Aus dem beigen Jeep der Scharfschützen dröhnt Rockmusik aus einem Weltempfänger, vor dem Geländewagen haben die Soldaten auf Biergartentischen ihre Gewehre ausgestellt. Auf weißen Campingtischen liegen Maschinenpistolen und Granatwerfer. Es ist Tag der offenen Tür im Camp Marmal im Norden Afghanistans, dem größten Militärlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands. Die Soldaten in den Tarnuniformen erklären den Besuchern die Waffen. Die Bundeswehrpiloten haben ihren Stand vor dem Hangar. Die Männer in den grauen Einsatzkombis zeigen einen Transportflieger, einen Kampfjet und Rettungshubschrauber. Ihre Kameraden aus dem Camp stehen Schlange, jeder will in der Kanzel Platz nehmen.
Doch dann kommt Unruhe auf. Zwei Piloten stürmen durch die Besucherreihen in Richtung Rollfeld. Der Rettungshelikopter hebt Minuten später ab. Die Soldaten sehen ihm nach – schweigend, mit ernsten Mienen.
Ralf M., Oberstabsbootsmann aus Berlin, ist zu diesem Zeitpunkt bereits über das Wichtigste informiert: Zwei Soldaten aus Norwegen, ebenfalls im Camp Marmal stationiert, sind auf Patrouillenfahrt „angesprengt“ worden, wie es in der Sprache der Militärs heißt. Das Attentat ereignet sich nur wenige Kilometer vom Feldlager entfernt, die Bombe war am Straßenrand versteckt.
Informationen aus neun Provinzen
Ralf M. arbeitet im „Joint Operation Center“, dem Lagedienst der Bundeswehr im Camp Marmal. Das Zentrum befindet sich in einer Baracke, die eher unscheinbar, aber hermetisch durch Zäune, Stacheldraht und Schleusen abgeriegelt ist. Auf dem Dach des beigen Containers stehen sehr viele Antennen. Im Inneren laufen 24 Stunden lang Informationen aus dem Norden Afghanistans zusammen. Die wichtigsten aus neun Provinzen, die unter dem Kommando der Deutschen stehen: Unfälle, Anschläge, Aufstände.
Der 56-jährige Charlottenburger sitzt am Computer und filtert Nachrichten. Daraus werden dann Befehle, wie der, den Hubschrauber zu den verletzten Norwegern zu schicken. Trotz der Rettungsaktion – die schnelle Hilfe ist vergebens. Einer der beiden norwegischen Soldaten stirbt auf dem OP-Tisch der Bundeswehr.
Vor der Lagedienstbaracke ziehen deutsche Soldaten die Flaggen im Ehrenhain auf halbmast. „Ich habe noch nie erlebt, dass sie länger als drei Tage oben waren“, sagt Ralf M. Über den Tod rede man im Lager kaum. Vielleicht auch, weil er immer gegenwärtig ist.
Der Soldat wirkt während seiner Arbeit ruhig und konzentriert. Die Informationen kommen minütlich auf seinen Rechner, wenn es Anschläge gibt, herrscht im Lagedienst Hochspannung. „Für diesen Job braucht man ein ausgeglichenes Gemüt“, sagt der Berliner, „hier arbeiten deshalb die stressresistenten, älteren Semester.“ Der Alltag im Camp zehrt an den Kräften von Ralf M., der häufig 15-Stunden-Schichten absolviert. Der Personalmangel sorgt für Überstunden. Fast täglich.
Tagsüber herrschen im Camp Saunatemperaturen, nachts kriecht die Kälte in die Betten. Vier Monate lang ist Ralf M. in Afghanistan stationiert, pro Tag erhält er 110 Euro Zuschlag zum Sold. An zwei Vormittagen in der Woche ist dienstfrei. Das Feldlager, 6000 Kilometer von Deutschland entfernt, bietet auch einen DVD-Verleih, eine Pizzeria, eine Wäscherei, Post, Kirche, zwei Fitnesszelte, eine Badminton-Halle, Geldautomaten und einen orientalischen Markt, betrieben von Einheimischen.
Drei Mal am Tag gibt es Essen, das 30 Euro pro Soldat kostet, Getränke sind kostenlos. Täglich werden 10000 Wasserflaschen à 0,5 Liter verbraucht. Die Post – 20 Tonnen pro Monat – geht pünktlich raus, in der Wäscherei stapeln sich die Beutel mit Schmutzwäsche von 2500 Soldaten. Über das Camp schallt der Sound des Bundeswehrsenders Radio Andernach: Lady Gaga, Herbert Grönemeyer, Rolling Stones.
