US-Debatte

Obamas Friedensnobelpreis spaltet das Land

Der Friedensnobelpreis für Barack Obama wird in den USA heftig diskutiert. Seine Unterstützer verteidigen ihn mühsam, seine Gegner attackieren ihn scharf. Jetzt überbieten sich beide Seiten mit sarkastischen Kommentaren. Dabei wird Obama schon mal mit einem heizbaren Autositz verglichen.

Foto: AFP

Es ist nicht leicht, ein 300-Millionen-Volk von der robusten Selbstgewissheit der Vereinigten Staaten von Amerika in sprachloses Erstaunen zu versetzen. Dem Osloer Preiskomitee gelang das Kunststück am Freitag zwischen 6.00 und 6.30 Uhr Ostküstenzeit. Das war die Reaktionszeit aus dem Schlaf gerissener Kommentatoren zu entscheiden, ob sich die Welt einen Scherz erlaubt hatte, und wenn nicht, ob patriotischer Stolz auf ein Wunder oder patriotischer Zynismus über einen schlechten Witz angemessen sei.

Es versteht sich, dass Demokraten sich überwiegend stolz und demütig äußerten, Republikaner meist entsetzt bis gedemütigt. Der König des rechtsextremen Talkradios, Rush Limbaugh, zeigte sich begeistert über das frische Material für seine fantasievollen Beleidigungen des Präsidenten: „Die Nobel-Gang hat sich als Selbstmordattentäter in die Luft gejagt.“ Obama sei endgültig als „Illusion“ enttarnt. Auf der Gegenseite beeilte sich Jimmy Carter, Preisträger 2002, die Ehrung als „kühnes Statement der internationalen Unterstützung seiner Vision und seiner Hingabe“ zu rühmen. Al Gore, Preisjahrgang 2007, bezeichnete die Ehrung als „extrem wohlverdient“. Doch die Artigkeiten wurden bald untergraben von Zweifeln selbst der Anhänger Obamas, ob die Auszeichnung dem Präsidenten statt einer Medaille einen Mühlstein an den Hals hängt.

Während prominente Republikaner von Rang und Reputation wie John McCain dem Präsidenten „gemeinsam mit dem amerikanischen Volk“ gratulierten, zeigten kleinere Lichter wie der Vorsitzende des Republikaner-Parteirats Michael Steele lausige Manieren. Ohne ein Wort der Gratulation ließ Steele verlauten, dass Obama nichts Rühmenswertes erreicht habe: „Eins ist sicher – Präsident Obama wird von Amerikanern keine Preise für die Schaffung von Arbeitsplätzen bekommen, für Steuersenkungen oder für das Umsetzen von Worten in Taten.“ Brad Woodhouse, Kommunikationschef des Parteivorstands der Demokraten, feuerte sogleich mit noch größerem Geschütz zurück: „Die republikanische Partei hat sich heute Morgen mit ihrer Kritik der Ehrung des Präsidenten auf die Seite der Terroristen geschlagen, der Taliban und Hamas.“

Sollten Historiker dereinst einen Tag dingfest machen wollen, der exemplarisch die tiefe politische Spaltung der USA in sich birgt, wird sich der 9.Oktober 2009 empfehlen. Salve um Salve krachte zwischen den Fronten. Auf der Rechten wurde mit sichtlichem Vergnügen angegriffen, von den Linksliberalen wurde zäh, wenngleich bisweilen mit spürbarer Gereiztheit verteidigt. Bald spielte sich als Rechtfertigungslesart eine Interpretation ein, die der frühere demokratische Senator von Nebraska John Kerrey anbot. Das Osloer Nobelpreiskomitee habe im Grunde die amerikanischen Wähler auszeichnen wollen für ihre Kühnheit, den ersten Schwarzen, einen Intellektuellen und visionären Redner, zum Präsidenten gewählt zu haben: „Es ist ein Preis für dieses Land, und Amerikaner sollen ihn mit Freuden annehmen.“ Andere Würdenträger der Partei wie der Mehrheitsführer im amerikanischen Senat Harry Reid betonten, Obama habe Amerika wieder als eine in der Welt respektierte Führungsmacht etabliert, indem er eine „Politik der Furcht“ durch eine „Politik der Hoffnung“ ersetzt habe.

Die letzte Schmähung für Bush

In einer Einschätzung treffen sich die verfeindeten Lager immerhin. Der Preis für Barack Obama bedeute auch eine letzte Schmähung von GeorgeW. Bush. Wie schon die Auszeichnungen an Carter und Gore, beide scharfe Kritiker des Präsidenten, so komme die Ehrung Obamas einem Nachtreten gleich. Typisch europäisch, meinen Beobachter, die von der in den USA verbreiteten Euro-Phobie profitieren wollen. Allan Lichtman, Historiker an der American University zu Washington, hält die Präsidentschaft Obamas für „vielversprechend“, aber dem Preis kann er nichts Gutes abgewinnen: „Auf der einen Seite wird seine liberale Basis auf ihn Druck ausüben, der Friedensstifter zu werden. Die republikanischen Kritiker werden behaupten, ein Haufen skandinavischer Sozialisten habe einen anderen Sozialisten ausgezeichnet.“ Dasselbe Ressentiment zeigt der Psychologe Robert Epstein. Für die „alten Herren in einem Hinterzimmer in Stockholm“ (!) sei Obama offenbar „das Größte seit Saabs Erfindung des heizbaren Fahrersitzes 1972“.

