Morgenpost Online: Sie wollten mit einer gestärkten FDP nach der NRW-Wahl auf die CSU losgehen „bis die Schwarte kracht“. Wohin jetzt mit der überschüssigen Energie?

Kubicki: Man kann nach diesem Wahlergebnis in der Tat nicht mehr Einzelnen auf die Nase hauen. Die Berliner Koalition insgesamt ist ja erheblich geschwächt, insbesondere wegen des desaströsen Ergebnisses der nordrhein-westfälischen CDU.

Morgenpost Online: Die FDP hatte sich aber auch deutlich mehr vorgenommen.

Kubicki: Natürlich, wir hatten uns definitiv mehr vorgenommen. Bedauerlicherweise hat das nicht funktioniert.

Morgenpost Online: Woran lag's?

Kubicki: Ein Grund für dieses Ergebnis ist sicherlich, dass die Koalition in Berlin daran geglaubt hat, sie könne wichtige Entscheidungen bis nach der NRW-Wahl vertagen. Diese Hoffnung hat getrogen.

Morgenpost Online: Also müssen Sie jetzt mit der eigenen Partei hart ins Gericht gehen?

Kubicki: Ich muss mit der eigenen Partei nicht hart ins Gericht gehen, denn das, was in NRW passiert ist, trifft die FDP ins Mark. Und zwar in allen Landesverbänden. Wenn nun vereinzelt schon die Frage gestellt wird, wozu man die FDP überhaupt braucht im Bund und anderswo, dann ist das sehr schmerzhaft.

Morgenpost Online: Und?

Kubicki: Wir werden uns jetzt schütteln als Partei. Und uns darauf besinnen, dass wir mit dem Thema Steuersenkungen mitten in einer Wirtschafts- und Finanzkrise dieses Ausmaßes nicht reüssieren können in den kommenden Jahren. In dieser Situation erwartet niemand, dass weitreichende Steuersenkungen vorgenommen werden.

Morgenpost Online: Welche Schwerpunkte wollen Sie stattdessen setzen?

Kubicki: Wir müssen nun zeigen, dass wir die Finanzmärkte auch mit liberalen Mitteln und Methoden in den Griff bekommen. Die Menschen erwarten von uns Antworten auf die Frage, wie man mit dieser Krise fertig werden kann.

Morgenpost Online: Sehen Sie einen Weg?

Kubicki: Die Regulierung der Märkte ist jedenfalls unausweichlich. Es wird ja dauernd behauptet, die FDP sei strikt dagegen. Das Gegenteil ist richtig. Es waren Liberale, die das Wettbewerbs- und Kartellrecht geschaffen haben. Leerverkäufe zum Beispiel müssen wieder verboten werden in Deutschland. Hedgefonds müssen in ihren Möglichkeiten begrenzt werden. Und ich bin auch Anhänger einer zeitlich begrenzten Finanztransaktionssteuer, aber mit dem Aufkommen dieser Steuer müssen kleinere und mittlere Einkommen entlastet werden. Den Widerstand gegen derlei Überlegungen kann ich nicht nachvollziehen.

Morgenpost Online: Was muss der Bund tun, damit ihm nach „Griechenland“ nicht die Etats um die Ohren fliegen?

Kubicki: Es wird drastische Sparprogramme geben müssen, auf der Bundesebene wie auf allen Länderebenen.

Morgenpost Online: Was bedeutet dies konkret?

Kubicki: Wir werden Subventionen zurückfahren und auch im Sozialbereich Einsparungen vornehmen müssen. Das wird die Landwirte treffen, die Industrie, die großen Unternehmen. Wie kommen wir beispielsweise dazu, die Motorenforschung für die großen Automobilhersteller zu finanzieren? Das ist doch deren ureigenste Aufgabe.

Morgenpost Online: Sie waren ja noch nie ein glühender Verehrer Guido Westerwelles. Sollte er eines seiner beiden Ämter besser abgeben?

Kubicki: Ich sehe im Moment niemanden, der Guido Westerwelle als Parteivorsitzender ersetzen kann. Die FDP hat in erster Linie ihm das herausragende Ergebnis bei der Bundestagswahl zu verdanken. Aber er müsste diese Frage selbst entscheiden.

Morgenpost Online: Einen Außenminister mit so schlechten demoskopischen Werten hat es noch nicht gegeben.

Kubicki: Er hat selbstverständlich versucht, die FDP auch im öffentlichen Bewusstsein zu halten, nachdem er Außenminister geworden ist. Dabei hat er offensichtlich den Ton, den man in diesem Amt erwartet, nicht hundertprozentig getroffen. Aber ich bin mir sicher, dass er seine Performance deutlich verbessert.

Morgenpost Online: Gilt das auch für Dirk Niebel?

Kubicki: Der macht doch eine ganz gute Figur. Aber die FDP hat natürlich ein Problem mit der Tatsache, dass sie ein Ministerium besetzt, das sie vor der Bundestagswahl noch abschaffen wollte. Es ist wenig überzeugend, wenn man gleich nach der Wahl das Gegenteil von dem macht, was man vor der Wahl beschlossen hat.

Morgenpost Online: Ihre NRW-Parteifreunde hatten darüber nachgedacht, ob sie über eine Ampelkoalition verhandeln sollen...

Kubicki: Eine Ampelkoalition wäre schwer vermittelbar. Die NRW-FDP hat unmittelbar vor der Wahl in einem einstimmigen Parteitagsbeschluss erklärt, dass es dazu nicht kommt. Und ich wüsste auch nicht, wo die politischen Gemeinsamkeiten sein sollten.

Noch am Wahlabend hat Cem Özdemir die FDP in einem Atemzug mit der Linken als radikale Partei bezeichnet. Wie soll die FDP mit Leuten verhandeln, die Liberale als Radikale bezeichnen und sie in die Nähe von Verfassungsfeinden rücken? Das wäre schon eine große Zumutung.