Die erste Lesbe als Regierungschefin – diese Schlagzeile geht derzeit um den Globus. Wenn man internationalen Medien Glauben schenken darf, zeichnet sich die neue isländische Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir vor allem durch ihre sexuelle Orientierung aus.
Die ehemalige Stewardess hat zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe, seit 2002 ist sie mit einer 54-jährigen Autorin verheiratet.
In ihrer Heimat Island hat sich die Sozialdemokratin aber mit politischen Handlungen einen Namen gemacht, ihre Homosexualität ist kein Thema. "Sigurdardottir lebt mit einer Frau zusammen, na und? Wichtiger ist ihre Politik", ist der Tenor auf der Insel.
Während die vergangene Woche zurückgetretene Regierung von einem Umfragetief ins nächste gestürzt war, stieg Sigurdardottirs Ansehen in der Bevölkerung stetig – obwohl sie Teil der Regierung war. Als Sozialministerin hat sie sich den Problemen der gewöhnlichen Isländer gewidmet, etwa den frisch Entlassenen, die das Darlehen für ihr Haus nicht mehr abbezahlen können.
Als neue Regierungschefin wird die 66-Jährige alle Hebel in Bewegung setzen müssen, damit es diesen Leuten nicht noch schlechter geht, und die Weichen für einen Aufschwung stellen. Dafür hat sie nicht einmal drei Monate Zeit. Denn Sigurdardottir, die seit 30 Jahren im isländischen Parlament sitzt, ist nur Chefin einer Übergangsregierung, bereits Ende April wird gewählt. Dann werden die Karten neu gemischt, und es ist offen, ob sie weiter regieren kann.
Jetzt führt Sigurdardottir eine Koalition aus Sozialdemokraten und Links/Grünen, gestützt von der konservativ-liberalen Fortschrittspartei. Aktuellen Umfragen zufolge werden die Links/Grünen nach der Wahl die stärkste Fraktion stellen – dann dürften die Sozialdemokraten es schwer haben, Sigurdardottir erneut als Regierungschefin durchzusetzen.
Nur wenn sie in den kommenden Wochen kluge Politik macht, hat sie Chancen, dass ihre Partei die meisten Stimmen bekommt. Wichtig ist es vor allem, dass sie sich von den bisherigen Eliten und der alten Regierung distanziert. Einen ersten öffentlichkeitswirksamen Schritt hat Sigurdardottir getan.
Sie hat angekündigt, die jüngste Erhöhung der Walfangquoten rückgängig zu machen. Island wird – wie Norwegen und Japan – wegen des Walfangs international geächtet.
Mit ihrer Entscheidung signalisiert die neue Regierungschefin, dass es für Island wichtig ist, Kompromisse zu machen. Gern würde Sigurdardottir ihr Land als Mitglied der EU sehen, die Links/Grünen aber sind skeptisch. Für die Sozialdemokratin ein Grund mehr, darauf zu setzen, größte Fraktion zu werden.