Der antieuropäische Affekt ist in konservativen Kreisen besonders ausgeprägt und kann dort Formen einer akuten Paranoia annehmen. John Bolton, US-Botschafter an den ihm verhassten Vereinten Nationen unter Präsident Bush, führt diese Gruppierung an. Er ließ verlauten: „Das Nobel-Komitee will den Amerikanern predigen, aber die werden sich nicht betrügen lassen.“ Obama solle den Preis ablehnen und schauen, ob er in drei oder vier Jahren wieder nominiert werde.

Mit solchem Rat tritt die extreme Rechte mit der extremen Linken als eine Bruderschaft der Moralisten auf. Der linke Filmemacher Michael Moore gratulierte mit freundlichem Sarkasmus. Barack Obama habe nach all den schönen Reden und Ankündigungen seinen Friedenspreis am „zweiten Tag des neunten Jahres des Krieges in Afghanistan, der rasch Ihr Krieg wird“ erhalten. Diese Ironie, so Moore, werde von niemandem übersehen. Man könne einen Kriminellen (Osama Bin Laden) nicht mit Panzern und Truppen bekämpfen: „Bringen Sie alle Soldaten aus Bushs Kriegen nach Hause. Das ist es, was ein wahrer Mann des Friedens tun würde.“ Wenn er dazu nicht bereit oder fähig sei, möge er seinen Preis zurückgeben.

Treffender hätte kein Exponent der Rechten zusammenfassen können, was sie als versuchte Erpressung aus Oslo verachtet. Nicht nur Rush Limbaugh wittert, dass das Nobelpreiskomitee Obama gewissermaßen durch Lob entwaffnen wollte: „Nämlich keine Truppenaufstockung in Afghanistan zu befehlen, nichts Handgreifliches gegen den Iran und sein Atomprogramm zu unternehmen“, wie Limbaugh vermutet, „und im Grunde sein Vorhaben weiterzuführen, die Vereinigten Staaten zu entmannen. (In Europa) lieben sie ein schwaches, kastriertes Europa. Ich glaube, Gott hat einen großartigen Sinn für Humor.“ Den hat Michael Moore nachweislich auch. In einem Postskriptum zu seinem offenen Brief an den Präsidenten fragt er sich, warum die Feinde Obamas Amerika so sehr hassen: „Ich habe das Gefühl, wenn Sie das Heilmittel gegen Krebs erfänden, würden die sich empören, weil Sie den freien Wettbewerb abwürgen, wenn Krebsforschungszentren schließen müssen.“

Keine Freunde, nirgends

Wenn sogar die linksliberale „New York Times“ daran erinnern muss, dass Obama die Ehrung schließlich nicht angestrebt habe, wird die Defensive des Geehrten schmerzhaft spürbar. Keine Freude, nirgends. Selbst aus dem Weißen Haus wird ein anonymer Vertrauter Obamas so zitiert: „Das ist das Letzte, was Obama gebraucht hat.“ Der Preis ist ein Geschenkabonnement an seine Gegner, gleichgültig ob sie Anstand haben wie John McCain oder frei von Manieren sind wie Michael Steele. Die Auszeichnung trage „ein Element des Lächerlichen“ in sich, wie Pat Buchanan, dreifacher Bewerber um die Präsidentschaft, feixend bemerkte: „Wir lachen doch alle seit heute früh. Was kommt als Nächstes für Obama: Unternehmer des Jahres als Chef von General Motors?“ Immerhin werde der Präsident im Dezember in Oslo gewiss eine gute Rede halten, hübsche Worte und bella figura machen könne der Mann ja. Und Buchanan gedachte gerührt der 1950 gehaltenen Rede des wohl einflussreichsten Schriftstellers Amerikas. William Faulkner, Literatur-Nobelpreisträger 1949, sagte voraus: „America will not only survive, it will prevail“; nicht nur „überleben wird Amerika, sondern obsiegen“.

Als sich der Tag neigte, der in Amerika um sechs Uhr früh mit Sprachlosigkeit begonnen hatte, schien das Votum der schwätzenden und wertenden Klasse festzustehen: Barack Obama wird in seinem Land den Friedensnobelpreis eher als Bürde denn als Gewinn erleben. Dafür werden Linke wie Rechte im Wettbewerb sorgen. Für die gutwillige Mehrheit in der Mitte bleibt das Dilemma, das die „Washington Post“ am besten formulierte: „Es ist ein sonderbarer Nobelpreis, wenn man sich beinahe für den Geehrten schämt.“

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