Regierungskrise

Gordon Brown wird zum Opfer seiner Illoyalität

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Thomas Kielinger

Minister um Minister verabschiedet sich aus dem Kabinett Gordon Browns. Nach und nach ereilt Brown nun die Rache für seine jahrelang geübte Illoyalität. Doch für Brown, den Grabenkämpfer, Wegbeißer und „control freak" ist Abtreten eine unvorstellbare Option.

Es gibt eine amerikanische Krimiserie, „24“ genannt, in welcher der jeweilige Fall im Tempotakt der zerrinnenden Stunden eines einzigen Tages der Lösung zusteuert. Der Puls des Zuschauers steigt, während das Geschehen sich von Stunde zu Stunde dem Gipfel nähert, der „Peripetie“, wie es in der antiken Tragödientradition hieß. Dann fällt der Ruchlose, „getroffen von der Rache Strahl“, um es mit Schiller zu sagen.

So verlief seit Donnerstagabend dieser Woche an der Themse das politische Drama um den umkämpften und ungeliebten Premierminister Gordon Brown – doch mit einem gewichtigen Unterschied: Er ist weder gefallen noch gestürzt worden, er steht noch immer auf dem Podest seiner Unpopularität, ein Koloss, unverrückbar in seinem Machthunger, der Nemesis widerstehend und damit allen Vorhersagen, die ihm sein baldiges politisches Ableben prophezeiten. Stunde um Stunde fielen links und rechts von ihm die Figuren früherer Bündnisse wie Kegel in einem Drama, das niemand zu lenken schien. Aber er, Gordon Brown, hielt stand, grimmig-verbissen den Verfolgern ausweichend, die ihn bereits in der Ecke sahen.

Abtreten ist keine Option

Abzutreten oder sich ausbooten zu lassen ist für den Schotten aus dem Edinburgh-nahen Kirkaldy, der seit Jugendjahren vom Ehrgeiz getrieben wurde, die Nummer eins der britischen Politik zu werden, eine unvorstellbare Option. Seine Amtszeit als Premierminister, Ende Juni 2007 begonnen, wäre eine der kürzesten in der britischen Geschichte, würde er jetzt gehen oder gehen müssen. Ein empfindlicher Kontrast zu dem anderen Rekord, den Brown bereits erzielt hat: der am längsten gediente Finanzminister (1997–2007). Das kann ihm nicht reichen, wo er nachweisen möchte, das Zeug zu haben zu mehr als nur einem erfolgreichen Schatzkanzler. Nummer zwei oder Nummer eins: der entscheidende Unterschied.

Die Überzeugung von seinem inneren Wert hat bei diesem Sohn aus streng presbyterischem Hause etwas geradezu Messianisches. Seine Pressekonferenz am Freitagnachmittag war gespickt mit verräterischen Floskeln. „Ich habe den Glauben an meine Pflicht“; „dies ist der, der ich bin“; „dies ist es, was ich zu tun gedenke“. Der sich selbst beschreibenden Litanei lag ein Flehen zugrunde, ein Flehen an Fortuna in Gestalt der Partei, der Medien, der Öffentlichkeit, ihm, dem Premier, seine fortgesetzte Mission abzunehmen und sich gläubig hinter ihm zu scharen, dem Mann mit dem Gewissen treuer Pflichterfüllung.

Zu viel „spin“

Aber die Briten sind zynisch geworden, um solcher Selbstbeweihräucherung eines politischen Ego noch Glauben zu schenken. Zu viel „spin“ und gelenkte bis unehrliche Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist in dem letzten Jahrzehnt über die Allgemeinheit hinweggegangen. Auch weiß man zu viel von Brown, dem Grabenkämpfer, Wegbeißer und „control freak“, dem besessen Kontrollierenden, um ihm seine frommen Beteuerungen abzunehmen. Als „Stalinist“ beschrieb ihn einer seiner Spitzenbeamten im Finanzministerium. Davon wusste auch Tony Blair ein Lied zu singen. Im Geschirr ihrer Partei die wichtigsten Zugpferde, waren beide dennoch verbunden in kalter Distanz, aus der bei Brown zuletzt die manische Sucht wurde, Blair loszuwerden.

