrow hatte zu Beginn der Neunzigerjahre zeitweilig auf Seiten der Rebellen gestanden, als geistiges Oberhaupt Tschetscheniens sogar den „Dschihad“ gegen Russland ausgerufen, dann aber das Lager gewechselt.

Zum Dank machte Putin ihn zum Präsidenten der autonomen Republik. Knapp ein Jahr später war Achmed Kadyrow tot. Die Verantwortung für seine Ermordung übernahm zwar der damals noch lebende Feldkommandeur Schamil Bassajew. Doch die Gerüchte, dass möglicherweise das russische Militär einen unkontrollierbar werdenden Kadyrow beseitigt hatte, wollen auch Jahre später nicht verstummen.

Noch am Abend des Anschlags empfing der damals 27-jährige Ramsan indirekt die Macht aus den Händen von Präsident Wladimir Putin. Das russische Fernsehen zeigte den linkischen Kadyrow junior in einem deplatziert wirkenden hellblauen Trainingsanzug im Kreml, wo Putin seinen Vater zum „wahren Helden“ erklärte. Damit war allen klar: Das ist der neue starke Mann in Tschetschenien. Im Frühjahr 2007, nach seinem 30.Geburtstag, wurde Ramsan dann ohne Gegenkandidaten zum Präsidenten gewählt.

Ramsans Truppen haben Entführungen und Morde auf ihrem Konto

Da hatte er die reale Macht längst an sich gerissen. Konkurrenten wurden ausgebootet, notfalls auch erschossen, wie im Falle von Mowladi Baissarow, den sein Schicksal mitten in Moskau ereilte. Kadyrows mehrere Tausend Mann umfassende Leibgarde, die teilweise aus ehemaligen Widerständlern besteht, macht zusammen mit russischen Truppen und Geheimdiensteinheiten Jagd auf Rebellen. Die „Kadyrowzy“, wie man sie nennt, sind allerdings vor allem in der Bevölkerung gefürchtet, denn zahlreiche Entführungen und Morde gehen auf ihr Konto.

Die dezimierten Widerständler indes haben sich in die nordkaukasischen Republiken wie Dagestan, Inguschetien oder Kabardino-Balkarien zurückgezogen, wo die Situation aus dem Ruder zu laufen droht. Nahezu täglich werden von dort Schießereien, Überfälle und Sprengstoffattentate gemeldet.

"Die Angst, man könnte sie am nächsten Tag abholen, macht sie zu Zombies.“

„Ramsan? Oh, der ist in Ordnung“, sagt ein junger Bursche, der auf dem Platz der Erdölarbeiter in Grosny ein paar Rubel damit verdient, dass er gegen einen kleinen Obolus für seine Kunden telefonisch Geld auf deren Handykonten überweist. Dass Kadyrow sich in Gudermes einen regelrechten Palast hat errichten lassen, dessen Eingang große Bronzelöwen bewachen und wo auch ein Privatzoo mit Bären und Tigern nicht fehlt, nimmt der junge Mann gelassen. Wahrscheinlich habe Ramsan das Geld von den zahlreichen Tankstellen in der Stadt eingetrieben, vermutet er. „Aber die Hauptsache ist doch, er teilt“, setzt er hinzu.

Die positiven Stimmen überwiegen an diesem sonnigen Tag. Alle sind voll des Lobes über ihren jugendlichen Präsidenten, der – orientiert am Beispiel seines Gönners Putin – die Führung der Regionalorganisation der Kreml-Partei „Einheitliches Russland“ übernommen hat. Mit einem infantilen Personenkult lässt Ramsan sich feiern, sein Porträt – mal mit dem Vater, mal mit dem Kremlchef – hängt an allen möglichen und unmöglichen Orten im Lande. „Ramsan Kadyrow – ein würdiger Sohn und Stolz des tschetschenischen Volkes“ steht auf einem der zahlreichen Plakate.

„Glaubt das bloß nicht“, warnt Heda Saratowa, eine der wenigen Tschetscheninnen, die den Mut aufbringen, die Wahrheit zu sagen. „Die Menschen hier haben Angst, keiner traut sich, ein kritisches Wort zu sagen. Die Angst, man könnte sie am nächsten Tag abholen, macht sie zu Zombies.“ Sie seien müde geworden in den vielen Kriegsjahren, sie scheuten den Konflikt, weiß Heda.

In den Bergen wird auf das Ende der Ära Ramsan gewartet

In der Grosnyer Filiale der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ bestätigt Schamil Tanbijew, dass Entführungen von unschuldigen Menschen bis heute zur Tagesordnung gehören. Zwar sei die Zahl der „Verschwundenen“ zurückgegangen, aber ein, zwei Fälle im Monat werden immer noch gemeldet, die Dunkelziffer sei deutlich größer. „Die Leute haben Angst, sie wenden sich weder an die Behörden noch an uns, sondern verhandeln direkt mit den Entführern; und die stammen nicht aus dem Wald“, sagt Tanbijew.

Dorthin zieht es junge Leute immer wieder. Dutzende oder gar Hunderte junger Männer zwischen 16 und 20 Jahren sollen in diesem Jahr in die Berge gegangen sein, hört man in Grosny. Auch dort warten viele scheinbar friedliche Bürger darauf, dass die Ära von Ramsan, der die Tschetschenen „wie ein asiatischer Khan“ zur Unterwerfung zwingt, zu Ende geht. Seine Gegner hoffen darauf, dass Putin schon bald den Kreml verlässt. Denn dann, so wissen sie, kann Ramsan sich nicht mehr lange halten.