Der CDU-Kandidat Christian Wulff ist im ersten Wahlgang für die Bundespräsidentenwahl durchgefallen. Die Reaktionen darauf vielen entsprechend der Parteizugehörigkeit äußerst unterschiedlich auf.

Kanzlerin Angela Merkel rief das eigene schwarz-gelbe Lager zur Geschlossenheit auf. Man müsse jetzt sehen: „Was rät uns die Verantwortung?“, sagte die CDU-Vorsitzende nach Teilnehmerangaben am Mittwoch in einer vor dem zweiten Wahlgang einberufenen Fraktionssitzung der Union.

Sie appellierte an die Wahlmänner und -frauen von Union und FDP, den niedersächsischen Ministerpräsidenten und CDU-Vize Wulff im zweiten Wahlgang zum Staatsoberhaupt zu wählen. Sowohl Merkel als auch CSU-Chef Horst Seehofer warnten vor Schuldzuweisungen, hieß es. Auf gegenseitige Vorwürfe müsse verzichtet werden. Vielmehr müsse man mit „Zuversicht und Selbstbewusstsein“ in den zweiten Wahlgang gehen.

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) zeigte sich zuversichtlich, dass der Koalitionskandidat doch noch zum Bundespräsidenten gewählt wird. Bei der FDP habe im ersten Wahlgang niemand außer den angekündigten Abweichlern für den Kandidaten von SPD und Grünen, Joachim Gauck, gestimmt, sagte Niebel in Berlin. Zur Tatsache, dass Wulff im ersten Wahlgang durchfiel, sagte Niebel: „Es war eigentlich relativ klar, dass der eine oder andere noch alte Rechnungen begleichen würde.“ Nun steht der zweite Wahlgang an. Auch dann ist eine absolute Mehrheit nötig. Erst im dritten Durchgang reicht die einfache Mehrheit.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel spricht nach dem ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl von einem „guten Signal der Bundesversammlung“. Union und FDP könnten stolz sein auf Wahlleute, die ihrem Gewissen folgen, sagte Gabriel in der ARD, nachdem der schwarz-gelbe Kandidat Christian Wulff (CDU) mit 600 Stimmen die absolute Mehrheit von 623 Stimmen deutlich verpasst hatte. Gleichzeitig appellierte der SPD-Chef an die Linke, ihren Widerstand gegen den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck aufzugeben. Die Partei habe jetzt die „Riesenchance“, ihre DDR-Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Die Linke will im zweiten Durchgang zur Wahl des Bundespräsidenten nicht auf den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck umschwenken. „Herr Gauck ist nicht der Kandidat, der die Positionen der Linken auch nur annähernd teilt“, sagte Parteichefin Gesine Lötzsch am Mittwoch nach dem ersten Wahlgang der Bundesversammlung in der ARD. Alle Belehrungen der SPD, die Linke müsse Gauck nun unterstützen, seien „ein bisschen fehlgeleitet“.

Lötzsch betonte, sie sei stolz auf das Ergebnis der linken Kandidatin Luc Jochimsen, die 126 Stimmen holte. Das waren zwei Stimmen mehr als die Linke Wahlleute in der Bundesversammlung hat. Als offen gilt, wie sich die Linke in einem möglichen dritten Wahlgang verhalten wird, in dem die einfache Mehrheit reicht. Jochimsen könnte dann nicht mehr antreten.

Der Fraktions-Vize der Linken Dietmar Bartsch zufolge werde die Partei sich nach dem zweiten Wahlgang zusammensetzen und dann eine Entscheidung treffen. Er nannte das Scheitern von Wulff als „heftige Watschen“ für die Koalition bezeichnet. Zugleich sei dies ein grandioser Erfolg für die Linken. „Das ist schon mehr als eine Bundespräsidentenwahl“, sagte Bartsch im ZDF.

Der Kandidat von SPD und Grünen für das Bundespräsidentenamt, Joachim Gauck, zeigt sich nach dem ersten Wahlgang erfreut. „Das erste Gefühl: Demokratie ist lebendig und funktioniert“, sagte der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde am Mittwoch am Rande der Bundesversammlung in der ARD. „Es hat mich gefreut.“ Der Kandidat der schwarz-gelben Koalition, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), war im ersten Durchgang gescheitert. Er bekam 600 Stimmen – 44 Stimmen weniger, als Union und FDP insgesamt in der Bundesversammlung haben. Gauck war auf 499 Stimmen gekommen – dutzende Stimmen mehr als SPD und Grüne stellen.

dpa/str