In Hessen ist jahrelang spekuliert worden, wer Ministerpräsident Roland Koch im Fall des Falles eigentlich im Amt nachfolgen könnte. Zunächst fiel nicht nur der Name von Innenminister Volker Bouffier, sondern auch Umweltministerin Silke Lautenschläger wurden gute Chancen nachgesagt. Doch seit klar war, dass sich mit Koch Ende August auch die 41-jährige Ministerin aus dem Kabinett zurückziehen will, war der Weg frei für Bouffier.

Und tatsächlich hat die Hessen-CDU Bouffier nur wenige Stunden nach Kochs überraschender Rückzugsankündigung bereits als Kandidat für den Landesvorsitz nominiert – mit der für die Hessen-Union üblichen Einmütigkeit. Es habe „keine Unterschiede in der Einschätzung“ gegeben, sagte Koch im Anschluss an eine Sitzung der Kreisvorsitzenden und des Landesvorstands: Innenminister Bouffier wird Koch beerben, und die Landespartei steht geschlossen hinter ihm.

Dabei hatte Lautenschläger, die im Kabinett Koch zunächst Sozial-, später Umweltministerin war, lange als Kochs „Kronprinzessin“ gegolten. Koch war ihr Mentor, versuchte sie in einer Schlüsselposition – und versehen mit dem Auftrag, Hessen zu einem Musterland für regenerative Energien zu machen – für höhere Aufgaben zu stählen. Doch in der eigenen Partei blieb sie trotzdem umstritten.

Bei ihrer Wiederwahl zur stellvertretenden Landesvorsitzenden kam sie 2008 nur auf 78,9 Prozent, Bouffier dagegen, ebenfalls Parteivize, erzielte mit 96,3 Prozent sogar ein besseres Ergebnis als Koch. Mancher Christdemokrat kritisierte Lautenschläger als zu spröde und distanziert, andere warfen ihr mangelnde Kompetenz, Ideen und Durchsetzungsvermögen vor. Vor allem beim Thema Windenergie bekam sie in der eigenen Partei heftig Widerstand und konnte nie wirklich punkten.

Für Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir ist die einstimmige Nominierung Bouffiers daher ein weiteres Indiz dafür, dass die Stärke des „Systems Koch zugleich seine Schwäche“ sei: Die CDU in Hessen stehe in Krisenzeiten fest zusammen wie ein Block, ohne Rangeleien und interne Querschüsse, wie sie in anderen Landesverbänden oder im Bund an der Tagesordnung seien. „Aber der Nachteil für die Partei ist zugleich, dass keine neuen Ideen oder Personen nach vorn gelassen werden.“

Bouffier sei der dienstälteste Innenminister Deutschlands, jede einzelne Entscheidung der letzten elf Jahre in Hessen habe er mitgetragen. „Da ist kein Neuanfang zu erwarten.“ Und so kündigte der dreifache Vater Bouffier bei seinem ersten Presseauftritt nach der Nominierung an, Kochs Politik fortsetzen zu wollen. Er werde zwar auch „offen sein für Neues“ sein, versprach er. Oder wie das „Neue“ aussehen könnte, darüber wollte er sich nicht äußern.

Das außergewöhnliche Beharrungsvermögen der Hessen-CDU hat historische Wurzeln. Ausgerechnet in dem einst in weiten Teilen stark sozialdemokratisch geprägten Bundesland, in dem 1985 zudem die erste rot-grüne Koalition an die Regierung kam, hatte Roland Koch die CDU 1999 zur bestimmenden Kraft gemacht und sogar an die Alleinherrschaft geführt. Die Regierung wollen sich CDU und Bouffier nicht mehr streitig machen lassen. Ziel Nummer eins in Hessen bleibt daher der Machterhalt.

Doch Bouffier muss in große Fußstapfen treten. Für den sechs Jahre Älteren, der zudem weder über Koch eiserne Konstitution noch über sein Charisma verfügt, wird es schwer sein, sich als vollwertigen Ersatz zu positionieren.

Da ist nicht nur der gerade laufende, peinliche Untersuchungsausschuss in Sachen „Polizei-Affäre“, in dem die Aussage von Bouffiers zu allem Unglück auch noch bevor steht: Die Opposition wirft dem langjährigen, loyalen Weggefährten von Koch vor, einen hohen Polizeiposten rechtswidrig einem Parteifreund zugeschanzt zu haben.

Vor allem fehlt dem Juristen, der seit elf Jahren Innenminister ist, auch die außergewöhnliche Wirtschafts- und Finanzexpertise seines Vorgängers. Dabei steht es um die Finanzen des Landes besonders schlimm. Wegen des riesigen Schuldenbergs muss Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) auch in diesem Jahr wieder Rekordschulden machen und damit das Minus auf fast 40 Milliarden Euro steigern. Rechnet man Pensionsrückstellungen für Lehrer, Polizisten und Richter zu den Schulden hinzu, ist Hessen so gut wie insolvent.