„Nach der Arbeit gehe ich meist ein Bier trinken, um runterzukommen“, sagt der Oberstabsbootsmann, „sonst rotieren die Gedanken im Kopf, und ich finde nicht in den Schlaf.“ Ralf M. spricht ruhig, fast besonnen über den Dienst. Er ist Reservist, eine Art Teilzeitkraft bei der Bundeswehr und je nach Bedarf einsetzbar. Wenn die Bundeswehr ihn nicht braucht, arbeitet der ehemalige Waldorfschüler als Entwicklungshelfer für das Rote Kreuz oder die Caritas.
In seinen Jobs sieht er keinen Widerspruch. „Ich versuche auf unterschiedlichen Wegen die Zivilgesellschaft zu stärken“, sagt Ralf M. In Afghanistan leiste die Bundeswehr Hilfe zur Selbsthilfe. Wer aber glaube, dort eine Demokratie nach westlichem Vorbild erschaffen zu können, der sei zum Scheitern verurteilt. Ralf M. hofft auf eine Art Mischform des Staatswesens, eine Diktatur müsse verhindert werden. Aber er sagt auch: „Wir werden keine Regierung 20 Jahre lang an der Macht halten können.“
Es ist Nacht im Camp Marmal, benannt nach dem angrenzenden Marmal-Gebirge. Im Gefechtsstand der Pionierkompanie brennt Licht. Stabsunteroffizier Jörg D. öffnet die schwere Stahltür des Fuchs, eines dreiachsigen Transportpanzers. Der 27-Jährige nimmt Apparate in die Hand, prüft den Bordcomputer, Schläuche, Schrauben, Verbindungen. Morgen früh geht es raus, vor das Tor, dort wo die Taliban die Isaf-Soldaten bekämpfen. Alles muss funktionieren.
Die Gefahren sind auch unsichtbar
Jörg D. prüft Schaltstellen, zahlreiche Knöpfe, eine Sonde aus Metall. „265 Chemikalien und Kampfstoffe können wir sofort nachweisen“, sagt der junge Soldat aus Brandenburg. Unter seinem Schulterstück auf der Uniform prangt ein kleiner Aufnäher: „ABC Abw Zg“. ABC steht für atomare, biologische und chemische Kampfstoffe. Jörg D. ist sogenannter Spürer im Abwehrzug. Er und seine Kameraden fahren durch Afghanistan und spüren auf, wo Gefahren lauern, die man mitunter nicht sieht, nicht riecht, nicht schmecken kann.
Der letzte prüfende Griff geht in die rechte Brusttasche seiner Uniform zu seinem Glücksbringer. Eine kleine Tigerfigur, zeigefingergroß, mit grinsendem Maul. Fast jeder Soldat in Afghanistan trägt Ähnliches am Körper. Der Glaube an Übernatürliches hilft, wenn die reale Gefahr groß ist. 32 Bundeswehrsoldaten haben bisher in Afghanistan ihr Leben gelassen. Zuletzt ein Hauptgefreiter aus Donaueschingen, sechs Jahre jünger als Jörg D. Viele seiner Kameraden kehren aus Afghanistan traumatisiert zurück – unsichtbar verwundet, wie es im Camp heißt.
„Ich wollte während meiner Dienstzeit die Erfahrung eines Auslandseinsatzes machen“, sagt Jörg D. Angst habe er nicht, sagt er, „aber die Nervosität steigt vor jeder Patrouille.“ Es ist seine sechste Fahrt ins Ungewisse.
Am Morgen verlässt der Konvoi das Lager. Der Auftrag des Truppenführers lautet: Wo werden ominöse Behältnisse gelagert? Wo stehen herrenlose Fässer? Welche Container könnten gefährlich sein? Alles soll untersucht oder zumindest fotografiert werden. Das gleißende Sonnenlicht zwingt Jörg D., die Augenlider zusammenzukneifen, mikrofeiner Wüstenstaub überzieht seine Brillengläser. Er steht an der hinteren Luke des Transportpanzers, das Gewehr im Anschlag. So sichert er einen definierten Bereich, einen bestimmten Winkel, den er nicht mehr aus den Augen lässt. Es geht über Landstraßen, Kreisverkehre, löchrige Feldwege und schmale Stadtstraßen. In Masar-i-Scharif huschen Männer über ein Dach. Nichts passiert. Dem Konvoi nähert sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit. Dann stoppt es und biegt ab. Entwarnung. Ein Taxi steht wie zufällig am Straßenrand. Der Fahrer winkt. Die Bundeswehrsoldaten atmen sichtlich auf.
„Ich melde nie nach Hause, wann es auf Patrouille geht“, sagt Jörg D., „aus Sicherheitsgründen und weil ich meine Eltern nicht in Sorge versetzten möchte.“ Aber er schreibt Briefe. 70 Stück seit seiner Ankunft in Camp Marmal.
















