Deutschland im Glück: Nicht nur die Fußball-WM beschert dem Land frohe Botschaften. Auch in der Wirtschaft reißen die guten Nachrichten nicht ab. Die Exportindustrie strotzt vor wiedergewonnener Stärke, der Arbeitsmarkt entwickelt sich erstaunlich gut, und auch die dramatische Staatsverschuldung entspannt sich in diesen Sommertagen quasi von selbst.
Die Deutschen haben allen Grund für ein neues Selbstbewusstsein. Besser als die meisten anderen Industrienationen ist die Bundesrepublik durch die Krise gekommen. Schwere Zeiten treiben den Wandel immer besonders stark voran: Wer gut aufgestellt ist und solide wirtschaftet, dem bietet sich die Möglichkeit, weiter nach oben zu kommen. Allerdings braucht es Mut, die sich bietenden Chancen zu ergreifen.
Das Gleiche gilt auch für die Politik. Die Verzagtheit der Bundesregierung steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Optimismus, der weite Teile der Wirtschaft und der Bevölkerung erfasst hat. Statt den momentanen Aufschwung für eine der Zukunft zugewandte Politik zu nutzen, verheddert man sich im Klein-Klein. Die Koalitionäre schrecken vor der groß angekündigten Gesundheitsreform ebenso zurück wie vor einer energischen Sparpolitik. Bloß keine allzu großen Veränderungen, scheint die Devise zu lauten. Doch wer nur auf Sicherheit spielt, kann nicht punkten.
Deutschland steht gut da, könnte aber noch weit besser dastehen. Warum nicht den spürbaren Aufschwung nutzen und die Haushaltskonsolidierung ehrgeiziger als geplant gestalten? Das sogenannte Sparpaket der Regierung mutet zwar Hartz-IV-Empfängern einiges zu, löst aber kein einziges der Probleme, die in der von FDP-Chef Guido Westerwelle vor Monaten angestoßenen Sozialstaatsdebatte benannt worden waren. Schwarz-Gelb wirkt seltsam ideenlos und mit sich selbst beschäftigt. Statt sich den Ball gegenseitig zuzuspielen, gönnt kein Partner einem anderen, das entscheidende Tor zu schießen. Es ist schade um die vielen verpassten Chancen.




