In einem Charlottenburger Hof fiel der Schuss, der die Bundesrepublik veränderte: Was geschah hier wirklich am Abend des 2. Juni 1967, als der Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras alias Stasi-IM „Otto Bohl“ den Studenten Benno Ohnesorg erschoss? Zu den Augenzeugen des Geschehens gehörte der damals achtjährige „Hansi“. Heute ist Hans-Hermann B. 50 und im öffentlichen Dienst in Berlin beschäftigt. Er bezweifelt, dass Kurras in Notwehr auf Ohnesorg geschossen hat: „Auch wenn alles schon so lange her ist und ich die Welt aus Kinderaugen sah: Nach meiner präzisen Erinnerung wurde Kurras weder angegriffen noch bedrängt. Dazu stehe ich auch heute noch.“
Der Hof an der Krummen Straße 66/67–Ecke Schillerstraße 29 war nicht trist, sondern voller toller Gerüche, voller Geheimnisse – jedenfalls in der Fantasie eines Achtjährigen. Gleich dahinter, auf dem Abenteuerspielplatz – heute steht hier ein Supermarkt – hatte Hansi oft „geschossen“ und war oft „erschossen“ worden. Spuren des Krieges waren in den zerfurchten Straßenzügen noch gegenwärtig, die Brachflächen boten ein ideales Gelände für Cowboys und Indianer. Dass aus dem Spiel einmal blutiger Ernst werden würde, dass er hier einmal im Epizentrum eines Bebens stehen würde, das ganz Westdeutschland erschüttern sollte – das hatte sich Hansi nicht träumen lassen.
Der 2. Juni 1967 war ein warmer Juni-Abend. Die Sommerferien standen vor der Tür. Hansi spielte draußen, wie meist bei schönem Wetter. An diesem Abend fand Hansi es auf der Straße besonders aufregend. Die Blaulichter der Polizeimannschaftswagen zuckten, Martinshörner schrillten von Einsatzfahrzeugen. Eier, Farbbeutel und Steine flogen. Linke Aktivisten hatten zum Protest gegen den Staatsbesuch des Schah von Persien aufgerufen. Vater B. rief seinen Sohn besorgt von der Straße in die Wohnung.
200 Meter entfernt, in der Deutschen Oper, hatte sich gerade zu Ehren Schah Reza Pahlewis der Vorhang zu Mozarts „Zauberflöte“ gehoben. Zur gleichen Zeit eskalierte auf der Bismarckstraße vor dem Opernhaus die Gewalt: Junge Polizisten nutzen den um 20.07 Uhr ergangenen Befehl, die ungenehmigte Demonstration aufzulösen, zu einer Prügelorgie. Der Einsatz, schlecht vorbereitet und noch weniger durchdacht, wurde zur Katastrophe.
42 Jahre später steht Hans-Hermann B. wieder in dem Hof Krumme Straße 66/67 und zeigt auf das Fenster seines Kinderzimmers im Parterre: „Ich hatte sozusagen einen Logenplatz. Die Rollos sollten unten bleiben, hatte der Vater gesagt. Meine Neugier war natürlich größer ?“
Hansi guckte durch einen Spalt des leicht hochgezogenen Rollladens: „Ich sah, wie sich der Hof mit Personen füllte. Nach und nach kamen auch immer mehr Polizeibeamte in Uniform.“ Im Hof war mächtig was los. Direkt vor seinem Fenster sah Hansi, wie ein Student einen Regenschirm auf einen Polizisten warf. Der Beamte fing den Schirm auf und prügelte damit auf die Studenten ein. Im Hof und auf der Straße flogen Gummiknüppel – „feste druff!“, hieß das Motto.
Hansi fiel ein junger Mann auf – es war Benno Ohnesorg: „Er trug als Einziger ein rotes Hemd. Allein und friedlich, fast ein wenig schüchtern, stand er an der Stelle, wo sich früher die Teppichklopfstange befand.“ Entgegen der Behauptung von Kurras in seinem Prozess sah Hansi keine Messer: „Die Studenten waren unbewaffnet.“
Es war nach 20 Uhr. Hansi war aufgeregt, wechselte jetzt ständig seinen Beobachtungsposten: „Ich lief aufgeregt in der Wohnung auf und ab, rannte zum Küchen- und zum Schlafzimmerfenster. Plötzlich hörte ich einen Schuss.“ Als der Schuss fiel, stand er am Küchenfenster: „Durch einen Spalt des Rollos sah ich, dass der Mann in dem roten Hemd nicht mehr da stand, wo die Teppichklopfstange war. Er lag jetzt einige Meter weiter Richtung Straße auf dem Betonboden unter der Überdachung für die Parkplätze. Ich sah, wie ein Mann in einem Anzug eine Pistole in der Hand hielt. ‚Vater, da draußen ist jemand erschossen worden‘, rief ich.“ Wenn er die Mosaiksteine seiner Erinnerung zusammensetzt, dann ist für Hans-Hermann B. eine mögliche, wenn nicht sogar wahrscheinliche Erklärung heute: Benno Ohnesorg wollte einfach nur weg von diesem Ort der Gewalt.
Musste der Student, dessen Tod zum Fanal für Studentenaufruhr und Linksterrorismus („Bewegung 2. Juni“) wurde, deshalb sterben? Sozusagen „auf der Flucht“ erschossen? So wie damals andere an der Mauer, für deren Erbauer Kurras im Westen spitzelte? Am 4. Juni 1967 sagte Hansi gegenüber einer Polizeibeamtin aus. Das, was er gesehen hatte, spielte im Prozess gegen Kurras keine Rolle. „Ein Kind“, hieß es damals. Tatsächlich wurde Aussagen von so kleinen Minderjährigen 1967 so gut wie keine Relevanz beigemessen. Die Aussage von Hans-Hermann B. vergilbt seither.
Hans-Hermann B. hat davon gelesen, dass ein Teil der Kurras-Akten bei der Birthler-Behörde gesperrt wurde. Dass die Bundesanwaltschaft jetzt prüft, ob ein Stasi-Auftragsmord in Betracht kommen könnte: „Sollte das Verfahren gegen Herrn Kurras neu aufgerollt werden, dann stehe ich als Zeuge wieder zur Verfügung.“





