Morgenpost Online:
Herr Professor Prenzel, in welchem Land würden Sie heute gerne zur Schule gehen?
Manfred
Prenzel:
Ich könnte mir die Niederlande, die Schweiz und auch Belgien sehr gut vorstellen. In diesen Ländern ist die Grundstimmung an den Schulen äußerst konstruktiv. Die Schüler werden dort einfach mehr wertgeschätzt, als es bei uns der Fall ist. Man unterstützt sie stärker beim Lernen, stellt sie aber auch vor Herausforderungen, an denen sie wachsen können.
Morgenpost Online: Sind dort auch die Rahmenbedingungen für die Schulen besser?
Prenzel: Ja. Gerade in den Niederlanden und in der Schweiz sind die Schüler in ausgezeichneten Gebäuden untergebracht. Auch die Schülerzahlen in den Klassen sind etwas kleiner als bei uns, was den Lehrern ihre Arbeit erleichtert. Mir fällt außerdem auf, dass sich die Städte und Gemeinden sehr viel stärker für ihre Schulen verantwortlich fühlen.
Morgenpost Online: In Deutschland hat man jetzt fünf Jahre lang das Schulwesen umgekrempelt. Sind wir den Pisa-Spitzenländern dadurch etwas näher gekommen?
Prenzel: Die Abstände zu den Spitzenländern sind erfreulicherweise kleiner geworden. Dies hat die Pisa-Studie 2003 gezeigt. Ob dieser Prozess allerdings anhält, werden wir erst bei der Untersuchung im nächsten Jahr feststellen können.
Morgenpost Online: Sind Sie skeptisch?
Prenzel: Nein, nur vorsichtig. Ich kann ja nicht vorhersehen, was die Erhebungen an Erkenntnissen tatsächlich bringen werden.
Morgenpost Online: Waren die hiesigen Bildungspolitiker bei den Reformen entschlossen genug?
Prenzel: Die Politik hat im Bildungswesen sehr viel bewegt. Das muss man gerade mit Blick auf die kontroversen Debatten in anderen politischen Bereichen anerkennen. In der Bildungspolitik gab es den Grundkonsens, dass wir große Anstrengungen unternehmen müssen, um unsere Leistungen zu verbessern. Klar ist auch, dass die Politik guten Schulunterricht nicht einfach verordnen kann.
Morgenpost Online: Hat nicht der Reformeifer in den letzten Monaten merklich nachgelassen?
Prenzel: Die Schulminister versuchen offenbar, etwas aus den Schlagzeilen zu kommen. Die Politik nimmt es inzwischen als Belastung wahr, wenn in halbjährlichen Abständen neue Pisa-Studien neue Erkenntnisse liefern und diese in den Medien so kommentiert werden, als hätte sich überhaupt nichts im Bildungssystem getan. Natürlich darf man die Politik nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, man muss aber auch mehr Geduld haben. Denn Reformen im Bildungssystem brauchen Zeit, bis sie ihre Wirkung entfalten.
Morgenpost Online: Welche Reform wünschten Sie sich im Moment am meisten?
Prenzel: Ich denke, wir sollten in Zukunft nicht nur in Testverfahren, die der Qualitätssicherung dienen, investieren, sondern die Anstrengungen verstärken, um die Lehrkräften vor Ort zu unterstützen. Die Schulen benötigen vor allem mehr Freiheit. Eine Schule muss in der Lage sein, Probleme selbstverantwortlich und mit eigener Kraft lösen zu können.
Morgenpost Online: Eine Baustelle ist seit Jahren die Lehrerausbildung¿
Prenzel: Das Problem ist, dass die Lehrerausbildung an den Universitäten nach wie vor nur ein Schattendasein führt. Meine Sorge ist, dass auch bei der Umstellung des Studiensystems auf die Bachelor- und Masterabschlüsse nicht die Chance ergriffen wird, eine Verbesserung in Richtung einer stärker berufsbezogenen Ausbildung der Lehramtsstudenten zu erzielen.
Morgenpost Online: Müssen die Kultusminister nicht endlich auch bundesweit einheitliche Standards beschließen?
Prenzel: Wir brauchten detaillierte Standards für die Lehrerausbildung, aber die Einführung scheitert letztlich sogar an der Autonomie der Universitäten. Viele Professoren zeigen nämlich bislang wenig Bereitschaft, ihre Lehrveranstaltungen neu auszurichten, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern.
Morgenpost Online: Hat sich eigentlich die Situation der Ausländerkinder und der Schüler aus armen Familien verbessert?
Prenzel: Nein, ich kann hier keine Entwarnung geben. Die Untersuchungen belegen, dass es noch keine wirklich bedeutsamen Leistungsverbesserungen gibt. Die Politik ist hier weiter gefordert. Ich warne aber davor, von vornherein zu unterstellen, dass Kinder mit Migrationshintergrund oder aus einkommensschwachen Familien generell schlechte Schüler seien. Dies ist definitiv nicht der Fall.
Morgenpost Online: Die Bildungsdebatte wird immer wieder ideologisch geführt. Geht Ihnen Pisa inzwischen auf die Nerven?
Prenzel: (lacht) Eine schwierige Frage. Die Pisa-Studie ist für die Verbesserung des deutschen Bildungswesens sicherlich extrem wichtig. Mit den Kontroversen, die daraus resultieren, ist das manchmal aber schon so eine Sache. Darüber darf man jedoch nicht jammern, denn das ist der Preis für die enorme Aufmerksamkeit, die die Studie in Deutschland erreicht hat.
Morgenpost Online: Wollen Sie auch die Koordination der nächsten Pisa-Studie übernehmen?
Prenzel: Nein, ich selbst werde die Federführung der nächsten Pisa-Studie nicht übernehmen. Allerdings schließe ich nicht aus, dass ich an der Untersuchung beteiligt sein werde. Vielleicht nehme ich aber auch eine Auszeit. Für mich ist es auf jeden Fall mal ganz gut, eine zeitlang aus der ersten Reihe des Pisa-Konsortiums zu verschwinden.
Professor Manfred Prenzel ist Chef des deutschen Pisa-Konsortiums. Mit ihm sprach Joachim Peter

