„Ich bin die Vorsitzende.“ Gesine Lötzsch hat das bisher immer mal wieder gesagt, wenn sie ihren Einfluss deutlich machen wollte. Bisher meinte sie damit nur einen der mitgliederstärksten Bezirksverbände der Linkspartei im Osten Berlins. Zwischen Plattenbauten, bürgerlichen Quartieren und den Wohnstraßen der früheren bewaffneten Organe der DDR regiert die frühere PDS im Bezirk Lichtenberg seit 15 Jahren als Staatspartei. Und Gesine Lötzsch ist die unangefochtene Nummer eins.
Am Sonnabend, beim Parteitag in Rostock, stieg sie an der Seite des bayerischen IG-Metall-Funktionärs Klaus Ernst zur Parteichefin auf. Die 48 Jahre alte Lötzsch bekam 92,8 Prozent der gültigen 557 Stimmen, der 55-jährige Ernst 74,9 Prozent. Der Gegenkandidat von Ernst, der Kommunalpolitiker Heinz-Josef Weich aus Niedersachsen, war mit 13,9 Prozent chancenlos. Lötzsch erhielt das bisher beste Ergebnis überhaupt bei den Wahlen zum Linke-Vorsitz.
„Dann bin ich die Vorsitzende“, sagte die Philologin bisher, um zu begründen, warum sie sich in den aktuellen Scharmützeln ihrer Genossen wegen des neuen Parteiprogramms zurückhielt. Der Satz vermittelt auch eine Botschaft an die alten Männer, Lothar Bisky und Oskar Lafontaine, die nun abgetreten sind. Die Berlinerin will an der Parteispitze nicht nur die Platzhalterin geben.
Niemand sollte Gesine Lötzsch unterschätzen. Denn sie hat eine gute Grundlage für den Spitzenjob. Das ehemalige SED-Mitglied verkörpert die Seele der Linken, zumindest ihres ostdeutschen Mehrheitsteils mit den Wurzeln in der Volkspartei PDS. Die frühere Mitarbeiterin der Humboldt-Universität, deren Mann in der DDR erst im Gefängnis saß und später für die Stasi spionierte, hält gleiche Nähe oder Distanz zur alten DDR-Elite, zu jungen Pragmatikern oder linken Sektierern. Gesine Lötzsch verdirbt es sich mit keinem. Anders als die dem Reformflügel verbundene Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, mit der sie von 2002 bis 2005 als Duo im Parlament saß, hat sie sich aus Richtungskämpfen der Partei stets herausgehalten.
Deshalb sei sie heute nicht verbrannt und geeignet, die Kämpfe in der neuen Partei zu moderieren, sagen auch solche Parteifreunde, die nicht zu den Freunden der Lichtenbergerin zählen. Wenn die Pragmatiker in ihrem Landesverband den in Rostock debattierten Programmentwurf als untaugliches, antikapitalistisches Machwerk geißeln, sagt Lötzsch, sie sei froh, dass überhaupt ein gemeinsamer Entwurf vorliege. Man müsse Fundamentalkritik vermeiden.
Anders als ihr kapriziöser Co-Vorsitzendenkandidat Ernst, der wegen seiner Vorliebe für schnelle Autos von vielen Genossen schief angesehen wird, ist Lötzsch auch im Laufe ihres politischen Aufstiegs von der kleinen Landtagsabgeordneten bis zur finanzpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion komplett bodenständig geblieben. Sie lebt weiter in einer Wohnung in der Lichtenberger Großplatte, wo ihre Partei meistens 40 Prozent der Stimmen einsammelt.
Sie ist eine Kümmerin, wie sie gerade linke Parteien dringend brauchen.
Auch ihre Vorstellungstour durch die Parteibasis im Westen und ihre Pflichten als Regierungskritikerin in der Euro-Krise hinderten sie nicht daran, sich auch den kleinen, aber gerade für die Linken enorm wichtigen Symbolthemen im Wahlkreis zu widmen. Dazu gehört der Kranz am sowjetischen Panzer zum Tag der Befreiung vor dem Kapitulationsmuseum in Karlshorst wie die Spende für einen Gedenkstein für den antifaschistischen Widerstandskämpfer Erwin Nöldner.
Die neue Parteichefin changiert in ihren Aussagen zwischen harter Systemkritik und bodenständigem Pragmatismus. Wenn, wie geschehen, junge Heißsporne aus ihrem Kreisverband zu eng mit radikalen Linken paktieren und revolutionäre Demonstrationen mit gewalttätigem Ausgang anmelden, wäscht sie den Radikalen intern den Kopf, steht nach außen aber loyal zu den Genossen. Auch einen radikalen Bruch mit dem Milieu der alten Stasi-Offiziere, von denen es rund um den früheren Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit besonders viele gibt, hat sie bisher nicht vollzogen. Auch wenn sie natürlich alle Resolutionen, in denen sich die Partei vom Stalinismus distanziert, mitträgt.
Lötzsch legt sich ungern fest. Schon in ihrer Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus war sie immer gut für kritische Worte gegen die rot-rote Koalition. Letztlich hat sie aber den Sparkurs der Regierungslinken immer mitgetragen. „In zugespitzten Situationen stand sie weder auf der einen noch auf der anderen Seite“, sagt ein Genosse, der sie lange kennt. Stets habe sie abgewartet, wie sich die Verhältnisse sortierten. Ihre Stärke sei zugleich ihre Schwäche, sagen sie in Berlin über die erfolgreiche Parteifreundin. Sie drücke sich so vorsichtig aus, dass alle Lesarten möglich seien. Selten beziehe sie klare Position. Was sie eigentlich politisch wolle, sei undeutlich, heißt es: „Ihr Projekt ist sie selbst.“