Eigentlich nagte politische Eifersucht an Brown seit jenem Tag im Juni 1994, als er in einem berühmten Treffen mit Blair den Vortritt seines Kollegen anerkennen musste, die Nachfolge des soeben verstorbenen Labour-Führers John Smith anzutreten, was so viel wie die sichere Machtübernahme im Land drei Jahre später bedeutete. Blair, voller Mitleid mit dem Unterlegenen, räumte ihm Befugnisse in der künftigen Labour-Regierung ein, wie sie noch nie zuvor ein Premier irgendeinem Kabinettsmitglied konzediert hatte. Nicht nur Hoheit über die Finanzen, nein, auch Einspruchsrechte in allen Fragen der Innenpolitik. Seither hielt sich Brown für den eigentlichen Herrscher des Geschehens, nach dem Motto: Was kümmert es mich, wer unter mir Premier spielt … Dieses Überlegenheitsgefühl konnte bei Brown so weit gehen, dass er den eigenen Regierungschef meist nur eine Stunde vor dem jährlich zu enthüllenden Haushalt in die Einzelheiten desselben einweihte.

Es war das Brown-Lager innerhalb dieser tief gespaltenen Labour-Führung, dem es 2005 gelang, in einem Hinterbänkler-Komplott Tony Blair zum vorzeitigen Amtsverzicht zu drängen. Das wachsende Murren gegen den präsidial regierenden Blair ausnutzend, wusste Brown sein eigenes, glamourfreies Image zu lancieren, um sich als populäre Alternative zu empfehlen. Jetzt ereilt ihn die Rache für diese jahrelang geübte Illoyalität. Das Brown-Projekt, dieses hastig am Freitag umgeschichtete Kabinett, hält jedenfalls nicht aus Loyalität zum Premier zusammen, sondern aus nacktem Eigeninteresse, bis zum Ende der Legislaturperiode, also bis spätestens Ende Mai 2010, das eigene Fell zu retten.

Ein Einäugiger steuert das havarierte Schiff der britischen Politik. Man darf das metaphorisch – und wörtlich – verstehen. Brown stand nach einem Rugby-Unfall als Teenager in Gefahr, beide Augen zu verlieren. Die Ärzte retteten sein rechtes Auge; auf dem linken ist er seither blind. Das Erlebnis steigerte nur noch seinen Ehrgeiz, intellektuell zu glänzen: Mit 16 wurde er zum Studium zugelassen, als 21-Jähriger mit einer Arbeit über einen schottischen Sozialpolitiker promoviert und gleichzeitig per studentischer Akklamation zum Rektor der Universität Edinburgh ernannt – eine Position, die der akademischen Jugend heute nicht mehr offensteht. Jedenfalls waren die Weichen gestellt für eine von Ehrgeiz zerfressene Karriere. Schaut auf seine abgekauten Fingernägel, so die Brown-Verächter.

Doch steht mehr im Argen im Inselreich als ein Mann namens Gordon Brown. „Die Zeiten sind aus den Fugen“, wie Hamlet es sagt, die politische Klasse steht nach den Enthüllungen des Spesenskandals unter dem Generalverdacht, zu einer sich selbst bedienenden, vom Volk abgehobenen Elite verkümmert zu sein. Bei den Kommunalwahlen vom Dienstag gaben nur noch zwischen 30 und 45 Prozent der Wahlberechtigten, je nach Distrikt, ihre Stimme ab, wovon wiederum 38 Prozent auf die Konservativen fielen, 28 Prozent auf die Liberalen und nur noch 23 Prozent auf die Labour-Partei – das schlechteste Ergebnis in deren Gesamtgeschichte: Sie regiert in England und Wales keine einzige Grafschaft mehr. Der nächste Keulenschlag folgt mit dem Ergebnis der Europawahl. Zur Regierungskrise gesellt sich in Großbritannien die Systemkrise, und die Menschen fragen sich mit Sorge, wie ihr Land unter solchen Auspizien aus dem tiefen Tal der Rezession und der Angst um die wirtschaftliche Zukunft herausfinden soll.