Ob in der American Academy in Berlin, beim Bergedorfer Gesprächskreis irgendwo in der Welt oder in den UN-Kreisen der Großen und Guten, Richard von Weizsäcker hat eine Präsenz wie keiner zuvor. So möchte man den 90. Geburtstag erleben, im inneren Gleichgewicht, satt an Erfahrung und zugleich fest im Auftreten.
Was ist das Geheimnis des Herrn mit den weißen Haaren, dem aufrechten Gang und der distanzierten Freundlichkeit? Er ist – ein Wort Obamas über sich selbst zu gebrauchen – eine Projektionsfläche für die Hoffnung der Deutschen, es möchten sich Geist und Macht untrennbar verbinden, von jetzt an bis in Ewigkeit.
Als er nach acht Jahren an der moralischen Tete aus dem Amt schied – den perfekten Rahmen gab noch die großbürgerliche Bonner Villa Hammerschmidt, nicht das königlich preußische Schloss Bellevue in Berlin – da konstatierte ein Abschiedsartikel, wohl wissend, dass die evangelischen Rituale derlei nicht kennen: „Ende des Hochamts“.
In die leise Ironie mischte sich unausgesprochenes, nicht verfassungskonformes Bedauern, dass das Grundgesetz für Ausnahmefälle die Monarchie nicht vorsieht. Richard von Weizsäcker hätte eine Mehrzahl der Deutschen wohl eine Sonderregelung dieser Art gern zugestanden. Und wer weiß – vielleicht hätte er darüber nachgedacht.
Die Tatsache, dass auch anderthalb Jahrzehnte nach diesem Abschied Richard von Weizsäcker an Beliebtheit wie an Autorität kaum zu übertreffen ist, weit vor allen aktiven Politikern, spricht dafür, dass ihm die perfekte Legierung von Macht und Moral gelang, wie keinem der Vorgänger und keinem der – bisher – Nachfolger.
Die schmalen Möglichkeiten, die das Grundgesetz dem Amt des Bundespräsidenten bietet, hat er genutzt – außer in der härtesten aller Proben, als es um die deutsche Einheit ging.
Da ließ sich Weizsäcker von Diplomatie und Staatsklugheit leiten, machte den Warner und hatte in vielem, aus der Sicht von damals wie aus der von heute, recht.
Doch verkannte er, anders als Helmut Kohl und Willy Brandt - die er beide indirekt kritisierte - dass man das Eisen schmieden muss, so lange es heiß ist: Dies war die Krise aller Krisen.
Es ging nicht um deutsche Einheit oder nicht. Es ging, wie Eduard Schewardnadse, Gorbatschows Außenminister, wenig später dem Kohl-Vertrauten Peter Boenisch sagte, „um deutsche Einheit oder Krieg – Atomkrieg“.
Das volle Gefahrenpotential, als der Ostblock einstürzte, hat sich den Deutschen damals nicht enthüllt und auch nicht später. Aber es musste nicht so friedlich-schiedlich kommen, wie es dann kam. Weizsäcker war viel zu klug, um das damals nicht zu sehen, und sein Warnen und Zögern hatte gute Gründe.
Doch die Ereignisse überstürzten sich. Die gefahrenschwangere Lage in Deutschland, die Massenflucht aus der Noch-DDR, der sichtbare Zerfall der Autorität im Sowjetimperium ließen den handelnden Politikern nicht Zeit für eingehendes Studium des Für und Wider und psychotherapeutische Sitzungen.
Einmal war der Geist der Macht unterlegen
Weizsäcker hatte recht, aber noch mehr recht hatten jene Politiker in Washington und Bonn und Moskau, die die Entscheidungen trafen. Kohl sprach, Bismarck zitierend, vom Mantel Gottes, der durch die Geschichte geht, und wie der Staatsmann aufspringen und ihn festhalten müsse.
Von Weizsäcker hat man solches nicht gehört. Es war nicht sein Stil, es war nicht seine Möglichkeit, es war nicht seine Analyse. Der Geist war, für einmal, der Macht unterlegen.
Populär ist er, aber dass er ein Mann des Volkes sei, hat ihm noch keiner nachgesagt. Und das Erstaunliche, aber auf die heimliche Monarchie-Sehnsucht verweisende Faktum bleibt, dass das Volk akzeptiert, wie Weizsäcker bei aller Jovialität, aller Offenheit und Ausgewogenheit immer aus einer anderen Welt kommt.
