William Dumbley reckt sich aus seinem Stuhl hervor und geht zum Spiegel, stolz seine Haarpracht bestaunend, die ihm Richard Adams, sein Frisör in Acton Town, West London, soeben gestutzt hat. „Schon wählen gegangen?“, frage ich ihn. „Klar doch“, seine Antwort, und er hält auch nicht hinterm Berg, wohin er sein Kreuzchen gesetzt hat. „Tories, natürlich. Die Briten lieben keine Koalitionen, wirklich nicht. Dieses Gemurkse und Verteilen der Verantwortung auf zwei Parteien ist nicht unsere Sache.“
Ich erinnere ihn daran, dass in Edinburgh, Cardiff und Belfast Koalitionen regieren und einigermaßen geordnet und sachgerecht über die Runden kommen. „Das ist etwas ganz anderes. Ich spreche von der nationalen Verantwortung in Westminster, für das ganze Land, vor allem in der Wirtschaft. Da brauchen wir klare Entscheidungen, eine handlungsfähige Partei mit entsprechender Unterhausmehrheit. Bloß nicht diese Liberaldemokraten mit ihrem Nick Clegg. Alles Windbeutel, wenn Du mich fragst. Und Labour ist am Ende. Wir brauchen den Wechsel.“
So eingestimmt schwenke ich in den Tag der Tage ein, die Entscheidung um die Downing Street, den Tag der Unterhauswahl. Man blickt auf eine Amtszeit zurück, die mit Tony Blair 2005 begann, von Gordon Brown 2007 fortgesetzt wurde und jetzt nach fünf Jahren, dem letztmöglichen Termin, ausläuft. Brown ist bisher nie gewählt worden als Premierminister, dies ist sein erster Test als Regierungschef, ob seine Ausstrahlung für ein eigenes Mandat ausreicht.
Hätte er nur im Sommer 2007 wählen lassen, als sein Ansehen als Schatzkanzler, sprich Finanzminister, auf dem Höhepunkt stand, sagen viele der Labour-Getreuen: Er wäre wie selbstverständlich an der Macht bestätigt worden und hätte bis 2012 regieren können.
Aber der Zauderer in Brown wagte nicht den frühen Sprung in den Wahltest, und so kam die Finanz- und Wirtschaftskrise über ihn, deren Folgen er jetzt ausbaden und gegen deren Gewalt er anreden muss mit feuriger Zunge, um sich als den Wirtschaftslenker zu empfehlen, den das Land jetzt brauche.
Die Krise drückt aufs Gemüt – die Menschen, die ich heute den Wahllokalen haben zustreben sehen, wirken nicht wie strahlend der Zukunft zugewandt. Solche Mine tragen nur Gordon Brown, David Cameron und Nick Clegg zur Schau, die Anführer ihrer Parteien, und sie müssen lächeln für die Kameras, als sei ihnen der Sieg sicher.
David Cameron ging als Erster der Drei zur Wahl, um 10.30 Uhr in seinem Wahlkreis Witney in Oxfordshire, begleitet von Ehefrau Samantha, die einer ganz anderen Verheißung als dem möglichen Umzug in die Downing Street entgegen sieht – der Geburt ihres vierten Kindes, im September.
Gordon Brown erschien um 11 Uhr im Gemeindezentrum seines Wahlkreises Queensferry, Grafschaft Fife in Schottland, auch er begleitet von seiner besseren Hälfte, Sarah, die ihren Mann nicht mehr aus den Augen gelassen hat, seit er vor einer Woche sich so peinlich blamierte nach dem Gespräch mit der Rentnerin Gillian Duffy, die er in einem unbeobach-teten (aber von einem Radiomikrofon überhörten) Moment „diese bornierte Frau“ genannt hatte.
Sarah Brown ist überall, keine Kameraeinstellung, die nicht neben dem Regierungschef auch ihr Gesicht ins Visier nimmt, hinter und neben ihm stehend in engster Tuchfühlung. Das fällt vielen unangenehm auf, so, als brauche der erste Mann der Politik gewissermaßen eine Nanny, die ihn davor bewahrt, einen neuerlichen Faux pas zu begehen.
