Mit Unbehagen hat Zülfiye Kaykin in den vergangenen Tagen erlebt, was es bedeutet, als Migrantin ein politisches Amt in Deutschland anzutreten.
Die 41-jährige Deutschtürkin verfolgte genau die Kontroverse, nachdem Niedersachsens neue Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) sich gegen Kruzifixe und Kopftücher in Schulen ausgesprochen hatte.
Dabei wurde eine Erfahrung von Kaykin bestätigt. "Es schafft sofort Fronten, wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund zu solchen Themen Stellung bezieht", sagt die türkischstämmige Deutsche aus Duisburg.
Die 41-Jährige betrachtet die Kontroverse aus einer besonderen Perspektive, denn die Sozialdemokratin gehört zum "Kompetenzteam" von Hannelore Kraft, die als SPD-Spitzenkandidatin bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl am 9. Mai antritt. Kaykin wurde in Düsseldorf wenige Tage vor Bekanntwerden von Özkans Berufung in Niedersachsen vorgestellt.
Beide haben als türkische Migrantin parallel einen bemerkenswerten Aufstieg geschafft und vertreten mitunter ähnliche Positionen. "Frau Özkan hat legitime Dinge angesprochen, die im Sinne des Bundesverfassungsgerichts sind. Die Diskussion ist doch im Grunde eine populistische Pseudo-Diskussion", sagte Kaykin Morgenpost Online.
Für sie persönlich gelte: "Toleranz ist unteilbar. Das bedeutet, dass man zu allen Religionen denselben gebührenden Abstand beziehungsweise dieselbe Nähe haben sollte."
Kaykin soll im Wahlkampf mit ihrer Herkunft authentischer und überzeugender wirken als der amtierende Integrationsminister Armin Laschet (CDU). Es geht um viel: Immerhin sind in NRW rund 1,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund wahlberechtigt. Knapp fünf Jahre arbeitete Kaykin als hauptamtliche Geschäftsführerin der Ditib-Begegnungsstätte in der Duisburger Merkez-Moschee.
Das muslimische Gotteshaus wird gern als "Wunder von Marxloh" bezeichnet, weil es ohne große Konflikte errichtet wurde. Kaykin erhielt 2007 für ihr beispielhaftes Engagement das Bundesverdienstkreuz. "Als Mensch mit Migrationshintergrund habe ich eine Brückenfunktion. Ich verbinde nicht nur Menschen, sondern auch Länder miteinander", sagt die zweifache Mutter.
Doch es bleibt abzuwarten, welche Strahlkraft Kaykin für die SPD entfaltet. Sie hat ihre Geschäftsführertätigkeit bei der Begegnungsstätte im März gekündigt, will aber im angeschlossenen "Verein Begegnungsstätte" für den Vorstand kandidieren. Die Duisburger Lokalmedien hatten über Zerwürfnisse mit dem neuen konservativen Moschee-Vereinsvorstand berichtet.
Zudem finden die Sozialdemokraten kaum etwas an NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) auszusetzen. Seine Berufung 2005 in das damals bundesweit einzigartige Amt sorgte für Aufsehen und wurde als Öffnung der Union in der Integrationspolitik gedeutet. Laschet genießt zudem großes Ansehen in den Migrantenverbänden und wird vom einflussreichen Vorstandschef der Landesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen Migrantenvertretung, Tayfun Keltek, geschätzt, der seinerseits für die SPD bei der Landtagswahl in Köln antritt.
Laschet sieht Integration als eine Querschnittaufgabe durch alle Ressorts. Die Integrationsmittel wurden unter seiner Ägide von rund 378 Millionen Euro im Jahr 2006 auf rund 444 Millionen aufgestockt. Zudem gelingt Laschet in heiklen Debatten wie der über Özkans Äußerung eine Gratwanderung zwischen Lob und Kritik. Er bezeichnet die Ernennung Özkans zur Ministerin als "mutiges Signal".
Sie stehe für einen "vorbildlichen Aufstieg in unserer Gesellschaft und beweist, dass dies für Zuwanderer möglich ist". Allerdings ärgere ihn, "dass der Streit über Kreuze nichts mit Integration zu tun hat", ergänzt Laschet im Gespräch mit Morgenpost Online. Die Kritik von Teilen der CSU an Frau Özkan sei "maßlos und völlig überzogen" gewesen. "Die Union ist doch längst weiter im Umgang mit Migranten", sagt Laschet.
Zugleich pflegt Laschet die religiösen Wurzeln seiner Partei: "Ich finde, Kreuze gehören in eine Klasse. Wir sind ein seit Jahrhunderten christlich geprägtes Land. Unser Menschenbild entstammt dem christlich-jüdischen Denken." Der Minister wirbt für eine "rheinische Lösung", um dem Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995 gerecht zu werden: "Wenn niemand Anstoß daran nimmt, dann bleiben die Kreuze in Schulen hängen."
Die SPD sieht in der Unionskritik an Özkan freilich einen Beleg für rückständiges Denken. "Es zeigt, dass im Umgang mit Migranten in Deutschland längst noch nicht Normalität eingekehrt ist. Dies gilt im Besonderen auch für die Union", sagt Lale Akgün, Integrationsexpertin und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete. Deutschland sei "immer noch Zuwanderungsland und kein Einwanderungsland wie die USA".
Nach Ansicht von Zülfiye Kaykin sind Diskussionen über Verbote von Kopftuch, Burka oder Schul-Kruzifixen keine vorrangigen Themen in der Integrationspolitik. Das sei ein Thema, "das so viele Emotionen freisetzt, uns aber keinen Schritt nach vorne bringt", meint Kaykin.
Ihr gehe es vielmehr um "die wirklich wichtigen und dringenderen praktischen Themen in der Integrationspolitik: etwa ein kommunales Wahlrecht für alle Migranten oder stärkere Teilnahme von Migranten in öffentlichen Einrichtungen". Man müsse, betont Kaykin, vor allem eines tun: "den Migranten die Möglichkeit geben, ihre Loyalität gegenüber ihrem Land zu zeigen".


