Die Spannungen zwischen Pjöngjang und Washington haben sich durch die Verurteilung von zwei US-Journalistinnen in Nordkorea zu zwölf Jahren Arbeitslager verschärft. Der Oberste Gerichtshof des Landes sprach die beiden Fernsehreporterinnen Laura Ling und Euna Lee schuldig, „Verbrechen gegen die koreanische Nation und illegalen Grenzübertritt“ begangen zu haben.
Die angeblichen „Verbrechen gegen die Nation“ ermöglichten dem Gericht ein erhöhtes Strafmaß. Grenzverletzung wird in der nordkoreanischen Justizpraxis mit maximal zehn Jahren Haft bestraft. Der Prozess fand für die beiden Frauen ohne Vertrauensanwalt, ausländische Beobachter oder Familienmitglieder statt. Auch Schwedens Botschafter, dessen Land die Interessen der USA in Nordkorea vertritt und der die Frauen dreimal in der Haft besuchen durfte, konnte an der Verhandlung nicht teilnehmen. Das Urteil ist endgültig, da keine Berufung gegen das höchste Gericht möglich ist.
Die beiden Fernsehreporterinnen waren am 17. März von nordkoreanischen Soldaten am Grenzfluss Tumen angeblich auf nordkoreanischer Seite verhaftet worden. Wo, wie und ob sie von der chinesischen Seite auf das kaum demarkierte koreanische Gebiet geraten sind oder ob sie verschleppt wurden, ist bisher ungeklärt. Sie hatten für den kalifonischen Web-Kanal Current TV an einer Dokumentation über Überläufer gearbeitet. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen recherchierten sie Menschenschmuggel mit nordkoreanischen Frauen. Ihr lokaler Führer, der nähere Auskünfte geben könnte, werde von den chinesischen Behörden festgehalten.
Die Filmemacherinnen fielen Nordkoreas Behörden zu einem Zeitpunkt in die Hände, als Pjöngjang wegen seines Raketentests international verurteilt wurde und wegen seines Nuklearversuchs mit weltweiten Sanktionen rechnen muss. Da ihr TV-Sender von Al Gore mitgegründet wurde, der unter Bill Clinton US-Vizepräsident war, konnte Nordkorea maximale Aufmerksamkeit erwarten.
Am Sonntag hatte US-Außenministerin Hillary Clinton an Nordkorea appelliert, die Frauen freizulassen. Anderenfalls werde man darüber nachdenken, Nordkorea wieder auf die Liste terrorunterstützender Staaten zu setzen. US-Präsident Barack Obama warnte, dass er eine „härtere Gangart“ in der Sanktionspolitik einschlagen wolle. Pjöngjang habe sich zuletzt „extrem provokativ“ verhalten, was sich destabilisierend auf die Region auswirke.
Die Öffentlichkeit in den USA reagierte auf das Willkürurteil geschockt. Die US-Journalistin mit iranischer Abstammung, Roxani Saberi, die in ähnlicher Konstellation als angebliche Spionin zu acht Jahren Gefängnis im Iran verurteilt und nach Wochen der Haft freigelassen und abgeschoben wurde, erklärte über die Medienorganisation Reporter ohne Grenzen: „Ich bete für euch, Laura und Euna, stark zu bleiben und immer zu wissen, dass weder ihr noch eure Familien alleingelassen werden.“
Mit dem Urteil kommen nach Angaben von Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap erstmals seit dem Koreakrieg zwei US-Bürgerinnen in ein nordkoreanisches Arbeitslager, wo Häftlinge Schwerstarbeit in Bergwerken, Straßenbau und Landarbeit leisten müssen. Südkorea erfährt über die Zustände in den Gulags von den mehr als16.000 Überläufern, die es bisher aus dem Norden aufgenommen hat. Seouls Einheitsminister Hyun In-taek rechnet für das Jahr 2009 mit weiteren 3000 Flüchtlingen, die dem Terror- und Armutsstaat zu entkommen suchen.
Inzwischen haben nicht nur die Unrechtsurteile die Spannungen in der Region weiter verschärft. Nordkorea hat erneut die internationale Schifffahrt aufgefordert, vom 9. Juni bis 29. Juni große Meeresgebiete vor seiner Ostküste zu meiden. Nordkorea bereite neue Raketentests vor, meldete Yonhap. Pjöngjang hatte am 5. April eine Langstreckenrakete über das Gebiet fliegen lassen.





