Ostkongo

Vergewaltigung liegt "in der Natur des Mannes"

Im Ostkongo werden jährlich Tausende Frauen vergewaltigt. Die Täter sind Rebellen. Was sie brauchen, holen sie sich gewaltsam: Lebensmittel, Vieh, Frauen. Die Ehemänner können sich nach der Vergewaltigung eine andere Frau suchen. Das ist Alltag im Kongo – und warum? Es liegt in der Natur des Mannes, sagt ein Stammesführer.

„Es ist nicht weit“, sagt Mao Geadebu und winkt. „30 Minuten zu Fuß, und wir sind da.“ Er zeigt auf einen winzigen Weg, der von der Straße steil hinunter ins Tal führt. „Da geht es lang.“ Er ist ein kleiner Mann. Das blaue DIN-A4-Schreibheft trägt Mao immer unter dem Arm. Kurz und flink sind seine Beine. Mao läuft nicht, er marschiert. Und so arbeitet er auch. Ein Schritt nach dem anderen, ein Fall nach dem anderen. Finden, registrieren, behandeln, betreuen. Mao und seine Kollegen finden vergewaltigte Frauen in der ostkongolesischen Provinz Südkivu. Etwa 27000 waren es insgesamt im vergangenen Jahr. In sein blaues Buch trägt Mao weiterhin täglich neue Opfernamen ein. In manchen Regionen sind es 40 an einem Tag, ein Drittel davon sind Kinder.

Im Tal wartet Bayamungu Noshomo auf uns. Die 17-Jährige kichert hinter vorgehaltener Hand. Scham lässt kongolesische Frauen lachen. Andere Gelegenheiten gibt es kaum. Bayamungu stützt sich auf ihre Spitzhacke. Sie hat etwas Trotziges an sich. Ein Mädchen, kaum einen Meter vierzig groß. „Jambo!“, sagt sie. Willkommen! Ihre Stimme klingt piepsig. Kongolesische Frauen ergreifen gewöhnlich nicht unaufgefordert das Wort. Mao verzeiht den Tabubruch aus Respekt vor ihrem Schicksal.

„Ich habe Holz gesammelt. Auf dem Rückweg kamen zwei kongolesische Soldaten auf mich zu“, erzählt Bayamungu Noshomo teilnahmslos. Sie sitzt jetzt vor ihrer Hütte, schlägt mit der Spitzhacke rhythmisch auf den Boden. „Sie flirteten mit mir. Ich wollte das nicht. Sie sagten, sie würden mir den Kopf abschlagen, wenn ich nicht mitmache. Dann zwangen sie mich. Der eine hielt mich fest. Der andere vergewaltigte mich. Danach ging ich nach Hause, um meiner Mutter alles zu erzählen.“ Bayamungu wurde schwanger.



Nach Vergewaltigung verstoßen


Ihre Geschichte ist im Ostkongo nichts Ungewöhnliches. Die Täter sind bewaffnete Männer verschiedener Gruppierungen: Hutu-Rebellen aus Ruanda, Mai-Mai-Rebellen, und eine Gruppe, deren Mitglieder sich Rastas nennen. Sie leben seit Jahren in den Urwäldern der Provinz Südkivu, ihre Kriegsherren zahlen keinen Sold. Sie sind arm, verroht, brutal. Was sie brauchen, holen sie sich gewaltsam von der Bevölkerung. Lebensmittel, Vieh, Frauen. Aber auch kongolesische Soldaten vergewaltigen die Frauen, in manchen Regionen werden knapp die Hälfte der Missbräuche von Militärs begangen. Die Regierung bezahlt sie nicht, eine Heirat können sie sich deshalb nicht leisten. Denn nach der Tradition muss eine Ehefrau teuer erkauft werden.

Viele Frauen werden nach einer Vergewaltigung von ihren Ehemännern verstoßen. Die kleinsten Kinder nehmen sie mit und müssen allein für sie aufkommen. „Nach einer Vergewaltigung ist eine Ehe null und nichtig“, erklärt Chirhulwire Richard. Der studierte Philosoph ist ein Mwami, ein regionaler König. Seine Meinung ist Gesetz. „Der Ehemann kann sich eine andere Frau suchen“, sagt der Mwami. Auf die Frage, warum Männer Frauen so etwas antun, hat der Stammesführer eine klare Antwort. „Der wichtigste Grund ist die Natur des Mannes“, sagt er. „Er hat ein permanentes Bedürfnis, Liebe mit einer Frau zu machen. Wenn er ein oder fünf Jahre im Busch lebt, kann er sich des Bedürfnisses nicht entledigen. Trifft er plötzlich auf eine Frau, kann er nicht warten, egal wie die Bedingungen sind.“

In weiten Teilen der Demokratischen Republik Kongo herrscht gut ein Jahr nach den demokratischen Wahlen Frieden. Doch in Südkivu ist man weit davon entfernt. „Nicht nur Frauen werden vergewaltigt. Männer sind auch dabei“, sagt Lothar Winkler, der als Arzt der deutschen Hilfsorganisation Malteser International Vergewaltigungsopfer behandelt. „Es sind keine normalen sexuellen Vergewaltigungen. Teilweise werden Gegenstände benutzt – Holzgegenstände, Waffen oder ähnliches. Es geht eher darum, die Opfer zu erniedrigen, als um sexuellen Kontakt.“

Wie viele Opfer es im Osten des Kongo wirklich gibt, ist unklar. Viele Frauen reden lange Zeit nicht über ihre Erfahrung. Malteser International schult Vertrauenspersonen in den Dörfern. In den Kirchen sprechen sie das Thema Vergewaltigung offen an. „Nach der Veranstaltung kommen die Frauen zu uns und erzählen, dass auch sie ein Opfer wurden“, sagt eine Sozialarbeiterin. „Sie kommen. Eine nach der anderen. Wie Tropfen aus einer Flasche.“ Die medizinische Versorgung ist kostenlos für die Opfer.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günther Nooke, verlangt ein rigoroses Vorgehen der internationalen Einheiten der UN im Kongo. „Frauen werden zugrunde gerichtet in jeder Hinsicht, was unser Verständnis von Würde und Menschenrechten betrifft“, sagt Nooke. „Wir können nicht wirklich vor Ort sein und so viel an Menschenrechtsverletzungen einfach weiter dulden.“

Kaum unbeachtet ist das Schicksal der ungewollten Kinder. Tausende kongolesische Frauen werden nach einer Vergewaltigung schwanger. Diese neue Generation wird Fragen stellen – die Antworten werden mehr Wut und Hass erzeugen. „Wir betreuen die Opfer medizinisch und psychologisch so gut es geht“, sagt Mao. „Aber um die Kinder kümmert sich keiner. Dafür gibt es kein Geld.“ Da komme noch etwas auf ihn zu. Als Bayamungu Noshomo im fünften Monat schwanger war, starb ihre Mutter. Die Jugendliche sorgt seitdem allein für vier jüngere Brüder. „An einem Donnerstag im Juli wurde das Baby per Kaiserschnitt geboren“, erzählt sie mit regloser Miene. „Es war ein Junge. Drei Tage später starb er. Es tut mir nicht leid, dass er tot ist.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen