Die Bundeskanzlerin war vorab informiert – am Montag, sofort nach der Landung ihrer Regierungsmaschine um 18 Uhr 22 in Abu Dhabi, fand Angela Merkel eine SMS auf ihrem Mobiltelefon. Roland Koch bat um einen Rückruf. Danach war Merkel klar, dass ihr Stellvertreter und langjähriger Rivale sich am nächsten Tag aus der Politik verabschieden wollte.
Dass der hessische Ministerpräsident sich mit Gedanken an einen Abschied aus der Politik trug, wusste die Kanzlerin schon länger, ärgerte sich über das Timing der Bekanntgabe aber doch. Sie verweigerte den mitreisenden Fernsehteams eine Stellungnahme, als die Vorabmeldungen publik wurden. Es erschien Merkel unpassend, unter arabischen Palmen die deutsche Innenpolitik zu kommentieren.
Während Kochs Pressekonferenz in Wiesbaden war die CDU-Vorsitzende dann schon im Regierungsflugzeug auf dem Weg ins saudi-arabische Dschidda. Ohne Kameras kommentierte sie an Bord der Maschine den Rücktritt so: „Viele Jahre habe ich Roland Koch als guten und wichtigen Ratgeber erlebt. Diesen Rat werde ich vermissen.“
Das sagte sie ganz ohne Ironie. Immerhin hatte der Hesse der Kanzlerin zuletzt öffentlich geraten, den Ausbau von Bildung und Kinderbetreuung – also die Kernthemen ihrer Kanzlerschaft – angesichts der desolaten öffentlichen Finanzen zurückzuschrauben. Viele, selbst in Merkels Umfeld, hatten dies als einen Angriff aufgefasst. Nun hat es sich als ein politisches Vermächtnis entpuppt.
Roland Koch, der führende Exponent des für seinen Zusammenhalt legendären hessischen Landesverbands, hat auch seinen Abgang den Bedürfnissen seiner Leute untergeordnet. Gestern tagte die hessische Kreisvorsitzendenkonferenz in Bad Nauheim. Diese Konferenz, sagte Koch, habe er ebenso wie den Landesparteitag am 12. Juni bewusst auf die Zeit nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl gelegt, damit sein Rücktritt nicht diese Wahl beeinflusse. Den lokalen Häuptlingen in der Provinz fühlte sich Koch augenscheinlich mehr verpflichtet als seiner Bundesvorsitzenden in Arabien.
Der Abgang von Koch kommt für Angela Merkel alles andere als gelegen. Denn aus dem innerparteilichen Gegner war zuletzt ein Helfer geworden, der die Chefin unterstütze: Im CDU-Präsidium wetteiferte er geradezu mit Wolfgang Schäuble darum, Merkels Politik als alternativlos und Kritiker als uneinsichtig darzustellen.
Merkel schätzte Koch nicht nur deshalb. Von ganz unterschiedlicher Außenwirkung, waren beide in ihrer Art, Politik zu machen, doch erstaunlich kompatibel. In ihrer Sachlichkeit, ihrer Verachtung für Sentimentalitäten und ihrer Orientierung an Denkweisen jenseits der klassischen Politik (bei Merkel Wissenschaft, bei Koch Volkswirtschaft) erkannten sie sich ineinander sogar wieder.
Die beiden waren sich auch einig in ihrem Stolz, nicht auf öffentliche Ämter angewiesen zu sein. Merkel verweist gerne auf ihre Zeit als Physikerin, Koch erinnerte Gesprächspartner bisweilen daran, er sei ein „Wirtschaftsanwalt, den es in die Politik verschlagen hat“. Was viele Beobachter Koch nie abnehmen wollten, versteht die Kanzlerin gut: Dass er sich jetzt noch einmal außerhalb der Politik beweisen will.
Bei allen Parallelen gilt freilich: Koch konnte – das weiß Merkel sehr wohl –, was ihr nicht unbedingt gegeben ist. Er polarisierte mit Lust und mobilisierte die Stammwähler der Union. Vor allem das Bild der beiden Politiker in der Öffentlichkeit geht daher auseinander. Hier Merkel, die – obwohl persönlich recht bodenständig – für viele ein modernes, weltoffenes Deutschland verkörpert. Dort Koch, der sehr gut englisch spricht und privat moderne Kunst sammelt, aber in der politischen Öffentlichkeit als brutal, rückwärtsgewandt oder gar chauvinistisch galt.
Koch und Merkel redeten ihre Unterschiede in den vergangenen Jahren zu unterschiedlichen Schwerpunkten oder gar zu einem Rollenspiel klein. Wie verschieden die beiden außergewöhnlichsten Christdemokraten ihrer Generation jedoch tickten, zeigte sich zu Anfang des Jahrtausends.
Merkel verteidigte in der CDU-Spendenaffäre die Altvorderen eher pflichtschuldig-genervt – und verriet ihren politischen Ziehvater Helmut Kohl schließlich in dessen Augen sogar. Koch hingegen stellte sich hingegen in der hessischen Affäre mit Leidenschaft vor die Seinen – egal, ob sie politische und moralische Fehler begangen hatten. Koch ließ niemanden fallen – und wenn doch einer fiel, holte er ihn später zurück. Diese Form bedingungsloser Loyalität, die im Antikommunismus der Dregger-CDU wurzelt, hält Merkel für vormoderne Treue.
Auch sie stand freilich immer zu Roland Koch – auch wenn er sich wieder einmal auf den Kriegspfad begab, sei es mit Blick auf gewalttätige ausländische Jugendliche, die doppelte Staatsangehörigkeit oder zuletzt gegen ihre, der Bundeskanzlerin, eigene Bildungsrepublik.
Angela Merkel hielt Distanz, fiel Koch – anders als andere CDU-Politiker – jedoch niemals in den Arm. Als sie auf dem vergangenen Bundesparteitag in Stuttgart dem hessischen Ministerpräsident als „Roland Kotz“ dankte, war das kein Freudscher, sondern wirklich nur ein Versprecher.
Koch war schlau und tat konservativ – damit lieferte er gleich zwei Eigenschaften, die im immer langweiligeren Führungspersonal der Union rar sind. Deshalb bemühte sich die Kanzlerin auch, ihn in der Politik zu halten. Sie bot ihm keinen Platz im Kabinett an, aber hätte ihn wohl gerne in Europa gesehen. Wer hätte dort – gerade in der Eurokrise – besser für deutsche Interessen kämpfen können als der in der Frankfurter Bankenwelt gut vernetzte Hesse?
Aus Brüssel kam ja der zweite Ärger auf dieser Reise. Ausgerechnet Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der einen deutschen Kabinettschef hat und lange als Anhänger, wenn nicht als Marionette Merkels galt, machte sich in einem Interview über die „Naivität“ der deutschen Vorschläge zur Reform der EU lustig. Ein Koch hätte sich in Brüssel Respekt verschafft und die in diesen Tagen von Merkel beschworene „deutsche Stabilitätskultur“ geradezu verkörpert. Der harte Roland für den harten Euro? Daraus wird nichts mehr.
Den Platz Roland Kochs in Hessen wird Volker Bouffier einnehmen. Er ist älter als Koch und hat schon gesundheitlich nicht dessen legendäre Kondition. Der Innenpolitiker gilt zwar ebenfalls als Rechtsaußen in der CDU, besitzt aber nicht Kochs bundespolitische Statur.
Hat also der letzte Konservative die CDU verlassen? Stefan Mappus, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ist selbst noch ein Neuling und keineswegs gesetzt, um Kochs Platz als stellvertretender Vorsitzender der CDU einzunehmen.
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