Altenbericht

Familienministerin will Rentner-Potenzial heben

Die Kompetenz älterer Menschen will Kristina Schröder nutzen. Doch oft müssen Senioren ihre Kraft auf die Pflege des Partners verwenden.

Foto: dpa

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will ältere Menschen nicht länger in Schubladen stecken und mit Klischees in Verbindung bringen. „Es gibt heute nicht mehr nur die vergnügungssüchtigen Alten, die immer nur auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind und die auf Kosten der jüngeren Generationen materiellen Wohlstand genießen“, sagte sie in Berlin. „Es gibt auch nicht nur die Senioren, die als Pflegefälle eine Belastung für ihre Angehörigen und die Gesellschaft“ darstellten.

Bestärkt sieht sich Schröder darin vom sechsten Altenbericht zur Lage der Senioren in Deutschland, den ihr am Mittwoch eine unabhängige Expertenkommission übergab. „Wir dürfen uns nicht mehr nur auf das reine Lebensalter der Menschen konzentrieren, sondern müssen die faktisch gegebene Kompetenz mehr in den Mittelpunkt rücken“, forderte der Vorsitzende des 14-köpfigen Gremiums, der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse.

Im Alter liege ein riesiges Potenzial, sagte die Ministerin. „Diesen Schatz haben wir noch nicht richtig gehoben.“ Auf die Bedeutung neuer Altersbilder verwies auch Kommissionsmitglied Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, der die Perspektive einer längeren Lebensarbeitszeit für vertretbar hält.

Tatsächlich jedoch arbeiten viele Menschen im Rentenalter schon heute: als Pflegekräfte für ihre Angehörigen, vor allem ihre Ehepartner. Hinweise auf die hohe Eigenleistung älterer Menschen bei der Pflege gibt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der privaten Krankenversicherungen (WIP), die am Mittwoch vorgestellt wurde. Demnach sind die deutschen Pflegeausgaben im Vergleich mit anderen Industriestaaten gering, obwohl Deutschland mit den höchsten Anteil alter Menschen hat.

Laut den WIP-Daten sind 19,8 Prozent der Deutschen älter als 65 Jahre und daher tendenziell von Pflegebedürftigkeit bedroht, während der Anteil der über 65-Jährigen in den Niederlanden bei 14, 4 Prozent, in den USA bei 12, 6 Prozent liegt. Doch obwohl Deutschland eine ältere Bevölkerung und daher einen größeren Pflegebedarf hat, liegen die Leistungen der Pflegeversicherung niedriger als in jenen Staaten.

Hierzulande betragen die Pflegeausgaben 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), während die Niederlande 3,4 und die USA noch 1,6 Prozent ihres BIP an staatlichen oder vergleichbaren Leistungen für die Pflege aufwenden. Am meisten gibt Schweden aus, 3,5 Prozent des BIP. Geringer als in Deutschland sind die prozentualen Pflegeausgaben beim Vergleich von 14 Staaten nur in Großbritannien und Spanien.

Somit erweist sich das deutsche Pflegesystem als kostengünstig, was freilich vermuten lässt, dass viel Pflege in Familien geleistet wird, ohne dass man Zahlungen der Pflegeversicherung in Anspruch nimmt. Die Autoren der Studie sehen noch eine andere Deutungsmöglichkeit: Deutschland ist bei der Pflege unterversorgt: „Hohe Ausgaben bei junger Bevölkerung sind als ein Indiz für eine umfassende Versorgung zu werten, umgekehrt sind niedrige Ausgaben bei vergleichsweise alter Bevölkerung als ein Verweis auf eine Unterversorgung im internationalen Vergleich zu werten.“

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