In zweieinhalb Stunden fällt ihr Name gerade zwei Mal. Obwohl eigentlich alle nur ihretwegen gekommen sind: Um über ihren fast berühmten Satz zu diskutieren, den sie in ihre Weihnachtspredigt einbaute: Nichts ist gut in Afghanistan. Margot Käßmann habe mit ihrer Aussage damals „viel Thermik“ erzeugt, sagt Bernhard Felmberg, der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zu Beginn dieses Diskussionsabends „Treffpunkt Gendarmenmarkt“ in Berlin. Politiker aus Regierung und Opposition warfen der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Naivität, undifferenzierte Kritik und Populismus vor.

Nur der für den Krieg in Afghanistan verantwortliche Verteidigungsminister, sagte öffentlich nichts zu diesem Nichts-ist-gut-Verbalangriff. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) lud die Urheberin stattdessen zum Gespräch ein. Und nun, fünf Monate später, absolviert er den Gegenbesuch – mit einem Lob für die abwesende, inzwischen zurückgetretene Bischöfin: Käßmann habe mit ihrem fast apodiktischen Urteil den Ausgangspunkt für einen notwendigen Debattenprozess geschaffen, der über Jahre höchstens schüchtern verlaufen sei. Und genau für diesen Anstoß ist auch die Kirche Käßmann insgeheim sehr dankbar.

Was die Ratsvorsitzende damals mit einigem Aufsehen in Gang gebracht hat, setzt ihr amtierender Nachfolger an diesem Abend sehr viel leiser fort: Präses Nikolaus Schneider, der seit Käßmanns Rücktritt den EKD-Rat leitet, bezweifelt erneut, dass der Bundeswehreinsatz in Afghanistan zum Erfolg führt. Er fordert, der Bundestag müsse analog zur Erteilung eines militärischen Mandats auch einen Beschluss zum Einsatz der zivilen Kräfte fassen. „Mit einer solchen Mandatierung wäre eine deutlichere öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung der zivilen Anstrengungen verbunden.“ Ein bloßes Weiter-So entzöge dem Einsatz die politische Legitimation, betont Schneider. „Wir brauchen Pausen, um nachzudenken und weitere Schritte zu überprüfen.“ Die EKD wünsche sich eine kritische Bilanzierung dieses Einsatzes.

Fast mitleidig sagt er zu Guttenberg, es komme fast der „Quadratur des Kreises“ gleich, einen Königsweg zu finden, der Erfolg garantieren und den Frieden sichern könne. Schneider versichert dem Minister „und der gesamten Bundesregierung unsere Solidarität“. Ganz so versöhnlich hätte es seine Vorgängerin wohl nicht ausgedrückt.

Käßmanns Urteil, in Afghanistan sei nichts gut, nennt nun auch Guttenberg „eine verkürzte Aussage“. Das untermauert er mit vielen Zahlen zu neu gebauten Schulen und Straßen, verbesserter Gesundheits- und Stromversorgung, gesunkener Kindersterblichkeit. Die Jahre 2001 bis 2010 seien vielleicht nicht von dem anfangs erhofften Erfolg gekrönt gewesen, doch gebe es sehr wohl Fortschritte. Um diese regelmäßig den Rückschlägen gegenüberzustellen, kündigt der Minister an, dem Kabinett künftig Quartalsberichte zu Afghanistan vorlegen zu wollen. Einen ähnlichen Antrag gebe es auch für den Bundestag.

Im Grunde sind sich der Minister und die Protestanten ziemlich einig: Nur militärisch kann dieser kriegsähnliche Zustand nicht gewonnen werden. „Wir wollen den Wiederaufbau-Aspekt in den Mittelpunkt stellen, aber es lässt sich eben nicht trennen vom Militärischen“, sagt Guttenberg. Und niemand widerspricht ihm. Nur der Friedensbeauftragte des EKD-Rates, Renke Brahms, wünscht sich eine stärkere Unterstützung für Friedensprojekte in Afghanistan. „Wenn ich höre, was eine Rakete kostet – zwei davon weniger, und das Geld in Friedensforschung gesteckt, und wir wären weiter.“

Doch das liebe Geld und die Sparzwänge der Regierung stehen an diesem Abend noch auf einem ganz anderen Blatt. Zunächst vereinbaren Kirche und Politik: Dieser Dialog wird fortgesetzt. Guttenberg will den Diskurs über Afghanistan schon seit seinem Amtsantritt befördern. Aus gutem Grund: Die gesellschaftliche Akzeptanz für die Mission ist ohnehin gering, und stellte sich auch noch die Kirche dagegen, hätte er ein Problem. Deswegen spricht nun als nächstes der EKD-Ratsvorsitzende vor angehenden Generälen an der Führungsakademie der Bundeswehr – wieder anstelle von Margot Käßmann.