Es ist die Welt von Adel und Großbürgertum und weitreichenden Familienbeziehungen, die Wettkampf und Leistung fordern; die Welt der humanistischen Bildung, des Oxford-Studiums und eines liberalen Protestantismus; eine Erinnerung an das Reichswehr-Infanterieregiment 9, das die Tradition der preußischen Garderegimenter zu Fuß weitertrug und in der Wehrmacht ein seltener Hort des Widerstands gegen Hitler wurde.
Kritik am Kanzler, Kritik am Parteienstaat
In Nürnberg, beim Wilhelmstrassenprozess, ist Weizsäcker, nach ein paar Semestern Jura in Göttingen, für den Vater in die Bresche gesprungen als Hilfs-Verteidiger: Er ist es bis heute geblieben. Seine Rede zum 8. Mai 1985, nach 40 Jahren Wanderung der Deutschen in der Wüste, konnte nur einer halten, der um die Verstrickungen in der Diktatur nicht nur aus Büchern wusste, sondern aus familiärer Nähe.
In die Politik kam er auf dem Weg über Industrie-Verbindungen und die Laienbewegung der evangelischen Kirche, als, wie das lieblose Wort lautet, Seiteneinsteiger. Dass Helmut Kohl den eigenwilligen Freiherrn dazu bewegte und ihm ein Bundestagsmandat anbot, hat Weizsäcker nicht zu besonderer Dankbarkeit bewegt: Nicht in der Kritik am Kanzler, nicht in der Kritik am Parteienstaat.
Und als Kohl ihn in Berlin halten wollte als Regierender Bürgermeister, Selendoktor und Glücksfall für die geteilte und isolierte Stadt, da hat Weizsäcker Ego gezeigt und auf seinen eigenen Entwürfen bestanden.
Ein Parteisoldat? Weizsäckers Hellsicht auf den modernen deutschen Parteienstaat und sein krakenhaftes Machtmonopol war unnachsichtig und nicht durch Dankbarkeit getrübt.
Oberhalb des Gemenges
Herkunft und Lebenserfahrung, Weltkrieg und ziviler Aufstieg - das alles gab Distanz, mehr als allen Vorgängern und Nachfolgern. Immer, auch wenn er Hände schüttelt, ist Weizsäcker au dessus de la melée – oberhalb des Gemenges. Der Anzug des Bundespräsidenten war wie für ihn geschneidert – so nicht nur das allgemeine Urteil, sondern auch sein eigenes.
Der erste Bundespräsident Theodor Heuss war unverkennbar ein süddeutscher Liberaler, ein Honoratior aus dem 19. Jahrhundert. Heinrich Lübke repräsentierte das katholische, landverbundene Bürgertum und zahlte, als die Taktiken der Politik ihm die zweite Amtszeit aufzwangen, bitteren Tribut an die Hinfälligkeit der menschlichen Natur.
Gustav Heinemann sah sich als Praeceptor Germaniae, sauertöpfischer Mahner an Deutschlands verpasste Chancen, Vorläufer der sozialliberalen Koalition. Walter Scheel wird als Treiber der Neuen Ostpolitik im Gedächtnis bleiben, aber auch als jovialer Freigeist. Karl Carsten blieb immer der hohe Beamte, Staatsrechts-Professor und, obwohl er sich mühte, wenig nahbar.
Und dann kam 1984 Richard von Weizsäcker, umgab sich mit dem besten Stab, den ein Bundespräsident je aus Diplomatie und Medien aussuchte, sprach mit Gerechten und Ungerechten, und ging daran, das Amt neu zu definieren: zwischen der Ohnmacht, welche die Verfassungsväter, eingedenk der Weimarer Katastrophe, ihm einpflanzten, und der Autorität, die ihm innewohnt und die Weizsäcker als Bundespräsident aufbaute wie ein magnetisches Feld.
Charisma ist das Wort, und es dauerte über die acht Jahre hinaus. Dabei war er in Machtdingen viel zu klug und erfahren, es jemals auf offenen Konflikt ankommen zu lassen. Was wird bleiben? Weizsäcker hat den Deutschen geholfen, mehr als jeder andere, die Vieldeutigkeit ihrer Geschichte anzunehmen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und in europäischen Horizonten patriotisch zu denken.
Mit der Macht hat er sich, als er sie hätte haben können, nur sehr behutsam, auf Probe und Distanz eingelassen. Er verstand, dass es der Geist ist, zuerst und zuletzt, der die Materie treibt.




