ZdK-Präsident

Alois Glück – "Kirche steht an einem Scheideweg"

Nach den Missbrauchsskandalen muss die katholische Kirche über tief greifende Veränderungen nachdenken, findet der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück. Bei der Aufklärung der Straftaten plädiert er für eine "Zäsur im Verhältnis zwischen Staat und Kirche".

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Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sieht die katholische Kirche nach den Missbrauchsskandalen vor tief greifenden Richtungsentscheidungen.

„Generell steht die Kirche an einem Scheideweg“, sagte Glück im Interview mit Morgenpost Online. „Manche neigen dazu, sich in die Wagenburg zurückzuziehen, während wir überzeugt sind, dass wir uns neu und offen den Menschen zuwenden müssen.“

Mit Blick auf Stellungnahmen einzelner Kirchenvertreter, die die Schuld am Kindesmissbrauch der sexuellen Revolution oder der Homosexualität gaben, erklärte Glück: „Diese Verweise auf andere erwecken den fatalen Eindruck eines Versuchs, das eigene Versagen zu relativieren. Natürlich gibt es undifferenzierte Angriffe, aber wer vom Kulturkampf gegen die Kirche spricht, beschädigt das ohnehin erschütterte Vertrauen weiter.“

In dem Gespräch, an dem neben Glück auch der andere Präsidenten des 2. Ökumenischen Kirchentages teilnahm, der protestantische Mediziner Eckhard Nagel, setzte Glück hohe Erwartungen in den Mitte Mai in München beginnenden Kirchentag bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.

Der Kirchentag werde „eine wichtige Botschaft der Offenheit aussenden: Es gibt keine Tabuisierung. Vielmehr werden wir“ so Glück, „in Veranstaltungen zu dem Thema sowohl die gesamtgesellschaftliche Dimension des Missbrauchs ansprechen – denken Sie an Schulen, Vereine oder Familien – als auch die spezielle Problematik zumal in der katholischen Kirche. Darüber hinaus ist über die Konsequenzen zu diskutieren, die in der Kirche gezogen werden müssen, also darüber, wie Erneuerung konkret aussehen soll. Von der Ernsthaftigkeit dieser Debatte wird viel abhängen.“

Zu diskutieren sei in der Kirche auch über die Sexualmoral. Laut Glück ist es mittlerweile „Konsens, dass zu Priestern nur reife Persönlichkeiten geweiht werden können, die ihre Sexualität bewusst in ihre Persönlichkeit aufgenommen haben und damit umgehen können. Zu fragen ist, ob dies bislang vom inneren Gefüge der Kirche hinreichend ermöglicht wurde“, sagte Glück Morgenpost Online.

Man müsse „auch manche strukturellen Bedingungen in der Kirche überdenken, denn es fällt ja auf, dass Missbrauch vor allem in geschlossenen Institutionen und Milieus stattgefunden hat, wo hoher sozialer Druck und wenig Transparenz herrscht.“ Bei der Aufklärung von Straftaten im Raum der Kirche wird es laut Glück „auch eine Zäsur im Verhältnis zwischen Staat und Kirche geben müssen“.

Die Kirche könne „nicht über staatlichen Strafgesetzen stehen. Zu diesem Klärungsprozess haben ja auch die jüngsten Verlautbarungen des Papstes beigetragen. Von vielen in der Kirche wurde das bislang nicht so gesehen. Man glaubte, dass die Kirche solche Dinge zu ihrem eigenen Schutz intern regeln und den Staat außen vor halten müsse.“

Glücks protestantischer Gegenpart Eckhard Nagel hält es für denkbar, dass Missbrauchsopfer auf dem ÖKT Mitte Mai in München auch öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen: „Opfer können sich zum einen in öffentlichen Veranstaltungen zum Thema zu Wort melden, wobei ich nicht einschätzen kann, ob das den Einzelnen hilft. Klar aber ist, dass es bei Kirchentagen keine eisernen Abläufe gibt und man nicht alles steuern kann. Zum andern finden Opfer seelsorgerliche, vertrauliche Angebote für persönliche Gespräche“, sagte Nagel

Mit Blick auf die zahlreichen Verfehlungen kirchlicher Amtsträger regte Nagel eine neue Debatte über das katholische Amtsverständnis an: „In der katholischen Kirche ist das Amt ein Sakrament und drückt damit Glaubwürdigkeit aus beziehungsweise prädestiniert dazu. Das bedeutet, eine Person kann sich hinter dem Amt verstecken. Glaubwürdigkeit hängt aber davon ab, inwieweit ein Mensch lebt, was er verkündet. Das gilt für alle Kirchen.“