Da hat es Nick Clegg einfacher. Er ist mit einer aus Valladolid stammenden spanischen Karrierejuristin verheiratet, mit Miriam Gonzáles Durántez, und die war in den Wo-chenmitten des Wahlkampfes viel zu beschäftigt, auch mit den drei Kindern, um sich ständig an der Seite ihres Mannes ablichten lassen zu können. Sie kann auch nicht wählen, da sie nur ihren spanischen, keinen britischen Pass besitzt. Attraktiv wie die anderen drei Gattinnen der Spitzenpolitiker, braucht sie aber ihrem Mann keine Hilfestellung in puncto Appeal zu leisten: Er hat genügend eigenes Charisma und zehrt vom Effekt seiner steilen Erfolgskurve wie der eingespielte Impresario seiner selbst.
„Cleggmania“ war auch heute wie-der zu besichtigen, als der Chef der Liberaldemokraten in seinem Wahlkreis Sheffield Hallam um 11.20 Uhr erschien, um seine Stimme abzugeben. Der Pulk der Fotografen war beängstigend, wo sich um Brown und Cameron nicht die Spur irgendeiner Aufregung gezeigt hatte. Clegg genießt (oder erleidet) den plötzlichen Ruhm ei-nes Popstars, die Fotografen schlagen sich um die Pole Position für ihre Geräte, es war eigentlich den ganzen Wahlkampf über so: Kein Durchkommen, wo Nick Cle-gg erschien.
Wie weit sich dieser Rummel in Stimmen niederschlägt? Wer das wüsste. Medien und Volksmeinung sind zwei unterschiedliche Dinge, und bei dem britischen Stimmrecht, dem Direktwahlsystem, kann es leicht passieren, dass auch eine große Zahl abgegebener Stimmen sich nicht unbedingt überträgt in die entsprechend große Zahl von Unterhaussitzen. Warten wir’s ab.
Nicht mehr abwarten werden die Finanzmärkte, was nach dieser Nacht mit der britischen Insel und ihrem horrenden Staatsdefizit geschieht. Einen ersten Vorgeschmack davon gab am Tag vor der Wahl ausgerechtet die Europäische Kommission. Was die Briten am heutigen Morgen in ihren Gazetten zu lesen bekamen, wirkte wie eine kalte Dusche aus Brüssel. Die Kommissare erinnerte daran, dass das britische Defizit (also die Kreditaufnahme in diesem Jahr) mit 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts das höchste sei in der gesamten EU, höher als das griechische mit 9,3 und das irische mit 11,7 Prozent.
Brüssel warnt: Das Erste, was die neue britische Regierung vorlegen müsse, sei „ein überzeugendes und detailliertes Programm“, wie das Land seine Staatsverschuldung abzubauen gedenke. Es sei „bei weitem die wichtigste Aufgabe“ für die neue Regierung. Die Kommission bemängelt auch die Riesensummen an Steuergeldern, die zur Stabilisierung der Banken ausgegeben wurden und die inzwischen zu einer Belastung für den Haushalt geworden sind.
Da liegt der Hase im Pfeffer, dies ist der Grund, warum ich die Menschen so verhalten sind. Sie ahnen, was auf sie zukommt, und was keine der führenden Parteien während des Wahlkampfes den Schneid hatte, ihnen explizit darzulegen. Wer will schon eine Wahl ansteuern mit Kassandra-Rufen und Warnungen vor der großen Austerity, die jetzt auf alle zukommt? Doch schon vor zwei Wochen kritisierte das renommierte Londoner „Institut für Fiskalstudien“, dass die Politik nicht ehrlich gewesen sei gegenüber dem Wahlvolk und das wahre Ausmaß der britischen Verschuldung geheim gehalten habe.
Die „Schuldenlüge“ gefällig? Es wird bitter ernst auf der Insel in der nächsten Zeit. Die Tories zumindest haben bereits ein Notbudget angekündigt für den kommenden Monat, sollten sie an die Macht gewählt werden, damit noch im laufenden Haushaltsjahr die ersten Einsparungen beginnen können. Auch Großbritannien wird schon bald vor Griechenlandfrage stehen: Habt ihr die Nerven, den Stoizismus, die bittere Medizin der Haushaltskonsolidierung zu schlucken? Oder geht es auch mit euch durch, kommen Streiks und Unruhen auf den Straßen?
Der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, ließ unlängst in einem vertraulichen Gespräch wissen, er bedaure die Partei, die bei dieser Wahl als Sieger hervorgeht: Sie werde eine Generation lang unwählbar werden wegen der harten Maßnahmen, die sie ergreifen muss.
Der Mai ist gekommen, die Prognosen schlagen aus. Und es sind keine heiteren für Britannien.





