Flick Collection

Ein Kunstgeschenk für Berlin

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Peter Dittmar

Foto: tb/hpl/h / dpa

166 Werke aus der Sammlung von Friedrich Christian Flick gehören nun dem Hamburger Bahnhof. Angesichts der insgesamt 2500 Arbeiten von 150 Künstlern sieht das nach Peanuts aus. Aber warum soll ein Sammler einfach hergeben, was er über Jahre zusammengetragen hat – von welchem Geld auch immer?

Friedrich Christian Flick gibt sich generös. Am Dienstag unterzeichneten er und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, einen Vertrag, mit dem er dem Hamburger Bahnhof – Museum der Gegenwartskunst 166 Werke zeitgenössischer Kunst aus seiner Sammlung übereignet. „Flick hat die Kulturstadt Berlin mit dieser großzügigen Geste unendlich bereichert“, erklärte dazu Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Diese Gabe sei ein „kraftvolles Bekenntnis zum Kunststandort Berlin“, fügte er noch hinzu. Das Aufatmen ist dabei nicht zu überhören. Denn die „Sammlung Flick“ hat Berlin wie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die 2004 dafür eigens die Rieckhallen neben dem Hamburger Bahnhof umbauen ließ, nicht nur Lobeshymnen eingebracht.


Drei Komplexe, politisch und kulturpolitisch aufgeladen, kamen dabei immer wieder zur Sprache. Das eine war die Verquickung des Flick-Konzerns, dessen millionenschwer ausgestatteter Erbe Friedrich Christian Flick ist, mit dem Nationalsozialismus. Als Flick ursprünglich seiner Sammlung in Zürich eine dauerhafte Heimat schaffen wollte, formulierte Christoph Marthaler, seinerzeit Intendant des Schauspielhauses Zürich, was viele dachten: er könne den Gedanken nicht verdrängen, „dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrechergeld und enteignetem, arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurden“. Das Projekt scheiterte.

Berlin hatte keine Bedenken

Solche Bedenken, obwohl sie immer wieder vorgetragen wurden, hatte Berlin nicht. Und auch das kulturpolitische Dilemma, das der Leihvertrag mit Flick genauso einschloss wie zuvor die Konditionen, zu denen die Sammlung Marx in den Hamburger Bahnhof gelangte, wurde als Nebensache abgetan. Zum einen war das das Eingeständnis, dass sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus eigener Kraft keine Sammlung zeitgenössischer Kunst leisten konnte, ihr Sammlungskonzept deshalb weniger kunsthistorischen Vorgaben als sammlerabhängigen Leihgaben entsprang. Damit einher geht das Risiko, dass es sich bei dem Arrangement mit der Flick Collection lediglich um einen auf sieben Jahre befristeten Leihvertrag handelt. Und durch diesen Museumsaufenthalt werden die Werke zweifellos geadelt und materiell aufgewertet.

Einen Teil dieser Bedenken macht die Flicksche Schenkung jetzt gegenstandslos. Denn nun gehören für einen Künstler wichtige Werke wie Bruce Naumans „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“ von 1984 oder Paul McCarthys „Saloon Theater“ wie Arbeiten von Georg Baselitz, Martin Kippenberger, Marcel Broodthaers, John Cage, Nam June Paik, Dan Graham, Dieter Roth, Isa Genzken, Stan Douglas, Candida Höfer und Wolfgang Tillmans dauerhaft dem Hamburger Bahnhof.


Insgesamt umfasst die Schenkung 166 Werke von 44 Künstlern. Angesichts der insgesamt 2500 Arbeiten von 150 Künstlern in der Flick Collection mag man das für Peanuts halten. Aber warum soll ein Sammler einfach hergeben, was er über die Jahre zusammengetragen hat – von welchem Geld auch immer? Selbst wenn er, wie Flick anmerkt, dabei durchaus an eine öffentliche Präsentation dachte.

Ein "Statement zur Familiengeschichte“

Allerdings nicht von Anfang an. Denn die ersten Käufe – Gemälde von Polke und Richter, später von Baselitz und Fotografien von Bernd und Hilla Becher – waren noch ambitionierter Zimmerschmuck. Aber dabei blieb es nicht. Bald kamen Rückgriffe auf den Dadaismus, auf Duchamp, Picabia, Giacometti wie Interesse für die gegenwärtige Kunst dazu. Deshalb betrachtete Flick den „historischen“ Komplex eines Tages als abgeschlossen. Fortan konzentrierte er sich auf die Zeitgenossen, auf Concept- und Minimal-Art. Bruce Nauman ist besonders stark vertreten. Aber auch Objekt- und Raumkunst, Installationen und Video gehören dazu. Und Fotografie. Davon wird eine Auswahl vom 21. März bis 10. August in den Rieckhallen zu sehen sein.

Friedrich Christian Flick sieht seine Sammlung „als intellektuelles Ergebnis eines in erster Linie sinnlichen, manchmal auch intuitiven Prozesses, der meine Person auch in ihren Widersprüchen, Ängsten und Sehnsüchten widerspiegelt. Ich glaube, meine Sammlung ist so – gerade durch ihren konzeptuellen, politischen, kritischen Kern – auch ein Statement zu meiner Familiengeschichte geworden. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Aufarbeiten kann ich meine Familiengeschichte damit aber nicht.“

Womit und in welchem Umfang dieses „Statement“, das nicht nur Ausdruck einer individuellen Laune wie persönlicher Vorlieben sein will, kunsthistorisch Bestand hat, kann erst eine ferne Zukunft entscheiden. Immerhin wird das nun der musealen Zunft leichter gemacht, weil durch die beachtliche Schenkung aus dem (Kunst-)Gastspiel ein Daueraufenthalt geworden ist.